Protest mit zuckendem Po

Russische Pilotenschüler provozierten die Obrigkeit mit einem Twerk-Video. Die Aufregung in Russland verwandelte sich in Entsetzen, als weitere Gruppen es ihnen nachmachten.

Allein im russischen Sozialnetzwerk «Vkontakte» sahen 4 Millionen Menschen binnen der ersten 24 Stunden den Clip.


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Die Jungs waren nackt bis auf ihre Unterhosen und Uniformschirmmützen. Dazu trugen sie noch Hosenträger, Schlipse und als Phallus-Symbole geeignete Utensilien: Bananen oder Besenstiele. Und sie wackelten im Rhythmus des italienischen Erotik-Songs «Satisfaction» aufs Heftigste mit ihren Hinterteilen.

Vergangenen Dienstag stellten die Schüler des Uljanowsker Instituts für Zivilluftfahrt ihren Twerk-Tanz ins Internet. Das Echo war explosionsartig. Allein im russischen Sozialnetz Vkontakte sahen 4 Millionen Menschen binnen der ersten 24 Stunden den Clip. Die Obrigkeit aber tobte. «Sie trugen die Schirmmützen der zivilen Luftflotte», schimpfte Sergei Krasnow, Rektor der Piloten-Hochschule. «Für diese Leute gibt es keinen Platz in der Luftfahrt.»

Der Gouverneur der Region Uljanowsk, Sergei Morosow, erklärte, man habe gemeinsam mit der Luftfahrtbehörde und dem Transportministerium eine Sonderkommission gegründet. «Die Prüfung des Falls wird extrem streng sein.» Der hochdekorierte Flugkapitän Oleg Serow sagte dem Reportageportal meduza.io, man solle den Twerkern die Hintern mit dem Gürtel versohlen. «Vor allem mit der Schnalle, damit der Abdruck des Sowjetsterns zurückbleibt.»

Twerk gilt der halbstaatlichen russischen Öffentlichkeit als Gräuel. «Konzentrierte Geschmacklosigkeit und Vulgarität», wettert die Föderationsratssprecherin Valentina Matwijenko. In Noworossijk wurden 2015 mehrere junge Tanzschülerin wegen eines Twerk-Tanzes vor einem Kriegerdenkmal zu Arbeitsstrafen verurteilt, jetzt aber zappeln sogar Jungmänner mit dem Unterleib. Dabei ist «Schwulenpropaganda» unter Jugendlichen gesetzlich verboten.

Kadetten und Biathletinnen

Die Aufregung in nationalpatriotischen Kreisen verwandelte sich in Entsetzen, als es die Bewohner anderer Internate den Nachwuchspiloten nachmachten. Erst veröffentlichten Kadetten des Ministeriums für Katastrophenschutz ihre «Satisfaction»-Version, dann Agrarberufsschüler, Studentinnen eines Medizin-College, Reitklubmitglieder, Theaterschauspieler, Jung-Biathletinnen in Nationaltrikots … «Verwilderung», stöhnt das erzkonservative Internetportal Regnum. «Sie filmen sich massenhaft in einem Stil gemischt aus BDSM und Schwulenfete.»

Aber dann legte auch Iwan Urgant, Moderator einer Comedyshow im Staatsfernsehen, eine Parodie ins Netz, die er mit drei Begleitern in sowjetisch anmutender Unterwäsche getanzt hatte. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen die Missetäter von Uljanowsk ein. Und Gouverneur Morosow riet, die Twerk-Tänzer nicht aus dem Institut auszuschliessen. Er forderte sie bei einem persönlichen Treffen auf, sich zu entschuldigen, bei ihren Eltern … Dabei hatten die Mütter selbst aus Solidarität getwerkt.

«Vielleicht hat man ihn ja aus dem Kreml angerufen. Bald sind Präsidentschaftswahlen, da will die Staatsmacht die Jungwähler nicht gegen sich aufbringen», vermutet der Politologe Igor Korgonjuk im Gespräch mit der BaZ. Tatsächlich zeige der virtuelle Flashmob, dass sich die Jugend nicht vorschreiben lasse, welche Musik ihr zu gefallen habe. Und sie schere sich nicht um die christlich-keusche Moral, die die Staatsmedien heuchelten. «Das war schon Protest. Wie zu Sowjetzeiten, als wir zum Unmut der Parteiideologen Rock ’n’ Roll gehört haben. Aber nicht deswegen ist die Sowjetunion zerbrochen.» Die Hoffnung liberaler Kommentatoren, Twerk werde das Signal zu einer neuen Jugendrevolte, sei stark übertrieben.

«Mit Politik hat das nichts zu tun»

«Das Video haben wir doch aus Fun gedreht, viele von uns haben feste Freundinnen», sagte einer der Pilotenschüler. Er wolle Flieger werden, den Himmel stürmen und entschuldige sich für den gefilmten Schwachsinn.

Ein Moskauer Polizeioffizier, der selbst eine Suworow-Kadettenschule absolvierte, sagte der BaZ, er und seine Kameraden hätten seinerzeit ähnlichen Unsinn angestellt, nur habe es damals keine Smartphones gegeben. «Mit Politik hat das nichts zu tun. Wenn die Jungs für die Luftwaffe ausgebildet würden, setzten sie sich danach ohne Zweifel in einen Kampfjet, um Syrien zu bombardieren.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.01.2018, 11:37 Uhr

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