Sie legen sich mit dem König an

Frauenrechte werden in Saudiarabien mit Füssen getreten. Per Petition soll nun ein Durchbruch erzielt werden – dafür wird ein spezielles Kommunikationsmittel genutzt.

Verhüllt und ohne Selbstbestimmung: Frauen in Saudiarabien.

Verhüllt und ohne Selbstbestimmung: Frauen in Saudiarabien. Bild: Keystone

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Sie sind selten: Möglichkeiten, die einen kritischen Einblick in den patriarchalischen Alltag Saudiarabiens erlauben. Der Regisseurin Carmen Butta gelang in diesem Jahr jedoch eine eindrückliche Momentaufnahme. Ihr Film «Die heimliche Revolution» porträtiert Frauen, die trotz drastisch eingeschränkter Rechte ihren eigenen Weg gehen: Unternehmerinnen, Politikerinnen, Anwältinnen oder Chefredaktorinnen, die mehr oder weniger offen erzählen, wie sich ein Leben als selbstbewusste Frau in Saudiarabien gestaltet.

Trotz Unterdrückung gehen sie ihren Weg: Der Film «Die heimliche Revolution» porträtiert selbstbewusste Frauen in Saudiarabien. (Quelle: Youtube)

Der Film hätte das Potenzial, um in der Monarchie hohe Wellen zu schlagen. Wenn er denn gezeigt würde. Bis anhin ist der Film ausschliesslich im Ausland verfügbar. Dies hat die Regisseurin den Protagonisten zugesichert, um sie vor Repressalien zu schützen. Dabei reiht sich der Film gut in aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen des Wüstenstaats am persischen Golf ein.

Diese Woche hat die Aktivistin Aziza al-Yousef beim Königshof eine Petition mit revolutionärer Sprengkraft eingereicht. Mehr als 14'000 saudische Frauen fordern darin die Abschaffung der männlichen Vormundschaft. Die heimliche Revolution ist damit im realen Leben angekommen – und hat eine landesweite Debatte ausgelöst. «Unsere Botschaft ist: Frauen sollten volle Bürgerrechte haben, genau wie Männer auch», schrieb die Aktivistin Yousef vor der Abgabe der Petition auf Twitter.

Unermüdliche Kämpferin für mehr Gleichberechtigung in Saudiarabien: Aziza al-Yousef. (Screenshot: CNN)

Frauen ist es in Saudiarabien nahezu unmöglich, autonome Entscheide zu treffen. Die Bevormundung betrifft sämtliche Lebensbereiche. Egal ob Heirat, Reisen im In- und Ausland, die Aufnahme eines Studiums oder eine berufliche Tätigkeit – für alles wird das Einverständnis eines männlichen Verwandten benötigt. In der Regel ist dies der Ehemann. Ist die Frau unverheiratet, wird die Vormundschaft durch den Vater oder den Bruder übernommen. Witwen sind bisweilen gar auf den Goodwill ihres Sohnes angewiesen. «Es ist absurd. Darunter leiden sie sehr», sagt Regisseurin Butta in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Ähnliche Anliegen, wie etwa den Frauen das Autofahren zu gestatten, verliefen in der Vergangenheit erfolglos. Das Königshaus argumentierte bisher, dass in Saudiarabien kein eigentliches Bedürfnis nach Gleichberechtigung bestehe, dass sämtliche Forderungen im Ausland formuliert würden. Ein Argument, das mit der Petition widerlegt wird. Um zu belegen, dass der Protest aus der Golfmonarchie stammt, griff die Aktivistin auf ein eigentlich antiquiertes Kommunikationsmittel zurück: das Telegramm. Beim Telegramm muss der Absender in Saudiarabien seine Identität nachweisen. Der Adressat – in diesem Fall das Königshaus – muss den Empfang bestätigen.

Aktivistin Yousef, eine emeritierte Professorin für Computerwissenschaften, hegt «grosse Hoffnungen», dass mit der Aktion ein Durchbruch erzielt werden kann. Sie möchte den Königshof beim Wort nehmen. Dieser hatte dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen zuletzt 2013 zugesichert, das Vormundschaftssystem abzuschaffen. Passiert ist nichts. Dafür wird nun eine öffentliche Debatte über die Interpretation des 34. Verses der Koran-Sure al Nisa («Männer stehen über den Frauen») geführt. Der saudische Grossmufti Abdulaziz al-Sheikh etwa leitet daraus ab, dass Frauen einer totalen Kontrolle unterstellt werden müssen. Alles andere wertet er als «Verbrechen gegen den Islam». Andere einflussreiche Geistliche sehen jedoch durchaus Spielraum und erachten eine Vormundschaft nur im Falle einer Eheschliessung für nötig.

Auf Twitter verkündete Aziza al-Yousef gestern stolz ihre Wartemarke am königlichen Hof: Um 10.08 Uhr hatte sie die Nummer 8'004'000'000 gezogen.

Kurze Zeit später meldete sie, dass die Petition eingereicht sei. Eine Reaktion von König Salman bin Abdul Aziz steht bis jetzt noch aus. (mrs)

Erstellt: 27.09.2016, 15:54 Uhr

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