Was hinter Kims neuester Drohung steckt

Gebremste Charmeoffensive aus Pyongyang: Das Gipfeltreffen zwischen Nordkoreas Machthaber und US-Präsident Donald Trump könnte platzen.

Das historische Treffen soll am 12. Juni in Singapur stattfinden: Kim Jong-un und Donald Trump in einem TV-Bericht.

Das historische Treffen soll am 12. Juni in Singapur stattfinden: Kim Jong-un und Donald Trump in einem TV-Bericht. Bild: Reuters

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Vor einem halben Jahr noch bewarf Pyongyangs Propaganda in Trickfilmchen San Francisco und New York mit Atombomben. US-Präsident Donald Trump drohte Nordkorea in der UNO-Vollversammlung mit der «totalen Zerstörung». Er verhöhnte Machthaber Kim Jong-un als «Raketenmann» und «kleinen Dicken». Dann erklärte Kim das Waffenprogramm Nordkoreas für vollendet. In seiner Neujahrsansprache kündigte er eine Friedensinitiative an, zu den Winterspielen in Pyeongchang schickte er seine Schwester. Im April traf er sich mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in. Und für den 12. Juni in Singapur ist er mit Trump verabredet. Plötzlich herrschte eitel Sonnenschein.

In der vergangenen Nacht jedoch liess Kim ein Treffen hochrangiger Vertreter der beiden Koreas platzen, das für heute Mittwoch geplant war und an dem Beschlüsse seines Gipfels mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in hätten umgesetzt werden sollen. Nordkoreas Propaganda drohte, er könnte auch den Gipfel mit Trump absagen, falls Washington seinen Ton nicht ändere.

Das Weisse Haus reagiert zurückhaltend auf Nordkoreas Gipfel-Äusserung. Video: Reuters

Kim hat seinen guten Willen in den letzten Monaten mit freundlichen Gesten unterstrichen. Insbesondere, indem er die Manöver hinnahm, mit denen Washington und Seoul wie jedes Jahr den Krieg gegen Nordkorea proben. Aus seiner Sicht ist er ihnen entgegengegangen. Im April übten die Amerikaner und Südkoreaner ihrerseits leiser. Diese Woche jedoch drehten sie die Lautstärke ihrer Kriegsspiele auf.

Derweil hat Trump-Berater John Bolton die sofortige Totalabrüstung Nordkoreas zur Voraussetzung für einen Erfolg des Gipfels zwischen Trump und Kim erklärt. Alle Atombomben des Nordens müssten nach Knoxville in Tennessee zur Zerstörung gebracht werden, so Bolton, der über den bevorstehenden Gipfel spricht, als wären es Kapitulationsverhandlungen. Erst wenn diese vollzogen sei, werde Washington die Sanktionen aufheben, so Bolton.

Und was erhält Kim dafür? Trump will es amerikanischen Privatfirmen erlauben, dass sie in Nordkorea investieren dürfen, der amerikanische Staat wird sich nicht beteiligen. Diplomaten, die in frühere Verhandlungen mit Nordkorea involviert waren, halten es für ausgeschlossen, dass die USA Nordkorea bis zum Schluss keine Konzessionen machen könnten.

Sofortige Totalabrüstung Nordkoreas: John Bolton, Trump-Berater und Hardliner. Foto: Reuters

Für Kim ist eine Abrüstung durchaus mit Risiko verbunden, seine Generäle dürften die Waffen nicht aufgeben wollen. Er kann es sich auch nicht erlauben, nach innen schwach auszusehen. Nach Darstellung von Nordkoreas Binnen-Propaganda hat er sein Tauwetter-Gambit aus einer Position der Stärke eröffnet. Er will Trump von gleich zu gleich begegnen, die Amerikaner täten gut daran, ihm mit ihren Aussagen und ihrer Zeichensprache etwas entgegenzukommen. Zumal er seine Macht im Land konsolidiert hat. Der Lebensstandard in der Hauptstadt Pyongyang ist in den letzten Jahren etwas gestiegen, von den Sanktionen spürt man wenig. Der Benzinpreis ist in den letzten Wochen sogar gefallen.

Die USA haben keinen Grund, Nordkorea zu fürchten. Dessen mehrstufige Raketen sind nicht in der Lage, Atombomben an ein definiertes Ziel zu führen. Sie wären es noch lange nicht. Nordkorea dagegen fürchtet die Amerikaner, sie stehen an seiner Grenze und sind dem Norden militärisch um ein Vielfaches überlegen. Kims Vater haben sie einst explizit mit dem gewaltsamen Sturz gedroht. Und der Welt etwa im Irak gezeigt, dass sie über «Regime Change» nicht nur reden.

Kims Verhandlungstaktik

Kim scheint die Wende ernsthaft zu wollen, aber in die Knie zwingen lassen will er sich nicht. Peking dürfte ihn darin bestärken. Wie die Chinesen scheint auch Seoul bereit, die Sanktionen zu lockern. Sie sind ohnehin eher eine Verteuerung der Transaktionskosten als ein Embargo. Ein Zurück in den Kalten Krieg vom Vorjahr kann man sich in Südkorea kaum mehr vorstellen. Das zeigen schon die Landpreise, die entlang der innerkoreanischen Grenze steigen. Die Menschen erwarten offensichtlich eine Art Öffnung. Auch die amerikanische Regierung liess verlauten, die Vorbereitungen zum Gipfel Trumps mit Kim liefen weiter. Aber eine freundschaftliche Geste nach Nordkorea, und etwas weniger Aufplustern, würde die Vorbereitungen sicher erleichtern.

Allerdings liegt auch inhaltlich eine Kluft zwischen der Position Pyongyangs und jener Washingtons. Kim ist bereit, schrittweise atomar abzurüsten, dazu weiss er Peking und Seoul hinter sich. Washington verlangt den «Grand Bargain», also alles sofort. Experten meinen, das sei schon technisch nicht möglich. Die Denuklearisierung der Ukraine und von Kasachstan nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dauerte etwa ein Jahrzehnt. Dass Kim jetzt auf die Bremse trat, dürfte auch damit zusammenhängen, dass er das Patt der Unterhändler aufbrechen wollte. Das könnte also Verhandlungstaktik sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 13:11 Uhr

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