Wie eine Massenpanik unter 80'000 Fans verhindert wurde

Geschossen und gebombt wurde auf den Pariser Strassen, während im Stade de France noch Fussball lief. Bewusst hielt man Informationen zurück.

Lauter Knall: Die Explosionen waren auch im Stade de France zu hören.


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Der Gesichtsausdruck von Frankreichs Aussenverteidiger Patrice Evra sprach Bände. Alle der über 80'000 Menschen im Pariser Stade de France zuckten zusammen, als in der 17. Minute des Länderspiels zwischen Frankreich und Deutschland ein lauter Knall zu hören war. Gerade hatten sich vor zwei Schnellrestaurants in der Vorortstadt Saint Denis zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, weil sich die Behörden jedoch bewusst entschieden, diese Information den Anwesenden vorzuenthalten, brach keine Massenpanik aus. Vielmehr wurde der Knall für einen pyrotechnischen Effekt gehalten, schreibt «Spiegel online».

Die ARD-Sportschau versuchte das Geschehene einzuordnen.

Der Verkehrspsychologe Bernhard Schlag denkt, dass die Ruhe der Verantwortlichen viele Menschenleben rettete: «Es ist wichtig, dass die Menschen keine abrupten Informationen bekommen, die zu massenhaftem Verhalten führen, das dann nicht mehr steuerbar ist.» So bekamen die Fussballfans auch kaum mit, dass Staatspräsident François Hollande aus dem Stadion ins Innenministerium gebracht wurde. Frankreichs Präsident Hollande wurde im Stadion über die Lage informiert.

Gleichzeitig hatten die beiden Nationaltrainer Didier Deschamps und Joachim Löw die schwierige Entscheidung zu treffen, ob das Länderspiel fortgesetzt werden soll – und ob sie ihre Spieler informieren wollen. Sie vereinbarten Stillschweigen, was den Behörden ihre Arbeit zusätzlich erleichterte. «Ein Spielabbruch hätte für eine Menge Unruhe gesorgt, womöglich eine Panik ausgelöst», sagte CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach im Sport-1-«Doppelpass». Dem pflichtete auch der Soziologe Dirk Helbing von der ETH Zürich im Gespräch mit «Spiegel online» bei: «Wenn man eine solche Situation bekannt machen würde, könnte das viele Menschen schockieren. Es ist dann schwer zu sagen, wie sie reagieren würden.»

Später stürmten viele Fans auf den Rasen, um sich dort in Sicherheit zu bringen.

So gab es auch keine Durchsagen über die Stadionlautsprecher und erleichternd kam hinzu, dass es zu diesem Zeitpunkt keine mobile Internetverbindung mehr gab. Erst kurz vor Spielschluss realisierten viele Besucher, was sich auf den Pariser Strassen abspielte. «Wenn Menschen genug Zeit haben, die ihnen vorliegenden Informationen zu verarbeiten, dann werden sie meist auch die Ruhe bewahren», erklärte Wissenschaftler Helbing. Doch kritisch werde es, wenn die Menschen handelten, ohne dass genügend Zeit zum Nachdenken bleibe. «Dann kommt es darauf an, die Menge an die Hand zu nehmen.»

Nicht die ganze Wahrheit verkünden

Die Evakuierungsfachleute bestätigen deshalb, dass es durchaus legitim sei, im Krisenfall Informationen zurückzuhalten. Die Ansagen sollten plausibel sein, aber nicht die ganze Wahrheit verkünden.

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Ebenfalls loben sie, dass die Organisatoren die Innenräume des Stadions öffneten, denn fehlende Fluchträume hatten in der Vergangenheit tragische Folgen gehabt. In modernen Stadien sei es jedoch üblich, die Menschen auch auf das Fussballfeld ausweichen zu lassen. Das sei in den Sicherheitskonzepten normalerweise festgelegt.

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Zum Newsticker: Die Jagd nach dem achten Mann und den Drahtziehern des Pariser Terrors. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.11.2015, 09:18 Uhr

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