Kämpfer für eine zweite Brexit-Abstimmung

Chuka Umunna, der mit sechs Mitstreitern die Labour-Partei verliess, ist der heimliche Kopf einer neuen Gruppierung.

Chuka Umunna hat sich einer neuen Gruppierung, «The Independent Group», angeschlossen. Foto: PD

Chuka Umunna hat sich einer neuen Gruppierung, «The Independent Group», angeschlossen. Foto: PD

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Auf seiner Website kommt der Begriff «Labour Party» nur noch als Fussnote vor. Stattdessen springt die Ankündigung eines Newsletters ins Auge. «Die Alternative» soll er heissen. Und eben das, einen alternativen Weg, sucht der Londoner Ex-Labour-Abgeordnete Chuka Umunna nun, nachdem er mit sechs Mitstreitern und Mitstreiterinnen seine langjährige politische Heimat verlassen hat.

Der emotionale Auftritt der sieben Parlamentarier, auf dem sie am Montag ihren Bruch mit Labour verkündeten, hatte Schockwellen durch das politische London gejagt, und auch einen Tag später dominieren Umunna und seine Freunde die Schlagzeilen. Parteichef Jeremy Corbyn wappne sich schon «für die nächste Rücktrittswelle», schreiben die Zeitungen, und: Auch Tories wollten sich offenbar den Abtrünnigen anschliessen, die sich «The Independent Group» nennen.

Für Umunna, der als heimlicher Kopf der neuen Gruppierung bezeichnet wird, war die mediale Aufmerksamkeit ein Erfolg; er setzt darauf, dass sich aus der Plattform bald eine neue, sozialdemokratische Partei entwickelt. Mindestens ebenso entscheidend für seine Sympathisanten aber war wohl, dass die Debatte auch in Umunnas alter Partei weiterging. Denn auf einer tumultartigen Sitzung der Labour-Fraktion war der Coup der Westminster-7 Anlass, einmal mehr über die innere und äussere Verfasstheit der grossen linken Partei zu streiten. Wenn sich nichts ändere, hiess es, seien diese Rebellen nicht die letzten gewesen.

Tiefe Gräben in der Partei

Der Sohn eines nigerianischen Vaters und einer britischen Mutter war einer der prominentesten Abgeordneten von Labour gewesen; seine Anti-Brexit-Kampagne machte ihn zum Liebling der EU-Fans in der Hauptstadt. Umunnas Wahlbezirk stimmte mit knapp 80 Prozent für «Remain.

Umunna machte sich daher früh für eine zweite Abstimmung stark. Allein das brachte dem ehemaligen Rechtsanwalt in der Labour-Partei viel Kritik ein; die Parteispitze hält ein neues Referendum für falsch und hatte sich nur nach massivem Druck der Basis dafür ausgesprochen – als letztes Mittel. Ein Medienstar wie Umunna, der auf jeder Demonstration für ein zweites Referendum als Redner auftritt, wurde von Corbyn-Fans als permanente Provokation betrachtet.

Seinen Parteiaustritt hatte Umunna, wie alle seine Mitstreiter, in einem langen persönlichen Brief an die Wähler erklärt. Er fühle sich bei Labour nicht mehr willkommen, schrieb er. Als Sozialdemokrat, Nato-Befürworter und Befürworter einer liberalen Einwanderungspolitik habe er keine Heimat mehr in einem Projekt, das unter Corbyn weit nach links gerückt sei.

Bekannt ist, dass in der Labour-Partei tiefe Gräben zwischen Corbyn-Fans und -Gegnern existieren und viele Mitglieder unglücklich sind über das Mobbing von jüdischen Mitgliedern sowie die indifferente Haltung des Parteichefs zum Brexit. Auch, dass gerade Umunna gehen würde, war erwartet worden. Das tat er nun mit einem Frontalangriff auf beide grossen Parteien. Die britische Politik, so Umunna, «hat versagt». Sie habe Parteiinteressen über Landesinteressen gestellt. Er selbst, so der 41-Jährige, sei seit 2010 Abgeordneter und wolle das – als Unabhängiger – auch bleiben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.02.2019, 19:01 Uhr

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