«Caligula-mässige Orgien»

Mitarbeiter der Hilfsorganisation Oxfam feierten offenbar Sexpartys mit Minderjährigen, ihre Chefs schwiegen. Dass die Kritik nun so scharf ausfällt, hat auch damit zu tun, dass Oxfam selbst gern einen hohen moralischen Ton anschlug.

«Spitze eines Eisbergs»? Die Oxfam-Führungskräfte Caroline Thomson (rechts) und Mark Goldring (Bildmitte) gestern in London.

«Spitze eines Eisbergs»? Die Oxfam-Führungskräfte Caroline Thomson (rechts) und Mark Goldring (Bildmitte) gestern in London. Bild: Keystone

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Wer für eine Hilfsorganisation arbeitet, sollte ein Idealist sein, selbstlos, ein Vorbild. Entspricht er oder sie diesem Bild nicht, ist das Entsetzen umso grösser. Versucht sein Arbeitgeber dann auch noch, die entsprechenden Vergehen zu vertuschen, kann er mit der Empörung der Öffentlichkeit rechnen. Solches geschieht derzeit der britischen Hilfsorganisation Oxfam. Wie die Times letzten Freitag berichtete, haben Mitarbeiter von Oxfam nach dem Erdbeben vom Januar 2010 in Haiti in einer von der Organisation angemieteten Villa ausschweifende Partys gefeiert und dabei wahrscheinlich Minderjährige für sexuelle Dienstleistungen bezahlt.

«Diese Mädchen trugen Oxfam-­T-Shirts und rannten halbnackt herum», zitiert das Blatt einen Informanten. Die Ergebnisse einer internen Untersuchung über die Vorfälle, die ein Jahr später abge­schlossen wurde, hielt Oxfam unter Verschluss. So wussten bis jetzt weder die Spender davon, die der Organisation letztes Jahr 100 Millionen Pfund zukommen liessen, noch das britische Entwicklungshilfeministerium, das Oxfam im selben Zeitraum 32 Millionen Pfund überwies.

Warnungen gab es einige

Im Zentrum des Skandals steht Roland Van Hauwermeiren, ein 68-jähriger Belgier, der bis 2011 für Oxfam tätig war. 2003 soll der frühere Berufssoldat laut Times in Liberia ein erstes Mal für eine Hilfsorganisation im ­Einsatz gewesen sein. Drei Jahre später, so berichtete der Observer am Sonntag, sei er von Oxfam in den Tschad geschickt worden. Auch dort gab es Beschwerden über ihn. «Sie luden Frauen zu den Partys ein. Wir wussten, dass das nicht nur Freundinnen waren, sondern etwas anderes», zitiert das Blatt einen früheren Kollegen.

Eine weitere Mitarbeiterin will die Oxfam-Zentrale bereits «vor zehn Jahren» über Van Hauwermeirens Gebaren unterrichtet haben. Geschehen sei daraufhin nichts. Trotz solcher Warnungen wurde der Belgier 2010 zum Direktor für Haiti ernannt, wo er mehr als 200 Mitarbeitern vorstand.

2011, nach Abschluss der internen Untersuchung, soll Oxfam Van Hauwermeiren laut Times einen «phasenweisen und würdigen Rückzug» angeboten haben, «um der Reputation der Organisation nicht zu schaden». Die Diskretion seiner Vorgesetzten ermöglichte es ihm offenbar, im Geschäft zu bleiben: 2012 heuerte Van Hauwer­meiren bei einer französischen Hilfsorganisation an, für die er bis 2014 in Bangladesh tätig gewesen sein soll.

Einen kenianischen Kollegen, dem ähnliche Vergehen zur Last gelegt werden, soll Van Hauwermeiren gedeckt haben. Offenbar arbeiteten die beiden sowohl im Tschad als auch in Haiti zusammen; mindestens vier Mal wollen andere Mitarbeiter Van Hauwermeiren darauf hingewiesen haben, dass der Kenianer Frauen belästigt und Minderjährige für Sex bezahlt habe.

Beide durften weitermachen

Laut Times soll der Mann ein Exhibitionist gewesen sein, dem irgendwann einmal verboten worden sei, in Unterkünften zu nächtigen, in denen auch Frauen wohnten. Die Partys, die er organisierte, wurden von einem Augenzeugen als «Caligula-mässige Orgien» beschrie­ben. Auch der Kenianer war nach seiner Zeit bei Oxfam offenbar weiter in derselben Branche tätig; noch bis Ende letzter Woche soll er für ein katholisches Hilfswerk auf den Philippinen tätig gewesen sein.

Man werde die Vorwürfe untersuchen, sagte Caroline Thomson, die Vorsitzende des Oxfam-Stiftungsrates am Wochenende; ansonsten versprach sie, was man in solchen Situationen meist verspricht, nämlich einen Kulturwandel hin zu mehr Offenheit und Transparenz. Weniger einsichtig gab sich Geschäftsführer Mark Goldring: Es sei nichts vertuscht worden, behauptete er, was angesichts der Medienberichte absurd wirkte. Die stellvertretende Geschäftsführerin Penny Lawrence gab am Montag ihren Rücktritt bekannt.

Entwicklungshilfeministerin Penny Mordaunt traf Thomson und Goldring am Montagnachmittag zu einer Aussprache. Bereits am Sonntag hatte sich Mordaunt im BBC-Fernsehen zu Wort gemeldet: Oxfam versage «in seiner moralischen Führungsrolle», sagte sie. Sollte sich die Organisation nicht als fähig erweisen, für ihr Vorgehen Rechenschaft abzulegen, kündigte sie eine Kürzung der Zuwendungen an.

Enormes Machtgefälle

Conor Burns, ein enger Mitarbeiter von Aussenminister Boris Johnson, sagte ebenfalls am Sonntag im BBC-Hörfunk, die nun aufgedeckten Vorfälle seien «die Spitze eines Eisbergs». Allzu gewagt dürfte seine Annahme nicht sein: Situationen wie jene in Haiti entstehen, wo es ein Machtgefälle gibt, und wo könnte ein solches grösser sein als zwischen gut bezahlten Männern aus dem Westen und minderjährigen Katastrophenopfern in Drittwelt-Ländern?

Dass die Kritik aus Politik und Medien nun so scharf ausfällt, dürfte nicht zuletzt auch damit zu tun haben, dass Oxfam in der Vergangenheit nicht selten einen hohen moralischen Ton anschlug, wenn es galt, politische Entscheidungen zu kommentieren; dies fällt nun auf die Organisation zurück. Zudem ist der Fall ein geradezu lehrbuchmässiges Beispiel, wie man nicht kommunizieren sollte: Der Reputationsschaden, der nun entstanden ist, dürfte wesentlich grösser sein, als er es gewesen wäre, wenn Oxfam von sich aus an die Öffentlichkeit gegangen wäre. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.02.2018, 20:04 Uhr

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