Der Nothelfer kommt

Martin Schulz verlässt Brüssel. In Berlin wird er selbst als SPD-Kanzlerkandidat gehandelt. Wer ist der Mann, bei dem immer gleich Hitler an die Tür klopft? Ein Porträt.

«Der kann einen Saal rocken»: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (60) in Brüssel.

«Der kann einen Saal rocken»: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (60) in Brüssel. Bild: Keystone

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Martin Schulz stand gestern früh vor die Medien. Der EU-Parlamentspräsident verkündete seinen baldigen Abschied aus Brüssel und eine Rückkehr in die deutsche Politik. Er werde 2017 in Nordrhein-Westfalen zur Wahl für den Bundestag antreten, und da den ersten Listenplatz der SPD einnehmen.

Welche Ambition er aber genau ­verfolgt, sagte er nicht. Vielleicht wird er im nächsten Jahr SPD-Kanzler­kandidat, vielleicht tritt er bereits im März die Nachfolge von SPD-Aussenminister Frank-Walter Steinmeier an, der als Bundespräsident aus der Regierung scheidet. Die Sozialdemokraten schweigen. Die sogenannte K-Frage, heisst es, soll erst im Januar entschieden werden. Die Wahl dürfte auf SPD-Chef Sigmar Gabriel oder eben Martin Schulz fallen, der in der Partei beliebt, aber vergleichsweise weniger bekannt ist.

Gabriel lobte Schulz früher schon begeistert: «Der kann einen Saal rocken, bei dem springen die Leute auf.» Egal, wo man ihn einsetzt: Er wird für die SPD nützlich sein. Sein Selbstvertrauen ist gross, eine politische Aufgabe, die er sich nicht zutrauen würde, ist nicht bekannt. Als er 2012 zum EU-Parla­mentspräsident gewählt wurde, sagte er im Spiegel: «Die Mächtigen müssen Angst haben vor dem Parlament. Sonst machen wir Krawall. Ich schwitze den Machtanspruch aus jeder Pore.»

Ein moralistischer Grobian

Das Moralistische verbindet Schulz mit einer Grobheit, die für den Wahlkampf wie gemacht ist. Er fordert politische Korrektheit zwar ebenso oft ein wie seine Kollegen, aber er tut es in einer Art und Weise, die oft selber nicht ganz korrekt ist. Das macht sein Moralisieren erträglicher und lässt ihn geerdet erscheinen. Dazu ist er international vernetzt. «Wenn du so lange in Europa dabei bist wie ich, kennst du jedes Schwein», sagte er im Spiegel.

Die EU ist für Martin Schulz etwas Religiöses und er ist ein gläubiger Mensch. Die Zeit der Nationalstaaten hält er für «unwiderruflich abgelaufen». Wo sich die Ordnung zu ändern droht, schreitet Schulz drohend ein. Nach dem Brexit sagte er: «Zerschlagen wir die Instrumente, mit denen wir die Dämonen bannen, dann setzen wir sie wieder frei.» – Bei ihm klopft immer gleich Hitler an die Tür.

«Europäich» und «sozialdemokratich»

Auch in seinem vierminütigen Statement von gestern sprach er vor allem über Europa. Die EU sei «das grösste Zivilisationsprojekt der vergangenen Jahrhunderte», sagte Schulz. Er werde auch «von der nationalen Ebene aus für das europäische Projekt kämpfen». Das Amt in Brüssel hätte er gern weitergeführt, im kommenden Jahr werden aber die Konservativen den Posten belegen.

Es ist klar, dass die Adjektive «europäisch» und «sozialdemokratisch» bei Martin Schulz’ Reden oft vorkommen. Schulz aber sagt «europäich» und «sozialdemokratich». Das gehört zu den Eigenarten des Öcher Platts. Reste dieser Mundart hat auch Brüssel bei Martin Schulz nicht weggeschliffen.

Rheinischer Katholizismus und der Braunkohletagebau

Er ist in Würselen bei Aachen aufgewachsen, am Dreiländereck, wo sich Deutschland, die Niederlande und Belgien treffen. Schulz’ Grossvater soll im Ersten Weltkrieg noch gegen seine eigenen Cousins ennet der Grenze gekämpft haben. Zu den Spezialitäten der Region gehört der rheinische Katholizismus und der Braunkohletagebau. Auch Schulz’ Vater, der Polizist war, stammt aus einer Bergbaufamilie.

In Würselen besuchte der junge Schulz das Heilig-Geist-Gymnasium, aber er musste es abbrechen, weil seine Leistungen nicht genügten. «Ich war ein Sausack und kein besonders angenehmer Schüler», sagte Schulz rückblickend. Zu jener Zeit war er Links-Verteidiger bei Rhenania Würselen und wollte Profifussballer werden. Eine Knieverletzung beendete den Traum. Stattdessen wurde er Alkoholiker. In der Gaststätte Houben in Würselen war er Stammgast, verbrachte Nächte mit Singen und hitzigen Diskussionen. Ein Jahr lang war er arbeitslos, dann machte er eine Lehre als Buchhändler.

Seit über dreissig Jahren ist Schulz abstinent. Er selber beschrieb, wie sein Leben am Scheidepunkt stand; da war er erst 24-jährig. In einer Juninacht 1980 sei er sturzbetrunken nach Hause gekommen und habe sich mit dem Gedanken an Selbstmord herumgeschlagen. Schliesslich habe er sich vor die Frage gestellt: «Entweder du gehst zugrunde oder du hörst auf zu trinken.»

Begeisterung für Europa

Seither hat er viel erreicht. Mit 31 Jahren wurde er Bürgermeister von Würselen, einer Stadt mit 40 000 Einwohnern, und blieb es elf Jahre. Er heiratete und wurde Vater zweier Kinder. Mehr als zwanzig Jahre war er Parlamentarier in Brüssel, zeitweise auch Fraktionschef der Sozialisten. Als EU-Parlamentspräsident ist er seinerzeit angetreten mit der Ansage: «Ja, ich werde versuchen, wieder Begeisterung für Europa zu wecken!» Damit ist Schulz gescheitert.

Jetzt, wo er Brüssel verlässt, geht es der EU so schlecht wie nie. Es gehört zur Tragik der EU, dass diejenigen, die sich wie Schulz krampfhaft an das Projekt klammern, ihm fast ebenso schaden, wie diejenigen, die es zerstören wollen. Über Martin Schulz heisst es auf seiner Website: «Den gesamten Tag über eilt Martin Schulz von Besprechung zu Besprechung, von Sitzungssaal zu Sitzungssaal und von Büro zu Büro.» Seine Arbeit finde meist «hinter verschlossenen Türen statt». Der Text heisst «Hinter den Kulissen» und könnte auch «Der Moloch und ich» heissen.

«Kissinger von Würselen»

Berühmt gemacht hatte Schulz 2003 der damalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Er sprach in Brüssel zu Schulz: «In Italien wird gerade ein Film über die Nazi-Konzentrationslager gedreht, ich schlage Sie für die Rolle des Lagerchefs vor. Sie sind perfekt!» Zuvor hatte Schulz den Italiener seinerseits rüde angegangen. Zimperlich ist er nicht. Schulz kann einstecken und austeilen. Für die SPD ist seine Rückkehr gut. Populäre Politiker auf Bundesebene gibt es in der Partei kaum. Abgesehen von Gabriel, Steinmeier und Andrea Nahles, der Arbeits- und Sozialministerin, handelt es sich um politische Leichtgewichte. Ein geeigneterer Aussenminister als er steht in der SPD zurzeit nicht bereit. Dass er sechs Sprachen fliessend spricht, kann durchaus hilfreich sein. Zu Hause soll man ihn auch «Kissinger von Würselen» genannt haben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.11.2016, 12:05 Uhr

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