AKK und Merz im Vergleich

Die CDU bestimmt die Nachfolge von Angela Merkel an der Parteispitze. Wofür stehen die Kandidierenden? Und was sind ihre Stärken und Schwächen?

Die Merkel-Vertraute und der Wirtschaftsanwalt: Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz bei der CDU-Kandidatentour am vergangenen 1. Dezember in Leipzig.

Die Merkel-Vertraute und der Wirtschaftsanwalt: Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz bei der CDU-Kandidatentour am vergangenen 1. Dezember in Leipzig. Bild: AFP

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Knapp sechs Wochen nach der Ankündigung von Angela Merkel, nicht mehr für den Vorsitz der CDU Deutschland anzutreten, wählt heute ein Parteitag in Hamburg ihre Nachfolgerin oder ihren Nachfolger. Als Kandidaten nominiert sind Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK), Friedrich Merz und Jens Spahn. Nur zwei Kandidierende haben echte Wahlchancen für den Parteivorsitz der CDU: Kramp-Karrenbauer und Merz.

Das Profil

Kramp-Karrenbauer ist wie Merkel eine eher pragmatische Mitte-Politikerin, allerdings ruhen ihre Überzeugungen auf zwei deutlich unterscheidbaren Säulen: Sozialpolitisch ist sie eine Christlich-Soziale, die schon für Mindestlöhne, höhere Spitzensteuersätze oder die Mütterrente eintrat, als dies in der CDU noch nicht mehrheitsfähig war. Gesellschaftspolitisch argumentiert sie aus katholischer Warte gegen Abtreibung und Homo-Ehe. Die doppelte Staatsbürgerschaft würde sie gerne einschränken, dafür eine Dienstpflicht für alle wieder einführen. Sie steht hinter Merkels Flüchtlingspolitik von 2015/2016, verspricht aber, Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen. Asylbewerber ohne Bleiberecht und Migranten, die kriminell werden, sollen konsequent abgeschoben werden. Integration müsse früher einsetzen, aber auch schärfer überprüft werden. Im Saarland war Kramp-Karrenbauer als Innenministerin für Strenge und Konsequenz bekannt.

Eine pragmatische Mitte-Politikerin: Annegret Kramp-Karrenbauer. Foto: Reuters

Merz ist ein überzeugter Wirtschaftsliberaler mit betont wertkonservativen Ansichten. Mitten in der Finanzkrise empfahl er den Deutschen 2008 in einem Buch, «mehr Kapitalismus zu wagen». Er findet, dass sich die CDU unter Merkel in eine falsche Richtung entwickelt habe: Sie sei zu sozialdemokratisch, zu etatistisch, zu beliebig geworden, habe ihre traditionellen Überzeugungen von Familie und Ehe, Leistung und Eigenverantwortung aufgegeben. Merkels Weigerung, im Laufe des Herbsts oder Winters 2015/2016 die deutschen Grenzen für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Nahost zu schliessen, hält er für einen verhängnisvollen Fehler, der schuld sei am Aufstieg der AfD. Schon im Jahr 2000, als dies in Deutschland noch weitgehend ein Tabu war, machte er die Kriminalität von Ausländern zum Thema und forderte eine deutsche «Leitkultur», an die sich Einwanderer anzupassen hätten. Merz gilt als EU-freundlich, lehnt aber jede Vergemeinschaftung von Schulden oder eine «Transferunion» ab.

Die Stärken

Kramp-Karrenbauer war schon als Ministerpräsidentin in der Partei beliebt, insbesondere nachdem sie 2017 bei den Landtagswahlen mit einem Resultat über 40 Prozent den Aufstieg der SPD unter Martin Schulz abrupt gestoppt hatte. Dass sie danach ihr Amt aufgab, um sich in den Dienst der Partei zu stellen – ein Novum in der Geschichte der CDU –, rechnete man ihr hoch an. Als Generalsekretärin reiste sie in den vergangenen Monaten auf einer «Zuhör-Tour» durch das ganze Land, um aufzunehmen, welche Erneuerung sich die Partei am Ende der Ära Merkel wünscht. Kramp-Karrenbauer gilt als integrativ, ihre stets sachliche, aber hartnäckige, kompetente und kommunikative Art kommt bei vielen Mitgliedern und Funktionären gut an. Als Ministerin, Regierungschefin und Generalsekretärin überzeugte sie mit Durchsetzungskraft und Nervenstärke.

Wer hat mehr überzeugt? Der Wahlkampf um das CDU-Präsidium. Video: Reuters

Merz ist vor allem unter älteren CDU-Mitgliedern ein Mythos – als unerfüllte Hoffnung der konservativen Merkel-Kritiker. Entsprechend gross ist in diesen Kreisen und in Landesverbänden wie Baden-Württemberg, Hessen oder Sachsen der Jubel über seine Rückkehr. Nach seiner fast zehnjährigen Abwesenheit von der Politik wirkt er gleichzeitig wie ein frischer, leidenschaftlicher Neuling, der aus einer gewissen Distanz auf den politischen Betrieb blickt – aber eben mit dem Nimbus des Kenners. Merz ist ein herausragender Redner, der auch komplizierte Dinge mühelos und scharf auf den Punkt bringt. Langjährige Beobachter halten ihn für fähig, am Parteitag mit einer mitreissenden Rede die Delegierten auf seine Seite zu bringen.

Die Schwächen

In Stil, Methode und politischer Grundausrichtung ähnelt Kramp-Karrenbauer Merkel. Dies ist vor allem bei jenen in der Partei ein Nachteil, die der «ewigen Kanzlerin» längst überdrüssig sind oder sich politisch von ihr entfremdet haben. Die Saarländerin spricht zwar eindringlich, aber öfter umständlich und selten mitreissend. Ihr fehlt die kapitänshafte Weltläufigkeit ihres Rivalen Friedrich Merz, zuweilen versprüht sie den etwas biederen Charme einer Gouvernante aus der Provinz. Bei jüngeren und urbanen Christdemokraten könnten ihr überdies ihre katholisch-konservativen Ansichten zu Ehe und Homosexualität schaden. Sie verfügt zwar über 18 Jahre Regierungserfahrung – allerdings nur im winzigen Saarland. Eine Million Menschen leben dort, so viele wie in Köln.

Ein Wirtschaftsliberaler mit wertkonservativen Ansichten: Friedrich Merz. Foto: AFP

Viele in der CDU werfen Merz vor, dass er am Anfang der Ära Merkel beim ersten Widerstand aufgegeben und die Partei im Stich gelassen habe. Nun trete er als «Mann von gestern» wie ein Erlöser auf, wolle sich aber im Grunde nur an der alten Rivalin rächen und die Zeit zurückdrehen. Im Wahlkampf um den Vorsitz verbarg Merz seine ausgesprochen konservativen und Merkel-kritischen Ansichten fast völlig, um diesen Zweifeln entgegenzutreten und die Gemässigten nicht zu verschrecken. Seiner erfolgreichen Karriere zum Trotz fehlt Merz fast jede Führungserfahrung. Er hat nie ein Unternehmen geführt, als Anwalt und Verwaltungsrat agierte er fast ausschliesslich als Berater, Lobbyist und Netzwerker. In der Politik leitete er zwar zwei Jahre lang die Fraktion, war aber nie Bürgermeister oder gar Minister, weder auf Landes- noch auf Bundesebene. Dass er als reich gilt, mehr als eine Million Euro im Jahr verdient und gerne sein eigenes Flugzeug fliegt, macht ihn nicht wenigen Deutschen suspekt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2018, 06:47 Uhr

Die Karriere von AKK

Annegret Kramp-Karrenbauer stammt aus dem Saarland, wuchs in der Kleinstadt Püttlingen auf und lebt bis heute dort. Die 56-Jährige war das zweitjüngste von sechs Geschwistern, die katholische Soziallehre war die moralische Richtschnur der Familie. Mit 18 trat sie in die CDU ein, studierte Verwaltungsrecht, wurde bald Abgeordnete im Stadtrat, später im Landtag und arbeitete auf der Geschäftsstelle des Landesverbands.

Im Jahr 2000, mit 38 Jahren, wurde sie Innenministerin des Saarlands, als erste Frau in Deutschland. 2011 stieg sie zur Ministerpräsidentin auf, ein Amt, das sie 2012 und 2017 in Wahlen verteidigte. Anfang dieses Jahres gab sie das Regierungsamt in Saarbrücken auf, um auf Angela Merkels Wunsch Generalsekretärin der CDU in Berlin zu werden.

Die Saarländerin gilt als politische Vertraute der Kanzlerin und ihre Wunschnachfolgerin als Parteivorsitzende. Sie ist seit 1984 mit dem Bergbauingenieur Helmut Karrenbauer verheiratet und hat drei Kinder.

Die Karriere von Friedrich Merz

Friedrich Merz stammt aus dem «tiefschwarzen» Sauerland, einer katholisch-konservativen CDU-Bastion in Nordrhein-Westfalen. Der 63-Jährige lebt bis heute dort, in der 70'000-Einwohner-Stadt Arnsberg. Sein Vater war Richter, sein Grossvater Bürgermeister. Merz trat schon als Gymnasiast in die CDU ein, studierte Recht, wurde Anwalt.

Als 25-Jähriger zog er ins Europäische Parlament ein, von 1994 bis 2009 war er Mitglied des deutschen Bundestags. Nach dem Ende der Ära von Helmut Kohl galt er als eines der grossen Talente der CDU. Zwischen 2000 und 2002 stand er der Unionsfraktion des Bundestags vor, wurde in diesem Amt aber von der damaligen Parteivorsitzenden Angela Merkel verdrängt. Merz, der diese Demütigung nie verwand, verliess nach und nach die Politik und machte als Wirtschaftsanwalt und Verwaltungsrat Karriere.

Zuletzt war er etwa Aufsichtsratschef der Deutschland-Filiale von Blackrock, dem weltgrössten Vermögensverwalter. 29 Minuten, nachdem Merkel Ende Oktober ihren Rückzug vom Parteivorsitz angekündigt hatte, liess Merz die «Bild»-Zeitung sein Interesse an ihrer Nachfolge verkünden.

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