«Allahu Akbar» auf Weihnachtsmarkt

Der 29-jährige Attentäter von Strassburg war in Basel schon länger zur Haft ausgeschrieben.

Terror in Strassburg: Ein 29-Jähriger erschoss am Dienstagabend an einem Weihnachtsmarkt zwei Personen und verletzte weitere.
Video: Keystone

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Bereits 2015 lagen den französischen Behörden Hinweise vor, dass radikale Muslime einen Anschlag auf den Strassburger Weihnachtsmarkt planen. Seither geriet der bekannteste und meistbesuchte Weihnachtsmarkt Frankreichs jedes Jahr erneut ins Visier von Terroristen – den Sicherheitskräften gelang aber jedes Mal, einen Anschlag zu verhindern.

Die Stadt steigerte ihre Sicherheitsvorkehrungen für den Marché de Noël von rund 300'000 Euro auf eine Million Euro, zog Personen- und Taschenkontrollen auf und hoffte, dass es zu keinem Unglück kommt. Gestern nun musste Strassburg seinen Weihnachtsmarkt erstmals schliessen. Ihn zu öffnen, war Roland Ries, Bürgermeister von Strassburg, zu riskant, befindet sich Frankreich doch seit Dienstagabend wieder in höchster Alarmstufe. Grund ist die Gefahr eines erneuten terroristischen Anschlags.

Die Ermittlungsbehörden verdächtigen den 29-jährigen Chérif C. aus Strassburg, in der Innenstadt am Dienstagabend um 19.50 Uhr auf Passanten geschossen und sich anschliessend mit Polizisten ein Feuergefecht geliefert zu haben. Danach flüchtete er in einem Taxi und prahlte vor dem Fahrer mit seinen Taten. Die Bilanz des Attentates: zwei Tote, ein Hirntoter und 13 Verletzte, acht davon schwer.

Augenzeugen berichten, wie sie lautes Knallen gehört und an eine Petarde oder Feuerwerk gedacht haben, bis sie blutüberströmte Menschen reglos am Boden liegen sahen. Chefermittler und Staatsanwalt Rémy Heitz bestätigte gestern, dass Zeugen gehört haben, wie der Attentäter «Allahu Akbar» gerufen hat.

Noch in der Nacht auf gestern zogen die verschiedenen französischen Polizeieinheiten eine Grossfahndung auf, deren Ausmass vergleichbar ist mit jener nach dem Attentat in Paris im November 2015. Polizisten riegelten die Strassen ab, durchsuchten Fahrzeug um Fahrzeug, während am Himmel Helikopter kreisten. Die Verbindungen nach Deutschland waren faktisch geschlossen, es kam zu Wartezeiten von bis zu drei Stunden auf den Strassen.

An der Fahndung beteiligte sich auch die deutsche Polizei sowie der Bundesgrenzschutz. Die Schweizer Grenzwache erhöhte parallel zu Frankreich und Deutschland ihre Grenzkontrollen. «Wir können nur sagen, dass wir unser Dispositiv verstärkt haben», sagt David Marquis, Sprecher vom Grenzwachtkorps auf Anfrage.

Die Fahndung lief gestern den ganzen Tag über weiter. Über 700 Polizisten beteiligten sich daran. Bis zu Redaktionsschluss war nicht bekannt, wo sich Chérif C. aufhält oder ob er bereits festgenommen werden konnte. Spuren führen angeblich ins Ausland, und einige Medien berichteten, dass sich der Gesuchte in Deutschland aufhalten könnte, weil er dort im Gefängnis gesessen ist.

Die Chance, dass sich die Ermittlungsschlinge um den jungen Franzosen algerischer Abstammung immer mehr zuzieht, steigt. Denn Chérif C. wurde beim Gefecht mit der Polizei am Arm verletzt. Früher oder später, so die Hoffnung der Ermittler, werde der Flüchtige auf ärztliche Hilfe angewiesen sein.

Behörden kannten Chérif C.

Gestern kam es zu ersten Verhaftungen. Die französischen Behörden nahmen vier Familienmitglieder von Chérif C. fest und verhörten den Vater und die Brüder. Es gehe darum, diese Personen zu isolieren, sodass sie dem 29-Jährigen keine Hinweise geben können, sagte Chefermittler Rémy Heitz. Es werde nach Verbindungen zu einem Netzwerk gesucht.

Klar ist bisher nur: In der Wohnung von Chérif C. wurden nebst einer Waffe auch zwei Handgranaten gefunden und ihm drohte bereits am Dienstagmorgen die Verhaftung. Gut möglich, dass der Attentäter sich entschloss, früher als geplant seinen Plan umzusetzen.

Auf dem Radar hatte der französische Staatsschutz Chérif C. schon länger. «Er hat sich im Gefängnis radikalisiert und war registriert als Person ‹fiche S›», so Heitz. Das bedeutet, dass die Person seit 2015 als Gefährder galt und vom französischen Nachrichtendienst überwacht wurde. Heitz erklärte aber auch, dass «fiche S» keine permanente Beschattung bedeute. 26 000 solche Gefährder kennt Frankreich.

Da Chérif C. aus der Banlieue Neuhof im Süden der Stadt stammt, sehen französische Medien einen Zusammenhang zwischen dem sozialen Umfeld und der Radikalisierung. Im Quartier Neuhof wohnen überwiegend nordafrikanische Einwanderer oder deren Kinder. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, und es kommt immer wieder zu Spannungen mit der Polizei. Chefermittler Heitz hingegen sagte, Chérif C. habe sich bei seinem letzten Gefängnisaufenthalt 2015 religiös radikalisiert.

Bekannt war der 29-Jährige nicht nur in Frankreich. «Die Schweizer Strafverfolgungsbehörden kennen die gesuchte Person», sagt Fedpol-Sprecher Florian Näf. «Die verdächtige Person ist den Schweizer Behörden aufgrund von mehreren begangenen Delikten wie Diebstahl, Einbruch, Sachbeschädigung und Körperverletzung bekannt und wurde mehrmals verurteilt.» Straffällig wurde Chérif C. unter anderem in den Kantonen Zürich und Bern.

Die Basler Staatsanwaltschaft kennt ihn ebenfalls. «Er wurde 2013 rechtskräftig verurteilt und hat einen rechtskräftigen Strafbefehl erhalten», sagt Peter Gill von der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt. «Der Mann wurde wegen Einbruchdiebstahl, Körperverletzung sowie Gewalt und Drohung gegen Beamte vom Strafgericht verurteilt.» Aufgrund der Verurteilungen sass er 2013 mehr als ein Jahr in Basel im Gefängnis. Die Basler Untersuchungsbehörden haben den Mann schon vor längerer Zeit wegen des Verdachts, weitere Einbruchs- und Vermögensdelikte begangen zu haben, zur Verhaftung ausgeschrieben.

Frankreich tief getroffen

Gestern Mittag wurde eine Schweigeminute im Europaparlament in Strassburg abgehalten, in der Stadt standen die Fahnen auf halbmast. Politiker aus dem ganzen Land sowie Staatspräsident Emmanuel Macron sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. Im Hôtel de Ville liegt ein Kondolenzbuch auf. Die Innenstadt kehrte nur zaghaft zum Alltag zurück. Die Stadt, das Elsass, das ganze Land, ist im Schockzustand. Politiker von links wie rechts liefern sich medial bereits wieder eine polemische Auseinandersetzung, ob genug gegen den islamischen Extremismus getan wird.

Der Anschlag trifft das Land in einem heiklen Moment. Nach den massiven Auseinandersetzungen zwischen der Protestbewegung «Gilets jaunes» und der Polizei ist die innere Sicherheit äusserst fragil.

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Bei einem Anschlag auf den Strassburger Weihnachtsmarkt vom Dienstag wurden drei Menschen getötet. Haben Sie nach Strassburg Angst, den Basler Weihnachtsmarkt zu besuchen?

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 13.12.2018, 06:40 Uhr

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