Hintergrund

Am Golf von Paris

Der Emir von Katar kauft in Frankreich historische Stadtpaläste, Luxushotels und den Fussballclub PSG. Die Milliardeninvestitionen sollen Renditen abwerfen für die Zeit, wenn kein Gas mehr aus dem Boden strömt.

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Ein orientalisches Lüftchen weht durch Paris – ein willkommenes in der Hitze der Krise. Es kommt in Form von Milliarden aus einem Land, das nur etwas grösser als Korsika ist, aber viel Geld hat: Katar, ein Emirat am Persischen Golf, 1,7 Millionen Einwohner, 80 Prozent Ausländer. Es ist das Geld für den Masterplan des Emirs, das da fliesst.

Ein Teil des Plans ist auch diese Adresse: 14, Boulevard Haussmann, 9. Arrondissement von Paris. Es ist das schöne Zuhause der bürgerlichen Tageszeitung «Le Figaro», eine Landmarke im politischen Bild der Stadt, das «F» prangt als Logo auf der Fassade.

Die Qatar Investment Authority, Katars Staatsfonds, die Kasse des Emirs, hat das Gebäude, das 23'000 Quadratmeter Bürofläche umfasst, dieser Tage für 300 Millionen Euro gekauft. Ein Schnäppchen? Eher nicht. Wenn man aber nach der Diskretion urteilt, die dieses Immobiliengeschäft umgibt, muss man annehmen, dass alle auf ihre Rechnung kommen.

Eine lange Reihe von Akquisitionen

Und es war ja nur das jüngste einer denkwürdig langen Reihe von Akquisitionen. Der Emir legt sich einen stattlichen Häuserpark an in Paris: Villen, historische Stadtpaläste, Luxushotels. Kürzlich kam auch das Ladenlokal von Virgin Megastore an den Champs-Elysées dazu, eine gigantische Immobilie an der teuersten Meile der Stadt.

Hamad bin Khalifa Al Thani, ein Mann von wuchtiger Gestalt und 65 Jahren, Herrscher Katars seit seinem sanften Putsch gegen seinen Vater 1995, Herr über das weltweit zweitgrösste Erdgasimperium, Chef einer mächtigen und selbstherrlichen Familiendynastie, hat über die Jahre eine tiefe Passion für Paris und die Franzosen entwickelt. Die Leidenschaft hat viele Facetten.

So gehört dem Emir auch der Fussballverein der französischen Kapitale, der PSG, kurz für Paris Saint-Germain, der in den letzten Jahren eine eher bescheidene Rolle spielte in diesem Sport. An einigen der grössten Firmen aus dem Leitindex der Pariser Börse, dem CAC 40, hält er Beteiligungen: Total, Louis Vuitton, Veolia, France Télécom, Vinci, Lagardère.

Alle diese Partizipationen sind je mehrere Hundert Millionen Euro wert, mindestens. Und natürlich investieren die Katarer auch anderswo: in Deutschland bei VW und Porsche, in China, in Griechenland. In Indonesien kauften sie sich mit 1 Milliarde Dollar in einen Staatsfonds ein. Und in London kauften sie das Kaufhaus Harrods. Doch im Masterplan wiegt nichts die Bedeutung Frankreichs auf: Es dient Katar als Schaufenster und Brückenkopf, als Imagetreiber und Politlobby im Westen.

Die Softpower

Wenn das Gas einmal ausgeht, vielleicht schon in 50 Jahren, dann braucht das kleine Emirat eine neue Bestimmung, damit es nicht untergeht. In Doha fürchtet man sich davor, zum Spielball der beiden grossen Mächte in der Region zu werden, des Irans und von Saudiarabien, wenn man sich davor nicht einen Namen und einen klar erkennbaren Platz auf der Weltkarte gesichert hat. Eine Legende aus dem Leben des Emirs dient als Antrieb: Als Al Thani in den 80er-Jahren einmal durch Europa reiste, soll ein Zöllner ihn gefragt haben: «Katar? Wo liegt denn das? Gibt es das überhaupt?» Vielleicht ist die Geschichte erfunden, doch sie passt perfekt ins Storytelling des Emirs.

Mit der Gründung des panarabischen Fernsehsenders al-Jazeera, der auch «CNN des Orients» genannt wird, machte er sein Land fast über Nacht weit bekannt und etablierte es in der Welt. Mit der Austragung der Fussballweltmeisterschaften 2022 dürfte die gross angelegte PR im Namen Katars dann abgeschlossen sein. Medien, Sport, Luxus, Immobilien: Das Emirat operiert mit Softpower und Diplomatie. Militärisch ist es ein Zwerg.

80 Prozent der Rüstungsgüter aus Frankreich

Frankreich stand Katar schon nahe, als es noch die arme Tochter der Emirate war. Valéry Giscard d’Estaing, Präsident von 1974 bis 1981, verkaufte der britischen Ex-Kolonie Waffen. Heute bezieht Katar 80 Prozent seiner Rüstungsgüter aus Frankreich. Der französische Ölkonzern Total half bei der teuren Erschliessung von North-Field, den Offshore-Gasfeldern. Shell und BP waren nicht interessiert und sollten es bald bereuen. So wuchsen die Banden mit Paris.

Die Katarer konnten es auch mit Giscards Nachfolger, dem Sozialisten François Mitterrand, recht gut. Nur mit Jacques Chirac hatte der Emir Mühe. Der französische Präsident war ein persönlicher Freund seines Vaters und wollte ihn, den Sohn, nach dem Putsch nicht anerkennen. Mit Nicolas Sarkozy wurde es dann richtig harmonisch in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Dem gefiel dieses ganze Gepränge und das Geld, er reiste schon als Innenminister gerne und ohne dienstlich leicht verständliche Motive an den Golf.

Kaum gewählt, lud Sarkozy die Dynastie dann zur Militärparade am 14 Juillet ein, dem Nationalfeiertag. Die Al Thanis sassen auf der Ehrentribüne. In der ersten Reihe fiel die schöne Mozah auf, die mächtigste unter den Frauen des Emirs. Sie sass neben der damaligen Frau des Präsidenten. Es war auch Sarkozy, der den Katarern die Türen zum PSG öffnete, seinem Lieblingsverein, der jetzt mit grossen Transfers zur europäischen Spitze geführt werden soll.

Merkel musste länger warten

Und Sarkozy verstand es auch, das Haus Thani in die Militärintervention in Libyen einzubinden: Katar schickte Mirages, sorgte so für das arabische Mittun in der westlichen Allianz gegen Muammar al-Ghadhafi. Im Gegenzug konnte sich der Emir als Powerbroker in der Region hervortun, als eine Art Sponsor der Rebellen, obschon er ja in der Heimat nicht als Demokrat auftritt. Es entstanden Bilder, auf denen Hamad bin Khalifa Al Thani neben Nicolas Sarkozy, David Cameron und den Anführern des libyschen Übergangsrats zu sehen war.

Das Verhältnis zwischen dem Emir und dem französischen Präsidenten war so eng, die gegenseitigen Besuche so häufig, dass man sich vor der kürzlichen Präsidentschaftswahl in Paris fragte, was wohl aus dem Milliardensegen werde, wenn Sarkozy abgewählt würde. Nun, die Katarer sind Meister im Networking – parteiübergreifend und immer bereit für einen Couleurwechsel. Man hört, der katarische Botschafter in Paris treffe sich mit allen, antizipiere, hofiere.

Nachdem François Hollande gewählt und ins Amt eingeführt war, vergingen nur drei Wochen, und da hatte der Premierminister aus Doha, Scheich Hamad Ben Jassim Al Thani, Cousin des Emirs, schon seinen Termin im Elysée. Der dauerte zwar nur 45 Minuten. Doch was zählte, war das schnelle Bild auf der Vortreppe des Palasts: Der Scheich war einer der ersten ausländischen Gäste Hollandes. Angela Merkel kam erst einige Wochen später zu Ehren.

Wenn eine Hand die andere wäscht

Es gab eine Zeit, da wehrte sich der linke Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, noch gegen diese «exotischen Fonds», die sich so mächtig in seine Stadt einkauften. Nun sind alle froh über das Lüftchen. Die grossen Firmen kommen leicht an frisches Kapital. Der Fussball erfährt eine Aufwertung. Den Vereinen der Ligue 1 spült es viel Geld in die Kassen, weil Katar nun auch die TV-Übertragungsrechte bezahlt. Und zwischendurch ordert Doha in Toulouse auch mal 80 Airbusse für 16 Milliarden Euro. Die Katarer ziehen französische und europäische Produkte amerikanischen vor. Im Gegenzug gibt es in Frankreich Sonderdekrete für die Freunde aus dem Orient. So zahlen die Katarer zum Beispiel keine Steuern auf Immobiliengeschäfte mehr, was in ihrem Fall ein stattliches Geschenk ist.

Casinos, Bars, Clubs

Nur ein Misston stört die Idylle. Das Nachrichtenmagazin «Le Point» publizierte dazu unlängst ein Dossier mit dem zweideutig ironisierenden Titel: «Nos chers amis, les Qataris». Der Misston hat mehr mit Geist denn mit Geld zu tun. Die Katarer, Wahabiten wie die Saudis, sponsern überall auf der Welt Koranschulen und Imame, die einen konservativen Islam vorleben. Es gibt auch den Verdacht, Doha finanziere seit dem arabischen Frühling radikalislamistische Parteien – etwa die Salafisten in Ägypten und in Tunesien. Das passt dann nicht so gut zum modernen Gesicht, das sich die Investoren in Paris geben, diese Jäger und Sammler von westlichen Marken und Statussymbolen.

Als das Emirat vor einigen Monaten vorschlug, 50 Millionen Euro in Projekte in den Pariser Banlieues zu investieren, kam die Furcht auf, es gehe um religiöse, etwa um den Bau von Moscheen. Viel mehr als ein Gerücht war das zwar nicht. Doch der rechtsextreme Front National instrumentalisierte die Geschichte. Und so zog Katar die Idee wieder zurück, obschon bereits Hunderte von Bewerbungen eingegangen waren. Nun soll es bald ein neues Projekt geben, diesmal für kleinere und mittlere Betriebe. Ideologisch möglichst neutral und unproblematisch, damit das Image keinen Schaden nimmt.

Im Sommer macht die Dynastie jeweils Ferien in Frankreich, unten im Süden, an der Côte d’Azur. Auch dort hat man die eine oder andere Länderei gekauft, dazu einige grosse Hotels: das Martinez in Cannes etwa, einer der mythischen Orte des Filmfestivals. In Monte Carlo besitzt der Emir einen Teil der Société des Bains de Mer, jener Gesellschaft also, zu der das Casino, die Bars, die Oper, die Golfclubs und Luxushotels des Fürstentums gehören. Alles Juwelen für das Schaufenster. Alles für den Masterplan. Alles für die Zeit, wenn dann mal kein Gas mehr aus dem Boden strömt und das kleine Katar von den Renditen seines flüchtigen Reichtums leben muss.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2012, 06:42 Uhr

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