Baby im Wahlkampf

Auf einem AfD-Plakat posiert Frauke Petry mit ihrem Säugling Ferdinand. Kritiker sprechen von Tabubruch. Doch so neu ist die Provokation nicht.

Inszenierung als warmherzige Mutter und Politikerin: AfD-Plakat mit Frauke Petry und Sohn.

Inszenierung als warmherzige Mutter und Politikerin: AfD-Plakat mit Frauke Petry und Sohn.

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Monatelang war es ruhig um AfD-Chefin Frauke Petry. Doch jetzt tritt sie wieder in die Öffentlichkeit – mit einem unkonventionellen Wahlplakat, auf dem sie mit ihrem am 18. Mai geborenen Sohn Ferdinand zu sehen ist. Mit ihrer Baby-Offensive sichert sich Petry viel Aufmerksamkeit im Hinblick auf den Bundestagswahlkampf. Gleichzeitig hagelt es Kritik gegen die 42-jährige AfD-Politikerin. Wahlkampf mit Kindern? Das gehe gar nicht, monieren die Kritiker. Die Instrumentalisierung von Kindern für politische Werbezwecke verletze den Anspruch des Kindes auf Selbstbestimmung.

Für den «Tagesspiegel» handelt es sich um einen Tabubruch durch die AfD-Politikerin. «Ein Kind als Mittel im Machtkampf und als Beleg für Ideologietreue ist abstossend», heisst es im Kommentar der Berliner Zeitung. Auch manche Kinderschützer üben Kritik: Sie nennen die Petry-Kampagne «eine Form von erweitertem Kindsmissbrauch».

«Ich habe Kinder, Angela Merkel hat keine»

Deutscher Nachwuchs ist ein Herzensanliegen in der AfD. Dabei geht Petry mit gutem Beispiel voran: Sie ist Mutter von fünf Kindern. Ferdinand ist das erste gemeinsame Kind mit ihrem Parteifreund und zweiten Ehemann Marcus Pretzell. Das Muttersein hat Petry schon bei früheren Gelegenheiten politisch instrumentalisiert. «Ich habe Kinder, Angela Merkel hat keine», sagte Petry vor einem Jahr. «Kinder veranlassen einen, über den eigenen Lebenshorizont hinaus zu sehen. Und das tut Merkel eben nicht.» In dieser Sichtweise führt Kinderlosigkeit zu einer schlechteren Politik.

Die AfD will die Deutschen motivieren, mehr Kinder in die Welt zu setzen – «zum Erhalt des eigenen Staatsvolks», wie es im Wahlprogramm steht. Die rechtspopulistische Partei bekennt sich zur traditionellen Familie aus Vater, Mutter und Kindern als «Keimzelle der Gesellschaft». Mehrkinderfamilien sollen speziell gefördert werden. Die «Generation Allah», so Petry, begräbt den Bildungsstandort Deutschland. Nach Ansicht der AfD bedroht die Immigration die Lebenschancen der einheimischen Bevölkerung. «Mehr Kinder statt Masseneinwanderungen», heisst ein Slogan der AfD. Ohne ausgeglichene Geburtenbilanz sei der soziale Friede gefährdet.

Innerparteiliche Machtkämpfe

Dass Petry ihr Kind im Wahlkampf so prominent einsetzt, zeigt einem «Spiegel»-Bericht zufolge auch, wie sehr sie in der eigenen Partei unter Druck steht. Petry hat in der AfD an Rückhalt verloren, die Partei versagte ihr die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahlen in zwei Monaten. Der Kölner Parteitag nominierte Alexander Gauland und Alice Weidel als Spitzenkandidaten der AfD. Hinter der Baby-Offensive vermutet der «Spiegel» eine «heimliche Kampfansage an die AfD-Spitzenkandidaten ohne Säuglinge»: Gauland hat eine erwachsene Tochter und die lesbische Weidel keine leiblichen Kinder. In der Parteispitze hat das Petry-Plakat für Streit gesorgt. Das Plakat liegt offiziell nur als Entwurf vor. Ob es als AfD-Plakat grossflächig aufgehängt wird, ist noch unklar. Fotos von Petry mit ihrem Baby kursieren aber schon längst im Internet.

CDU-Politiker Christian Wulff wirbt 1996 mit seiner damals zweijährigen Tochter im Landtagswahlkampf in Niedersachsen.

In der allgemeinen Aufregung um das Plakat mit dem Petry-Baby geht aber vergessen, dass eine solche Provokation nicht so neu ist, wie Kritiker suggerieren. Dass Kinder auf Wahlplakaten auftauchen, kommt immer wieder vor. Schliesslich geht es in der Politik um die Zukunft unserer Kinder, wie Kandidierende gern betonen. Selbst prominente deutsche Politiker haben sich nicht gescheut, ihre Kinder für ihren Wahlkampf zu instrumentalisieren. So war der spätere Bundespräsident Christian Wulff (CDU) im Landtagswahlkampf in Niedersachsen von 1996 mit seiner zweijährigen Tochter auf einem Wahlplakat zu sehen. Und Kanzlerkandidat Willy Brandt (SPD) posierte mit Frau und Kindern anlässlich des Bundestagswahlkampfs 1961.

SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt und Familie im Bundestagswahlkampf 1961. Foto: Keystone (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2017, 14:16 Uhr

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