Beförderung trotz Plagiatsaffäre

Der deutschen FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin ist der Doktortitel aberkannt worden. Jetzt ist die Plagiatorin im EU-Parlament als Forschungspolitikerin befördert worden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Silvana Koch-Mehrin jetzt Vollmitglied im Industrie-Ausschuss»: Dies meldete die 40-jährige Europapolitikerin am Mittwoch auf ihrer eigenen Webseite. Im Titel ihrer Mitteilung verschweigt die deutsche FDP-Frau, die bisher stellvertretendes Mitglied war, dass es sich um einen Parlamentsausschuss handelt, der sich auch um Forschung kümmert. Und das ist brisant, nachdem sie sich als Akademikerin nicht gerade als gute Forscherin ausgezeichnet hat. Mehr noch: Weil Koch-Mehrin des Plagiats überführt worden ist, wurde ihr der Doktortitel aberkannt.

Eine Aufgabe dieses Ausschusses ist die Verbreitung und Auswertung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die auch im EU-Parlament verkündete Beförderung von Koch-Mehrin als Forschungspolitikerin verwunderte manchen Abgeordneten, wie «Spiegel online» berichtet.

Auf 80 Seiten über 120 Plagiate

Die Universität Heidelberg hat inzwischen festgestellt, dass sich auf rund 80 Textseiten der Dissertation von Koch-Mehrin mehr als 120 Stellen finden, die nach Bewertung des Promotionsausschusses als Plagiate zu klassifizieren sind. Die Textstellen stammten aus mehr als 30 verschiedenen Publikationen, von denen Koch-Mehrin zwei Drittel nicht im Literaturverzeichnis ihrer Dissertation aufgeführt habe. Die 40-jährige Vorzeigepolitikerin der FDP reagierte mit der seltsamen Erklärung auf die Entlarvung als Plagiatorin, die Universität Heidelberg habe seit dem Jahr 2000 von den Mängeln ihrer Arbeit gewusst und ihr dennoch den Doktortitel verliehen.

Im Zuge der Plagiatsaffäre um den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg geriet insbesondere Koch-Mehrin ins Visier der Plagiatsjäger. Koch-Mehrin gab im Mai wegen der Plagiatsvorwürfe ihre Posten als Vizechefin des Europaparlaments und im FDP-Präsidium ab. An ihrem Abgeordnetenmandat im EU-Parlament wollte sie aber festhalten, was ihr weitere Kritik eintrug. Seit der Aberkennung des Doktortitels steht Koch-Mehrin erneut in der Kritik.

Koch-Mehrin soll Mandat als Europaabgeordnete abgeben

Die Sozialdemokraten im EU-Parlament rieten der FDP-Politikerin zur Niederlegung ihres Mandats als Europaabgeordnete. Koch-Mehrin habe mit ihrem Doktortitel im Wahlkampf 2009 offensiv geworben, sagte der Vorsitzende der Sozialistischen Fraktion im EU-Parlament, Martin Schulz. Als Abgeordnete habe Koch-Mehrin in der Vergangenheit Parlamentskollegen korrekte Verhaltensweisen nahegelegt. «Sie selbst wird diesen Massstäben nun nicht gerecht», sagte Schulz. Selbst in der deutschen FDP regte sich Widerstand gegen Koch-Mehrins Festhalten am Mandat. Durch den Plagiatsfall sei schwerer Schaden nicht nur für die FDP, sondern auch für die Wissenschaft entstanden, sagte der forschungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Martin Neumann. Das FDP-Präsidium stellt sich jedoch hinter Koch-Mehrin.

Vorgänger von Koch-Mehrin auch unter Plagiatsverdacht

Nach Koch-Mehrin droht zwei weiteren deutschen FDP-Politikern die Aberkennung ihres Doktortitels. Sowohl die Plagiatsvorwürfe gegen den Europa-Abgeordneten Jorgo Chatzimarkakis als auch gegen den Bundestagsabgeordneten Bijan Djir-Sarai würden weiterhin geprüft, sagten Sprecher der Universitäten Bonn und Köln auf Anfrage der Nachrichtenagentur DAPAD.

Chatzimarkakis war bisher Vollmitglied des europäischen Parlamentsausschusses für Industrie, Forschung und Energie. Für Chatzimarkakis, der nur noch stellvertretendes Mitglied ist, ist nun Koch-Mehrin nachgerutscht. «Der Platz im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie sollte nach einer Abmachung turnusgemäss zwischen beiden Abgeordneten getauscht werden», betont Chatzimarkakis. «Diese Abmachung existiert bereits seit 2009 und hat nichts mit aktuellen Vorgängen zu tun.» Der Europa-Abgeordnete Chatzimarkakis bleibt wie bisher energiepolitischer Sprecher.

Gemäss einer DAPD-Meldung erklärte ein Sprecher der FDP im Europäischen Parlament am Donnerstagvormittag, Überlegungen, dass sich Koch-Mehrin stärker im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie engagieren wolle, gebe es schon seit längerem. Die Themen des Ausschusses seien zudem vielfältig. «Frau Koch-Mehrin wird damit nicht zwingend Forschungspolitikerin.» Auf ihrer Webseite teilte Koch-Mehrin mit, dass sie sich den Themen «Digital Agenda, Informationstechnologie, Telekommunikation und Internet» widmen wolle. (vin)

Erstellt: 23.06.2011, 11:05 Uhr

Artikel zum Thema

Deutschlands Guttenbergin

Nach dem Fall Guttenberg soll auch Silvana Koch-Mehrin von der FDP in ihrer Dissertation seitenweise abgeschrieben haben. Mehr...

Koch-Mehrin kämpft um ihren «Doktor»

Wegen Plagiats hat die Universität Heidelberg Silvana Koch-Mehrin den Doktor-Titel entzogen. Nun meldet sich die FDP-Politikerin zu Wort - und verteidigt ihre Dissertation. Mehr...

Koch-Mehrin verliert ihren Doktortitel

Wegen Plagiats entzieht die Universität Heidelberg der deutschen FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin den Doktortitel. Dies teilte die Universität nach mehrwöchiger Untersuchung mit. Mehr...

Paid Post

So können Hausbesitzer viel Geld sparen

Hausbesitzer, die auf lange Sicht Energie und dadurch Geld sparen möchten, sollten Ihr Heim jetzt auf Wärmeverluste überprüfen.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Sie bringen Licht ins Dunkel: Die Angestellten einer Werkstatt in Tuntou, China, fertigen Laternen in Handarbeit. Diese werden als Dekoration für das chinesische Neujahrsfest dienen, das Anfang Februar stattfindet. (Januar 2019)
(Bild: Roman Pilipey/EPA) Mehr...