Charlottesville – ein Resultat von Trumps Aufstieg

Die Ausschreitungen in Charlottesville sind ein Zeichen der Zeit: Donald Trumps Wahlsieg hat US-Rechtsextremisten ermuntert.

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Die kleine Stadt ist weltoffen, liberal und die Heimat der berühmten – weil von Thomas Jefferson gegründeten – Universität von Virginia. Niemals aber hätten die Bürger von Charlottesville geträumt, dass sich die tiefe politische und soziale Spaltung der USA in ihrer Stadt entladen würde. Am Samstag geschah genau dies: Hunderte von Neonazis, Anhänger der Alt-right und rechtsextreme Rassisten fielen in Charlottesville ein, um gegen den geplanten Abtransport einer 1924 errichteten Statue Robert E. Lees, des Oberbefehlshabers der konföderierten Truppen im amerikanischen Bürgerkrieg, zu protestieren.

Charlottesville trauert um die getötete Frau. (Video: Tamedia/AP)

Am Nachmittag zog die Stadt eine traurige Bilanz: Nachdem ein Auto anscheinend vorsätzlich in eine Menschenmenge gefahren war, war eine junge Frau tot, mindestens 34 Menschen wurden bei den Auseinandersetzungen zwischen Rechtsextremen und linken Gruppen verletzt. Später stürzte ein Polizeihelikopter ausserhalb der Stadt ab, zwei Personen an Bord starben. Die Innenstadt von Charlottesville glich einem Schlachtfeld: Barrikaden, Müll, erschöpfte Polizeikräfte. Virginias Gouverneur Terry McAuliffe hatte den Ausnahmezustand erklärt und die Nationalgarde in Alarm versetzt.

Video: Ein Autofahrer fährt in die Menge

Ein mittlerweile identifizierter junger Mann fährt in Gegendemonstranten. (Quelle: Twitter/brendanmgilmore)

Nichts aber erschütterte viele Bewohner der Unistadt mehr als die Reaktion von Präsident Trump auf die Ausschreitungen: Nach stundenlanger Funkstille, in deren Verlauf andere Politiker wie etwa Paul Ryan, der republikanische Sprecher des Washingtoner Repräsentantenhauses, den Aufmarsch weisser Nationalisten in Charlottesville scharf kritisiert hatten, meldete sich Trump «endlich», so Charlottesvilles Bürgermeister Mike Signer, zu Wort.

«Hass und Borniertheit auf vielen Seiten»

Statt jedoch die angereisten Rassisten beim Namen zu nennen, verurteilte der Präsident «Hass und Borniertheit auf vielen Seiten» – ein klares Signal an Trumps Basis, dass der Präsident nicht willens war, weissen Nationalisten und Neo-Konföderierten die Schuld an den Ausschreitungen zuzuweisen. Ex-Klansmann David Duke aus Louisiana, der sich am Samstag neben den Führern der amerikanischen Alt-Right und diverser Neonazi-Gruppen gleichfalls in Charlottesville befand, erinnerte Trump per Tweet daran, was er weissen Nationalisten verdankte: Der Präsident müsse nur «in den Spiegel schauen und sich erinnern, dass ihm weisse Amerikaner ins Weisse Haus verholfen haben».

Tatsächlich sind die Vorgänge in Charlottesville unter anderem ein Resultat von Trumps Aufstieg: Seit der Präsidentschaftskandidatur von George Wallace, dem rassistischen Gouverneur von Alabama, im Jahr 1968 hat nichts den amerikanischen Rechtsextremismus mehr ermuntert als der Wahlsieg Trumps im November 2016. Beobachter der rechtsextremen Szene vermelden inzwischen einen alarmierenden Anstieg weisser Nationalistengruppen.

Video: Ausschreitungen in Charlottesville

Tote und Schlägereien an Rechtsradikalen-Demonstration: Präsident Trump verurteilt Gewalt «von vielen Seiten». (Quelle: Reuters/Tagesanzeiger)

Die verhaltene Reaktion des Präsidenten stiess in US-Medien und bei führenden Demokraten wie auch einigen Republikanern auf Unverständnis, umso mehr, als Trump die Amerikaner aufforderte, «ihre Geschichte in Ehren zu halten». Genau darum aber geht es in Charlottesville seit Monaten: Begonnen hatte der Eklat bereits im Februar, als der Stadtrat knapp entschied, die Lee-Statue sowie ein weiteres Bürgerkriegsdenkmal zu entfernen und «Lee Park» zum Gedenken an die Befreiung afroamerikanischer Sklaven in den Südstaaten in «Befreiungspark»­ umzutaufen.

Todesdrohungen an Stadträte

Wie in anderen Städten des amerikanischen Südens, wo über die Entfernung konföderierter Denkmäler nachgedacht wurde oder Statuen wie etwa in New Orleans tatsächlich abtransportiert wurden, schlugen die Wogen auch in Charlottesville hoch: Stadträte erhielten im Anschluss an ihr Votum Todesdrohungen, blieben aber bei ihrer Entscheidung – womit die Stadt im Herzen Virginias zur Zielscheibe von Rassisten, Neo-Konföderierten, Alt-right-Fanatikern und Antisemiten wurde.

2014 noch hatte sich Charlottesville mit dem Titel geschmückt, die «glücklichste Stadt» US-Amerikas zu sein. Nun befürchten die Bürger, dass sich die Ereignisse vom Samstag wiederholen könnten: Jason Kessler, einer der Organisatoren des rechtsextremen Aufmarschs, kündigte an, man werde wiederkommen – in noch grösserer Zahl.

Unterdessen wuchs die Kritik an der Polizei: Sie habe es versäumt, die Ordnung aufrechtzuerhalten und sei von den Kontrahenten ausmanövriert worden. Gegen den mutmasslichen Fahrer des Unfallautos, einen 20-jährigen weissen Nationalisten aus dem Staat Ohio, erhob die Staatsanwaltschaft noch am Samstag eine Anklage wegen Mordes. Das FBI gab am Sonntag bekannt, man werde sich in die Ermittlungen in Charlottesville einschalten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2017, 18:55 Uhr

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