Das ukrainische Rüstungsdilemma

Die ukrainische Rüstungsindustrie exportiert 70 Prozent ihrer Güter nach Russland. Präsident Poroschenko will die Lieferungen stoppen – und gefährdet damit Tausende Arbeitsplätze.

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Mitte Juni ordnete der ukrainische Präsident Petro Poroschenko an, sämtliche Lieferungen von Kriegsmaterial an Russland einzustellen. Zwei Monate später produzieren die Rüstungsbetriebe in der Ukraine aber noch immer für Moskau, wie die «Washington Post» berichtet. Offenbar erhielten die betreffenden Firmen diesbezüglich nie eine formelle Anordnung. Tatsächlich dürfte es für Poroschenko schwierig werden, einen Lieferungsstopp durchzubringen.

Die Ukraine steckt in einer schwierigen Situation: Liefert das Land weiter an Russland, unterstützt es indirekt womöglich den eigenen Feind – die Separatisten in der Ostukraine werden mutmasslich von Moskau unterstützt. Kappt Kiew jedoch die Lieferungen an Russland, gefährdet es eine ganze Industrie.

70 Prozent der Rüstungsgüter für Moskau

Schätzungen zufolge produzieren rund 80 ukrainische Firmen Rüstungsgüter für Russland. Sie stellen Motoren für Kriegsschiffe, Steuereinheiten für russische Frühwarn-Satelliten und Zielsysteme für Panzer her.

Diese Unternehmen generieren beinahe eine Milliarde US-Dollar allein aus dem Handel mit Russland, wie der Militärexperte Anton Mikhenko gegenüber der «Washington Post» sagt. Laut dem Stockholmer internationalen Friedensforschungsinstitut ist die Ukraine der achtgrösste Exporteur von Kriegsmaterial – 70 Prozent der Güter soll alleine an Russland gehen.

«Wir sind von Russland abhängig»

Eine der Firmen, die vom Export nach Russland leben, ist Motor Sitsch. Der Turbinenhersteller beschäftigt rund 27‘000 Angestellte. Die Firma im ostukrainischen Zaporizhia produziert beinahe alle Helikoptermotoren für die russische Luftwaffe und das Gros der Triebwerke für die Transportmaschinen.

Dementsprechend stösst Poroschenkos Anordnung, Lieferungen an Moskau zu stoppen, in Zaporizhia auf wenig Verständnis. «Wir sind von Russland abhängig», sagt ein Motor-Sitsch-Sprecher gegenüber der Zeitung. «Die Regierung in Kiew denkt, nationale Interessen seien wichtiger als die Wirtschaft. Die sollen einmal mit jenen sprechen, die arbeitslos sind.» Auch ein anonymer Vertreter des ukrainischen Verteidigungsministeriums warnt vor einem Lieferungsstopp: «Diese Entscheidung würde den Tod für Firmen und Fabriken bedeuten.»

Moskau will eigene Rüstungsindustrie

Eine Firma, welche die Konsequenzen der Ukraine-Krise bereits ohne Ausfuhrstopp spürt, ist der staatliche Raketenhersteller Juschmasch. Der Betrieb baut Teile für Russlands schwerste Interkontinentalraketen, die SS-18 Satan. Zusätzlich ist Juschmasch am Unterhalt der Raketen beteiligt. Die Firma musste Kurzarbeit einführen, nachdem aus Moskau keine neuen Aufträge mehr eingingen.

Offenbar zielt Russland darauf ab, seine Abhängigkeit von der ukrainischen Rüstungsindustrie zu reduzieren. Demnach hat Moskau bereits mehrere Milliarden investiert, die ukrainischen Produkte innerhalb von drei Jahren durch solche aus eigener Produktion zu ersetzen. (kpn)

Erstellt: 16.08.2014, 21:12 Uhr

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