«Das zarte Pflänzchen Kosovo»

Der Nationalrat hält unbeirrt Kurs, während in Deutschland die Töne kritischer werden.

Unwillkommene Realitäten. Der damalige Verteidigungsminister Samuel Schmid (oben rechts) 2007 auf Truppenbesuch im kosovarischen Zociste. Foto Keystone

Unwillkommene Realitäten. Der damalige Verteidigungsminister Samuel Schmid (oben rechts) 2007 auf Truppenbesuch im kosovarischen Zociste. Foto Keystone

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Seit bald 20 Jahren sitzt die Schweizer Armee mit ihrem Stabilisierungs-Trüppchen in Kosovo fest. Ein Ende ist nicht in Sicht. Der radikale Islam im mehrheitlich muslimischen Staat wird derweil zum Problem. Dessen ungeachtet haben die Daueroptimisten gestern im Nationalrat obsiegt. Mit 100 gegen 76 Stimmen in der Gesamtabstimmung hat der Nationalrat den Einsatz der Swisscoy in Kosovo um drei Jahre bis 2020 verlängert.

Priska Seiler (SP) sagte, es sei eindeutig noch zu früh für einen Rückzug. «Das zarte Pflänzchen Kosovo würde einen heftigeren Windstoss nicht überleben.» Man habe sich verpflichtet und könne nicht einfach davonlaufen, fand auch der Grünliberale Beat Flach: «Heute sind 31 Staaten mit rund 4600 Personen in Kosovo tätig. Unsere Swisscoy leistet dort einen guten Dienst.» Grüne und SVP schlugen vor, per Ende 2020 den Rückzug aus Kosovo vorzubereiten und zu vollziehen. Ihr Antrag war nicht mehrheitsfähig.

Wachsende Radikalisierung

Im Vergleich zur Schweiz scheint die Bereitschaft unter Politikern in Deutschland deutlich stärker zu sein, unwillkommene Realitäten in die Lagebeurteilung auf dem Balkan einzubeziehen. Seit es der Duisburger Polizei letztes Jahr gelang, zwei radikalisierten Brüdern aus Kosovo gerade noch rechtzeitig das Handwerk zu legen, bevor sie einen Anschlag ausführen konnten, steht auch Kosovo verstärkt im Fokus von Sicherheitskräften und Politik.

Die Deutsche Welle berichtete kürzlich, die Regierung beobachte einen wachsenden islamistischen Einfluss in Kosovo, zu dem auch Prediger aus Saudi-­Arabien beitragen. Im jüngsten Staat Europas würden immer wieder radikalisierte Muslime festgenommen. Darüber hinaus sei «ein kontinuierliches Engagement arabischer Geldgeber – Einzelpersonen, Nichtregierungsorganisationen sowie staatliche und halbstaatliche Institutionen – in der islamischen Gemeinde Kosovos feststellbar».

Bei der Bundesregierung nachgefragt hatte zuvor eine Abgeordnete der Linken. Sie bezeichnete es in ihrer Anfrage als skandalös, dass «dank der Präsenz deutscher Soldaten saudische Gewalt- und Hassprediger ihre Ideologie verbreiten können». Unter den Augen der multinationalen Kosovo-­Truppe Kfor habe sich Kosovo «zum islamistischen Terrorzentrum entwickelt». Deutschland stellt rund 700 Soldaten in Kosovo, die Schweiz will ihren Bestand bis 2020 auf 165 abbauen.

Die Sicherheitspolitik ignoriert ­hierzulande hartnäckig Fakten: Nach Angaben von Sicherheitsexperten vor Ort hängen heute 50 000 von zwei Millionen Kosovaren einem konservativen Islam an. Mit saudischen Geldern wurden neue Moscheen und Koranschulen geschaffen. Von 2012 bis Ende vergangenen Jahres sollen 316 Kosovaren ausgereist sein, um sich dem IS anzuschlies­sen. Mindestens 58 von ihnen seien tot, rund 120 kamen nach Kosovo zurück. Dies sagte ein Sprecher des kosovarischen Innenministeriums zur Deutschen Welle. Gegen 240 Personen liefen Untersuchungen wegen Beteiligung an terroristischen Aktivitäten, Rekrutierung und Unterstützung von Terror. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.06.2017, 07:24 Uhr

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