Der Mann, der den dritten Weltkrieg verhinderte

Wie der Russe Stanislaw Petrow die Welt rettete und eine Kristallkugel erhielt. Die Geschichte eines glücklosen Helds.

Ein Held unserer Zeit: Stanislaw Petrow beim Erhalt des Friedenspreises von Dresden 2013.

Ein Held unserer Zeit: Stanislaw Petrow beim Erhalt des Friedenspreises von Dresden 2013. Bild: Keystone

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Nachdem Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow die Welt gerettet hatte, kehrte er nach Hause zu seiner Familie im sowjetischen Städtchen Serpuchow zurück. Er habe eine Sonderschicht gehabt, erklärte er seiner Frau, die zeit ihres Lebens nie erfahren sollte, dass ihr Mann einen dritten Weltkrieg verhindert hatte. Doch vielleicht nahm auch sie wahr, dass sich ihr Mann über Nacht verändert hatte und nie mehr derjenige wurde, der er einmal war.

Seine Mannschaft, 200 Mann, bejubelte Petrow in der Nacht vom 25. September 1983 noch begeistert. Im Serpuchow-15-Bunker fielen sich die Menschen in die Arme und alle waren sicher, dass ihr Oberstleutnant am Bruststück seiner Uniform viel Platz freiräumen müsste, um all die Orden zu tragen, mit denen ihn die sowjetischen Apparatschiks behängen würden.

Das Schweigen

Stanislaw Petrow aber musste Rechenschaft ablegen und eine peinliche Rüge seines Generals über sich ergehen lassen, weil er das Dienstprotokoll nicht ausgefüllt hatte, während er die Welt rettete. Auch dass der Oberstleutnant einem Gefühl mehr traute als dem System, konnte bei seinen Vorgesetzten nur Misstrauen erwecken, galten die sowjetischen Rechner im Kontrollzentrum zur Früherkennung amerikanischer Angriffe doch als unfehlbar.

Über den Vorfall durfte er mit niemandem reden. Zu schweigen war sich Stanislaw Petrow aber gewohnt, lebte er doch in einer Stadt, die auf der Landkarte gar nicht existierte, und in der alles so geheim war, dass selbst an der Bushaltestelle seines Arbeitsortes lapidar stand: Zentrum für die Beobachtung von Himmelskörpern. Und es stimmte ja auch, Stanislaw Petrow beobachtete den Himmel.

Fehlendes Glück

Nachdem Stanislaw Petrow die Welt gerettet hatte, fühlte er sich wie neu geboren. Das Leben, das schon abhanden gekommen schien, meldete sich umso stärker zurück. Bald aber schien es ihm eher, dass in der Nacht vom 25. September etwas kaputt gegangen war, dass seine Körperhülle zwar nach Hause wandelte, irgendetwas aber immer in diesem Bunker stecken blieb. Er machte die ernüchternde Erkenntnis, dass die Rettung der Welt nicht glücklich machte.

Seine Vorgesetzten nannte er fortan hochrangige Arschlöcher. Er quittierte den Dienst, um sich um seine geliebte und schwerkranke Frau zu kümmern. Der Kontakt zu seiner Familie brach ab. Die Frau starb. Seine Mutter kam nicht an die Beerdigung. Was ist das Glück der Menschheit, wenn das eigene Leben den Bach runter geht?

Zum Teufel

Im Dokumentarfilm «The Man Who Saved the World» lernen wir Stanislaw Petrow als verbitterten Alten kennen. In einer sowjetischen Trabantenstadt raucht Petrow mit zittrigen Händen auf einem fleckigen Diwan Kette. Längst hat er aufgehört, die leeren Wodka-­Flaschen wegzuräumen. Die ganze Welt wünscht er zum Teufel und die Journalisten ganz besonders. Was wollen diese Idioten immer seine Geschichte hören? Er, Stanislaw Petrow, sei kein Held, sagt er immer wieder, er sei nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

In jener Nacht im September 1983 versah der Oberstleutnant seinen normalen Dienst. Der oberste Sowjetführer Juri Andropow lag schwer nierenkrank im Spital und das Land war alarmiert von Ronald Reagans Rhetorik über das Reich des Bösen. Lieber sähe er seine kleinen Mädchen sterben, sagte der amerikanische Präsident, als sie unter dem Kommunismus aufwachsen zu lassen und gottlos sterben sehen zu müssen. Ein nuklearer Erstschlag der USA galt als möglich. Es war Kalter Krieg.

«S T A R T»

Kurz vor Mitternacht gingen im Serpuchow-15 die Sirenen los. Auf einem dreissig Meter hohen Bildschirm standen die roten Buchstaben «S T A R T». Wie vom Blitz getroffen war Stanislaw Petrow, aus heiterem Himmel. Er wusste, was dies bedeutete, hatte er, ein Ingenieur, die Anlage doch selbst entwickelt. Das Frühwarnsystem meldete mit maximaler Wahrscheinlichkeit, dass in den USA eben eine Atombombe gestartet war. In 25 Minuten würde sie irgendwo in der Sowjetunion zerbersten und Leben zerstören wie nie zuvor. Eines jedoch irritierte Stanislaw Petrow, die Satellitenbilder zeigten keine Raketen. Der Oberstleutnant liess die Rechner überprüfen, aber sie änderten ihre Meinung nicht.

Nun, nach zwei Minuten Bedenkzeit, hätte Petrow seinem Genossen Oberst melden müssen, dass man selbst Amerika mit Atombomben attackieren müsste. Das war die Logik des Kalten Krieges. Wenn ihr uns kaltmacht, machen wir euch kälter. Stanislaw Petrow aber befielen Zweifel.

Falscher Alarm

Er nahm den Hörer in die Hand und meldete seinem aufgeschreckten Vorgesetzten: nur ein falscher Alarm. Während er sprach, meldeten die sowjetischen Rechner weitere Raketen, eine zweite, eine dritte, eine vierte und eine fünfte. Der Oberst hörte die Sirenen aus dem Serpuchow-Bunker durch die Telefonmuschel heulen. Doch auch bei diesen, versicherte ihm Petrow, handle es sich nur um einen falschen Alarm. Seinen Leuten befahl er weiterzuarbeiten. In einem Moment, wo kopflose Panik hätte ausbrechen müssen, offenbarte sich das Wunder der Subordination. Nur Stanislaw Petrow dienstete abseits aller Reglemente. Er machte nichts und harrte dem Schicksal.

Als die Raketen endlich auf den sowjetischen Radarsystemen hätten auftauchen müssen, passierte nichts. Petrow hatte recht. Die feindlichen Raketen existierten nur im System. Viele Jahre später machte ein russischer Generaloberst die Geschichte bekannt. Es war 1998, ein Jahr zuvor war Stanislaw Petrows Frau gestorben.

Der Held, der keiner sein wollte, wurde nun oft gefragt, warum er den Rechnern misstraut hatte. Er habe gestutzt, als die Raketenstarts einzeln erfolgten. Wenn die USA angreifen würden, so rechnete er mit einem geballten Bombenhagel. Dazu kam, dass die amerikanische Raketenbasis sich zum Zeitpunkt des Alarms auf der Tag-Nacht-Grenze befand. Angesichts des diffusen Lichts war ungewiss, ob auf den Satellitenbildern überhaupt Raketen erkennbar sein könnten.

Ein Gefühl

Aber stets spricht Petrow auch von einem Gefühl, das ihn in jenen Minuten befiel. Er wollte nicht schuld sein an einem dritten Weltkrieg. Vielleicht war es der Mut, Angst zu haben, die Petrow zum Helden machte. Vielleicht auch, dass er liebte und leben wollte. Monate später fand Stanislaw Petrow heraus, dass die Beobachtungssatelliten im All wohl von Sonnenstrahlen, die von der Erde reflektierten, geblendet worden waren und dies als Raketenstart deuteten. Experten waren sich später einig, dass die Welt einem dritten Weltkrieg nie näher stand, als in jener Nacht.

Stanislaw Petrows Geschichte scheint eher einem Roman entnommen als dem wirklichen Leben. Soll sie einem Mut machen oder eher Angst? Ein Einzelner am roten Knopf für alles? Russland hat um seinen Helden kein grosses Aufsehen gemacht. Gewürdigt wurde er vor allem in den USA. 2006 erhielt er im UNO-Hauptquartier in New York den World Citizen Award, eine gläserne Weltkugel mit Fassung. Als er sie zu Hause auspackte, vor laufenden Kameras, war auf seinem Gesicht ein Anflug von Stolz. Die Welt, die für einen Moment in seinen Händen lag.

Benjamin Bidder: Der Mann, der den dritten Weltkrieg verhinderte, Spiegel online, 21. April 2010.
Stefan Locke: «Der rote Knopf hat nie funktioniert», FAZ, 18. Februar 2013.
Peter Anthony: «The Man Who Saved the World», Dokumentarfilm (2014).
(Basler Zeitung)

Erstellt: 08.08.2015, 11:32 Uhr

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