Deutschland-Report: Kalenderwoche 34

In Deutschland machen die Protagonisten nur Wahlkampf, weil sie Wahlkampf machen müssen. Darum wurde der deutsche Wahlkampf wohl von Recep Tayyip Erdogan geführt.

Die neuen Wahlplakate sind da und sehen aus wie die alten.

Die neuen Wahlplakate sind da und sehen aus wie die alten. Bild: Keystone

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Politik könnte viel angenehmer sein für die Politiker, wenn die Bürger nicht wären. Diese kleinen Leute, die das Grosse nicht kapieren und die politischen Kollateralschäden überbewerten, die man als Politiker unglücklicherweise aber ernst nehmen muss oder zumindest so tun, als ob man sie ernst nehmen würde, weil sie eine Stimme haben. Und weil geschätzte 20 Millionen kleinbürgerliche stimmberechtigte Menschen eine Wahl entscheiden können. Am Sonntagabend traf Angela Merkel bei RTL und Spiegel TV auf Frau Bichl, Rentnerin, und nahm sie ernst. Frau Bichl sagte, Deutschland sei ein reiches Land und fragte, was sie denn falsch gemacht habe, dass es ihr so dreckig gehe. Frau Merkel antwortete: «Sie haben nichts falsch gemacht.»

Einen Monat noch bis zur Bundestagswahl. Die neuen Wahlplakate sind da und sehen aus wie die alten. Man sieht Angela Merkel, wie sie zuhört, ein bisschen empathisch, ein bisschen lächelnd, ein bisschen nachdenklich, ein bisschen «Wie lange dauert das denn noch?». Auf dem Plakat steht: «Das grosse Ganze beginnt mit einem Ohr für die kleinen Dinge.» Ein bisschen kleiner gedruckt steht da auch noch: «Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.» Auch Martin Schulz hat übrigens neue Plakate mit alten Inhalten. Gerechtigkeit, Chancengleichheit – das ewige Traumgut der Linken.

Die kleinen Krisen sind die grossen

Es gibt auch gute Nachrichten. Die Hälfte des deutschen Goldes, 1710 Tonnen, 60 Milliarden Euro ungefähr, ist heim ins Land gekommen und liegt jetzt wieder in deutschen Tresoren. Damit im Fall einer extremen Krise das Gold schneller gegen Dollar getauscht werden könne. Fragt sich einfach, was passiert, wenn der Dollar dann die Krise ist.

In Deutschland scheinen gerade die kleinen Krisen die grossen zu sein. Etwa jene von Nadja Abd el Farrag (52), Naddel also, deren Leben es war, zweimal die Freundin von Dieter Bohlen gewesen zu sein und zweimal Playboy-Girl auch. Sie ist noch unbefreibarer in der Armutsfalle gefangen als Frau Bichl. Man hat Naddel am Flughafen von Mallorca (Malle) den Geldbeutel entwendet. Jetzt hat sie, die seit Jahren die Antithese zu diversen deutschen Sommermärchen ist, gar nichts mehr, ausser der Hoffnung, diesen Sommer zu überleben, weil sie an Leberzirrhose erkrankt sein soll. Man kann sich fragen, was Merkel ihr bei RTL antworten würde: «Sie haben alles richtig gemacht.»

Ein bisschen Wahlkampf war auch, obwohl es immer noch so aussieht, als ob die Protagonisten nur Wahlkampf machen, weil sie Wahlkampf machen müssen. So wurde der deutsche Wahlkampf letzte Woche von Recep Tayyip Erdogan geführt, als er die Deutschtürken aufrief, ihre Stimmen keiner der arrivierten deutschen Parteien zu geben, weil sie allesamt türkenfeindlich seien. Deutschland nahm das sehr ernst, Aussenminister Gabriel nahm das sehr ernst und verbat sich jedwede Einmischung. Obwohl der Einfluss der sogenannten Deutschtürken, die sowohl einen deutschen als auch einen türkischen Pass besitzen, eher gering sein dürfte. Sie sind bloss 500'000 von 61,5 Millionen Wahlberechtigten. Wie viele dann tatsächlich auch wählen gehen, ist ungewiss. Weil am Sonntag trinkt der Türke lieber Tee, guckt im Türkjye Sportsclub Fussball, spielt Karten oder fährt mit dem Mercedes durch die Gegend und hupt ein bisschen. Wie eigentlich an jedem Wochentag.

Doppelt so viele Orgasmen im Osten

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte auch etwas zur Türkei, nämlich dass sie ihn an die ehemalige DDR erinnere, weil sie inzwischen willkürlich verhafte und konsularische Mindeststandards nicht einhalte. Wer früher in die DDR gereist sei, dem sei klar gewesen: «Wenn dir jetzt etwas passiert, kann dir keiner helfen.»

Merkel sagte dazu nichts, Schulz kaum etwas, und Gabriel sagte, er könne mit diesem Vergleich nichts anfangen. Wie wahrscheinlich ganz viele deutsche Männer auch. Die wären gerne ein wenig hilflos in der DDR gewesen, nachdem in einer Studie zu lesen war, dass DDR-Frauen den viel besseren Sex hatten als BRD-Frauen. Im Schnitt doppelt so viele Orgasmen offenbar. Weil alleinerziehende DDR-Frauen besser abgesichert waren. Und vor allem wegen der Unzulänglichkeiten sozialistischer Planwirtschaft («Geht nach Hause, die Ersatzteile kommen erst in drei Tagen»), da alle mehr Zeit hatten und weniger Fernseher sowieso, und abends nicht komplett fertig nach Hause gekommen sind wie die abgerackerten Kapitalisten, die dann vor der Glotze einen kleinen Tod fanden. Ein weiteres schlechtes Geschäft für die Ossis übrigens: Sex am Sonntag gegen Merkel oder Schulz im Fernsehen am Sonntag.

«Das hat eine neue Qualität.» Das ist ein Satz von Sigmar Gabriel, den er zwar als Replik auf Erdogans Anwürfe gegen ihn («Wer ist Gabriel? Und wie alt ist er?») formuliert hat. Aber man kann ihn durchaus auch flächendeckend für ganz Deutschland anwenden. Jens Spahn ist CDU-Politiker, und er hat ein klares Feindbild, das macht ihn auffällig in diesem Wahlkampf; die Hipster der deutschen Grossstädte. Sie sind für ihn mindestens so staatsgefährdend wie für Erdogan die Gülen-Anhänger. Die Hipster würden eine andere Sprache sprechen, Englisch anstelle von Deutsch, moniert der CDU-Mainstream-Politiker, und das sei ein augenfälliges Symptom einer bedauerlichen kulturellen Gleichschaltung.

Es mehren sich die Anzeichen, dass Deutschland allmählich ausstirbt, und zwar von der unteren Seite der Nahrungskette her, wobei das nicht ganz stimmt, weil die Ossis, trotz hervorragender Orgasmus-Bilanz, ja doch schon so gut wie ausgestorben sind oder zumindest auf das kapitalistische Mass runtergeholt. Die Reihe ist nun an den Tieren, den deutschen Schmetterlingen und Feldvögeln. Und dem Rebhuhn. Ganz massiv. Da und dort ist der Bestand seit 1980 um 90 Prozent zurückgegangen; als Helmut Kohl kam, fingen die Rebhühner an zu gehen. Es wundert, dass Martin Schulz dies noch nicht als Wahlkampfthema aufgegriffen hat, weil er in seiner Not sonst alles zum Thema macht, was ihm in die Ohren dringt.

Flüchtlingsobergrenze fällt

Während bei den Schmetterlingen die Untergrenze erreicht ist, fällt bei den Flüchtlingen die Obergrenze. Horst Seehofer, der CSU-Chef, der etwas flügellahm wirkt, will keine Flüchtlingsobergrenze mehr, nachdem er sie so sehr wollte wie die SPD Schulz als Kanzlerkandidaten, und eine weitere Regierungsbeteiligung davon abhängig machte. Jetzt scheint es, als ob er lieber mit ganz vielen Flüchtlingen regieren will als mit wenigen Flüchtlingen gar nicht mehr. Die Opposition nennt ihn inzwischen «Drehhofer».

Was in der deutschen Luft fliegt, ausser Dieselpartikel und fast keinen Rebhühnern mehr, sind Drohnen. Eine Million, und zwar unregistriert. Gravierend findet das, warum auch immer, der Postchef, Frank Appel, und fordert ein Nummernschild für die Drohne und einen Führerschein für die Drohnenführer. Weil es wichtig sei, dass Deutschland zeitnah eine klare staatliche Regelung für den Einsatz von Drohnen bekomme. Und für alles andere natürlich auch.

Martin Schulz hat jetzt noch ein weiteres Thema gefunden: Golfspieler und Golffahrer. Er sagte anlässlich seines Wahlkampfauftakts in Bremen in Anlehnung an den Dieselskandal: «Mich interessieren Golffahrer mehr als Golfspieler. Die Arroganz dieser Leute gefährdet den Kern der deutschen Industrie.» Nun ja. Da ist so ziemlich alles verkehrt. Golfspieler sind zahlungskräftig. Erstens. Zweitens, wenn er sich bei den Golffahrern zwecks Stimmenfang einschmeicheln will, eine Frage: Wer fährt noch Golf in Deutschland, ausser vielleicht ein paar Rentnern aus Würselen? Drittens: Ausser ein paar Salon-Sozis wählen Golfspieler FDP, ein wenig CDU und allenfalls noch AfD.

Hier noch die neusten Umfragetrends: CDU 38 Prozent (–1), SPD 22 Prozent (–2), FDP 9 Prozent (+1), AfD 10 Prozent (+2), Linke 9 Prozent (–), Grüne 8 Prozent (–). (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.08.2017, 09:48 Uhr

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