«Die Journalisten waren auf einem Auge blind»

Medienwissenschafter Michael Haller über die Berichterstattung zur Flüchtlingskrise 2015.

Einseitig und unkritisch. In der Flüchtlingskrise 2015 übernahmen deutsche News-Medien kritiklos Merkels «Wir schaffen das»-Haltung.

Einseitig und unkritisch. In der Flüchtlingskrise 2015 übernahmen deutsche News-Medien kritiklos Merkels «Wir schaffen das»-Haltung. Bild: Keystone

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BaZ: Herr Haller, Lügenpresse und Fake-News – haben AfD und Pegida mit ihren Vorwürfen an die Adresse der Medien recht?

Michael Haller: Nein. Die ultrarechte Bewegung Pegida belebte bereits 2014 dieses einst von den Nationalsozialisten geprägte Schlagwort und meinte damit vor allem die prowestliche Ukraine-Berichterstattung der Medien. Man fand, die deutschen Medien würden vornehmlich den Nato-Standpunkt vertreten. Später kam dann noch der Vorwurf dazu, die Medien würden ebenso einseitig über Pegida und die neu gegründete Partei AfD berichten.

Ihre Studie stellt den deutschen Medien ein schlechtes Zeugnis aus. Haben sie bei der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise 2015 kollektiv versagt?
Wir haben in unserer Studie nicht alle Medien, sondern den tagesaktuellen Informationsjournalismus untersucht, also die Medien, die dafür sorgen sollen, dass die Menschen über das aktuelle Geschehen im Bild sind. Hier möchte ich mit dem Wort «versagen» vorsichtig umgehen, weil es eine Schuldzuweisung beinhaltet. Unsere Studie macht Aussagen über Strukturen. Und da haben wir festgestellt, dass die Informationsmedien es unterlassen haben, die unterschiedlichen Positionen und konkreten Probleme aufzugreifen, die sich damals, im zweiten Halbjahr 2015, mit der Versorgung der Flüchtlinge konkret gestellt haben. Der Informationsjournalismus hat das gesellschaftspolitisch brisante Thema nur sehr einseitig behandelt.

Es klingt aber nach Versagen, wenn Sie zum Schluss kommen, dass die Presse die Haltung der Regierung unkritisch übernommen und Kritiker reflexartig als fremdenfeindlich abgestempelt hat.
So zugespitzt können Sie es in Ihrem Kommentar schreiben. Die wissenschaftliche Analyse ist demgegenüber deutlich zurückhaltender. Aber es stimmt schon, die tagesaktuellen Medien haben das Flüchtlingsthema einseitig aus der Perspektive der etablierten Politik dargestellt. Die Journalisten waren auf einem Auge blind und haben viele Probleme übersehen.

Gehört zu dieser einseitigen Berichterstattung, dass viele Journalisten von Flüchtlingen schreiben, obwohl die Mehrheit dieser Menschen laut offiziellen Quellen Wirtschaftsmigranten sind?
Ob Menschen vor Hunger oder vor Folter fliehen – beides zielt auf die Vernichtung der Betroffenen. Daher finde ich es persönlich schwierig, saubere Grenzen zu ziehen. Aber ich stimme Ihnen zu: Viele Medien schreiben im Wischiwaschi-Stil. Sie erklären nicht, weshalb sie auch Wirtschaftsmigranten als Flüchtlinge bezeichnen, vielleicht, weil sie selbst gar nicht darüber nachdenken. Überhaupt fällt auf, wie unsachlich und oft meinungsbezogen berichtet wurde.

Gilt Ihr Befund auch in Bezug auf andere Themen, etwa den Atomunfall von Fukushima und den Ausstieg aus der Kernenergie oder die Verbindung von Flüchtlingsströmen und Terrorismus?
Wir haben uns auf das Megathema Flüchtlinge beschränkt. Aber andere Studien über die Berichterstattung zur deutschen Aussenpolitik oder zum Militäreinsatz in Afghanistan, die ich kenne, kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Auch dort kam heraus, dass die Sicht der politischen Elite, vor allem der Bundesregierung und ihr zugewandten Gruppen, in der Berichterstattung dominiert.

Obrigkeitshörige Journalisten – was läuft schief bei den Medien?
Das hängt stark mit dem journalistischen Rollenverständnis zusammen. Wir beobachten eine zu grosse Nähe der meinungsführenden Medien, etwa der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Welt oder der «Tagesschau», der «Heute-Nachrichten» und deren Magazine zu den Eliten in Politik und Wirtschaft. Für die Berliner Journalisten ist Macht besonders sexy.

Wie kommt das?
Das ist nicht einfach zu beantworten, weil hier viele Faktoren zusammenkommen. Zum Beispiel die Faszination der neuen Hauptstadt Berlin, sie ist im Vergleich zur alten Provinz-Hauptstadt Bonn ein Hexenkessel. Hier ist der Konkurrenzkampf unter den Medien härter, es findet ein ständiges Hauen und Stechen statt, wer näher an die politischen Akteure herankommt. Das schlägt sich auch in der Art nieder, wie berichtet wird.

Was heisst das?
Viele Berliner Korrespondenten schreiben mit einer allwissenden Erzählperspektive. Sie tun so, als wüssten sie genau, was in den Köpfen von Angela Merkel oder Sigmar Gabriel vorgeht und simulieren so intime Nähe zu den Politikern. Dieser Schreibstil hat zugenommen, seit die Journalisten das sogenannte Storytelling für sich entdeckt haben. Einen weiteren Grund sehen wir in der Professionalisierung der Polit-PR bei gleichzeitiger personeller Ausdünnung der Redaktionen. Das führt dazu, dass in vielen Redaktionen die Medienmitteilungen kritiklos übernommen werden. Eine Rolle spielt auch der Generationenwechsel im Journalismus. Die jüngere Generation der Medienmacher versteht nicht recht, warum der Journalist die Machthabenden aus einer unabhängigen Position kritisch beobachten soll. Sie finden es witziger, mit den Hauptakteuren Essen zu gehen und nachher eine bunte Story darüber zu schreiben, wie Gabriel erzählt, wie er die Windeln seines Babys wechselt.

Sie zitieren in Ihrer Studie den Präsidenten des Deutschen Zeitungsverlegerverbands, der sagt: Manche würden einen Journalismus betreiben, dessen Empfänger nicht mehr normale Leser seien, sondern Kollegen, Politiker, Künstler oder Wirtschaftsführer.
Das ist zwar eine Spekulation, aber auch unsere Befunde lassen sich genau so interpretieren.

Welche Rolle spielte bei der Berichterstattung zur Flüchtlingskrise die Geschichte Deutschlands?
Das ist eine spannende psychologische Frage, die eine Medien-Inhaltsanalyse natürlich nicht beantworten kann. Ich muss spekulieren. Und da geht meine These dahin, dass diese aufgeladene Willkommenskultur-Kampagne ein grossartiges Bild von Deutschland zeichnen sollte, das die fremdenfreundliche, gutmenschliche Haltung zeigt, ein Gegenbild zur Nazivergangenheit quasi. Noch wirksamer war vermutlich das Bild der Merkel-Regierung als eigensüchtiger Besserwisser während der Griechenland-Krise nur wenige Monate zuvor. Nun wollte Merkel und mit ihr die Medien der Welt zeigen: Wir sind eine Willkommenskultur.

Sie kennen auch die Schweizer Medienlandschaft gut – ist hier die einseitige und regierungsnahe Berichterstattung ebenfalls ein Problem?
Durch das starke föderale System und die direkte Demokratie waren die Medien in der Schweiz schon immer näher bei den Bürgern. Auch denkt man in der Schweiz kleinräumiger. Die Faszination grosser Machtzentren, wie wir sie etwa in London, Berlin und Paris haben, führt dazu, dass die Journalisten ihr Publikum aus den Augen verlieren. In der Schweiz ist diese Gefahr deutlich geringer, weil die regionalen und kommunalen Strukturen so stark sind. Bedeutsam ist vielleicht auch, dass in der deutschen Mentalität die Neigung zum Ideologischen und Prinzipiellen stärker ist als in der schweizerischen, die im Zweifelsfalle pragmatisch denkt und argumentiert. Nehmen Sie das Beispiel Flüchtlinge. Da predigt die eine Seite: «Jedem Menschen auf der Welt, der in Not gerät, muss geholfen werden. Die universellen Menschenrechte verlangen dies.» Auf der anderen Seite wird wutentbrannt geschrieben: «Das Land gehört uns, wir haben genug Arme hier, die Deutschen kommen zuerst.» Es gibt diesen Hang zur Polarisierung, der die Probleme nicht löst, sondern verschärft.

Diese ideologischen Diskussionen gibt es bei uns auch.
Aber mir scheint, in der Schweiz sind sie moderater – und man geht deutlich moderierender mit ihnen um.

Eine Bachelor-Arbeit der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften zeigt, dass die Mehrheit der Schweizer Journalisten links denkt und wählt.
Ich glaube, dass die Frage der politischen Haltung der Journalisten überbewertet wird. Das sehen wir in unserer Studie und auch über Befragungen der Bevölkerung. Die parteipolitische Haltung der Journalisten ist nicht das Problem, sondern das Desinteresse an der Lebens- und Alltagswelt der Bürgerinnen und Bürger. Die von den Medien ausgemalte Wirklichkeit ist sehr weit weg von der erlebten Realität der Zuschauer und Leser. Da wurde beispielsweise während der Flüchtlingskrise über Wochen haarklein berichtet, dass Politiker A das sagt, was Politiker B verurteilt. Dies ist nur symbolisches Handeln, polemisch gesagt: Politik-Theater.

Aber die Politik entscheidet, wie viele Asylbewerber ein Land zu welchen Bedingungen aufnimmt. Was also ist verkehrt an dieser Berichterstattung?
Natürlich sollen die Medien darüber berichten. Im Nachrichtenteil wären dies achtzig Zeilen plus einen erklärenden Kommentar. Auf dem frei werden Platz erwarten die Leser Recherchenberichte, Interviews, Reportagen und Analysen über die konkreten Probleme im Umgang mit den Flüchtlingen. Um es mit Zahlen zu sagen: In den analysierten Medienberichten kamen auf hundert Politiker-Nennungen eine Expertenstimme, rund drei Helfer und Initianten sowie weniger als drei Betroffene, also Flüchtlinge und deren Betreuer. Mit «Politiker» meine ich hier die Bundespolitik in Berlin.

Was können Journalisten bei der Berichterstattung besser machen?
Sie sollten ihr Handwerk wieder ernster nehmen und sich nicht mehr in Kampagnen einbinden lassen. Auch sollten sie ihren Medieneigentümern sagen, dass nicht nur die Rendite zählt, sondern dass guter Journalismus gutes Personal erfordert. Vor allem aber müssen sie den Perspektivenwechsel lernen und aus der Sicht ihres Publikums recherchieren und die naheliegenden Fragen an die Entscheider richten. Also auch zum Asylzentrum gehen, mit den Leuten dort sprechen und deren Probleme durchleuchten. Beispielsweise, dass die Kriminalität steigt, wenn viele junge, allein lebende Asylbewerber nicht arbeiten dürfen und man sie sich selbst überlässt – das finden Sie in Deutschland in zahllosen Kommunen. Oder dass es zu schlimmen Übergriffen kommen kann, wenn man die zu Hause verfeindeten Sunniten und Schiiten auf engstem Raum zusammenpfercht. Wenn die Journalisten wirklich recherchieren und aufklären wollten, würden sie solchen Problemen nachgehen und sich die Verantwortlichen vorknöpfen.

Hat sich schon etwas verändert?
Wir beobachten bei den Regionalzeitungen hier und dort Versuche, den Perspektivenwechsel umzusetzen. Aber ob daraus ein nachhaltiges Konzept wird, ist offen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.07.2017, 07:13 Uhr

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