Die digitale Frontstadt

Berlin ist Zufluchtsort für zahlreiche Internetaktivisten geworden. Sie kämpfen gegen die totale Überwachung durch die Geheimdienste. Es wäre die ideale neue Heimat für NSA-Whistleblower Edward Snowden.

Eine Art Kompetenzzentrum in Sachen Cybersicherheit: Treffen des Chaos-Computer-Clubs in Berlin. Foto: Patrick Lux (Getty Images)

Eine Art Kompetenzzentrum in Sachen Cybersicherheit: Treffen des Chaos-Computer-Clubs in Berlin. Foto: Patrick Lux (Getty Images)

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Im Kalten Krieg war Berlin die Frontstadt des Westens zur Abwehr des Kommunismus. Das ist vorbei, die Mauer ist weg. Die Kämpfe der Jetztzeit werden nicht mehr mit Panzern und Divisionen ausgetragen. Sie finden im fahlen Licht von Computerbildschirmen statt. Und wieder ist Berlin Schauplatz eines Ringens, in dem es um Macht geht, um Kontrolle, aber auch um Freiheit und Menschenrechte. Berlin ist digitale Frontstadt geworden.

Einer der Soldaten in diesem Bits-und-Bytes-Krieg ist Wolfgang Kaleck, weisses, halb offenes Hemd, Jeans, gerne auch unrasiert. Er ist der europäische Anwalt von Edward Snowden, und er möchte seinen Mandanten nach Berlin holen – oder an einen anderen sicheren Ort. Russland, wo sich der NSA-Whistleblower derzeit versteckt, sei «sicher nicht sein Wunschland», sagt Kaleck. Am liebsten möchte Snowden in die amerikanische Heimat zurück. Doch das geht nicht, die US-Behörden würden ihm den Prozess machen. Es droht eine sehr lange Haftstrafe. Wohin also dann?

Anwalt Kaleck setzt auf die Einsicht von Kanzlerin Angela Merkel und ihren Ministern. «Wir hoffen, dass die Regierung eine andere Rolle spielen wird als im vergangenen Jahr», sagt er. Das gelte auch für andere europäische Länder, die sich bisher allesamt weigern, Snowden Asyl zu gewähren. «Bigott ist das», empört sich Kaleck. «Man hat profitiert von seinen Enthüllungen, ist aber nicht bereit, ihm Schutz zu gewähren.» Dennoch verbreitet der Anwalt Optimismus. Die ablehnende Haltung der Regierung könne sich ändern, glaubt er. Der jüngste Fall von US-Spionage gegen Deutschland zeige, dass «die Sache noch nicht vorbei» sei. «Da ist Bewegung drin.»

Was fest steht: In Berlin wäre Edward Snowden nicht allein. Seine Vertraute Sarah Harrison ist schon hier. Die Wikileaks-Aktivistin hat mit ihm die schwierigen Tage im Moskauer Flughafentransit durchgestanden. Sie half ihm, in Russland vorerst Asyl zu erhalten – und brachte sich damit selber in Gefahr. Weil sich der Geheimdienst für sie interessiert, kann sie nicht in ihre britische Heimat zurückkehren.

Berlins Allergie gegen Schnüffelei

Auch die beiden Amerikaner Laura Poitras und Jacob Appelbaum leben im Berliner Exil. Er, ein Programmierer, Journalist und Internetaktivist, hat herausgefunden, dass der US-Geheimdienst NSA das Handy von Kanzlerin Merkel abhört. Bekannt wurde er auch als Entwickler des Tor-Netzwerkes, einer Technologie, mit der man anonym im Internet surfen kann. Poitras ist ebenfalls ein Star der Szene. Die Filmemacherin kritisiert seit Jahren die Überwachung durch die US-Geheimdienste. Sie war es gewesen, die Snowden für seine Enthüllung ausgewählt hatte. Er schrieb ihr verschlüsselte E-Mails, worauf sie nach Hongkong flog und dort zusammen mit dem «Guardian»-Journalisten Glenn Greenwald den NSA-Datenschatz entgegennahm.

In den USA fühlt sich Poitras seither nicht mehr sicher, wird von den Behörden schikaniert. Sie erzählt von Problemen, die sich jedes Mal am Flughafen einstellen, von Verhören, dass man ihre Computer konfisziert. Es sei ihr nicht mehr möglich, ihre Quellen zu schützen und ungestört zu arbeiten. Deswegen also Berlin. Sie hat in der deutschen Hauptstadt ein Atelier gemietet, wo sie an ihrem jüngsten Film arbeitet. Thema: der Überwachungswahn der Geheimdienste.

Warum ist Berlin so attraktiv? Das hat sicher mit der allgemeinen Lebensqualität zu tun in dieser Stadt: viel Kultur, viel Grün, viele Partys. Doch es gibt noch mehr: Der Datenschutz ist in Deutschland viel strenger als etwa in den USA. Behörden und Bevölkerung sind skeptisch gegenüber staatlicher Überwachung. Die Erfahrung von zwei Diktaturen hat den Berlinern – den Deutschen allgemein – eine Allergie gegen Schnüffelei eingebracht. Das Stasi-Museum im Ostberliner Quartier Lichtenberg ist eine eindrückliche Sehenswürdigkeit der deutschen Hauptstadt.

Harrison, Appelbaum und Co. sind denn auch nur die bekanntesten der hier anwesenden kritischen IT-Cracks. Berlin ist auch ohne die berühmten Namen ein Hackerzentrum. Der Chaos-Computer- Club (CCC) betreibt seit längerem in der deutschen Hauptstadt seine wichtigste Dependance. Die Hackervereinigung ist eine Art Kompetenzzentrum in Sachen Cybersicherheit. Auch namhafte Firmen und Behörden fragen inzwischen bei den CCC-Leuten an, wenn sie sich digital verheddert haben.

Die Berliner Internetszene ist auch vorne mit dabei, wenn es um die Abwehr von Geheimdienstschnüffelei geht. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Crypto-Partys, Anlässe, an denen Computerfreaks Normalbürgern beibringen, wie man anonym im Internet surft und Mails verschickt. Wöchentlich finden mehrere solche Events statt. Vom «Crypto-Stammtisch», an dem sich die Profis treffen, bis zur Schulung für Anfänger.

Typisch dabei: Es handelt sich um eine Graswurzelbewegung. Jeder kann mitmachen, jeder kann mitmischen. Einer der Veranstaltungsorte ist ein Club-raum hinter dem Hauptbahnhof. Das Lokal sieht aus, wie sich Hollywood ein Hackertreffen vorstellen würde. Etwas schmuddelig, rund ein Dutzend Männer beugen sich über Laptops, es klacken Tastaturen, die Trendbrause «Club-Mate» wird rumgereicht.

In einem Hinterzimmer sitzt ein Veteran der Verschlüsselungsszene, Hauke Laging. Er hat einen «Computerjob», mit dem er sein Geld verdient. Seine ganze übrige Energie fliesst ins Verschlüsseln von digitaler Information. Diese Leidenschaft versteckt er nicht: Auf seinem T-Shirt steht eine lange Reihe aus Zahlen und Buchstaben: Es ist ein Code, mit dem er seine E-Mails vor unliebsamen Mitlesern schützt.

Verschlüsselung ist kompliziert

Seit fast zehn Jahren beschäftigt sich Hauke Laging mit Verschlüsselung. Es ist eine mühselige Mission. Die Massenüberwachung sei «der grösste Angriff auf die freiheitliche Demokratie seit dem Zweiten Weltkrieg», sagt er. «Das Problem ist nur: Fast keiner versteht das.» Zwar stiegen in Berlin regelmässig Crypto-Partys. «Aber die Frage ist doch: Ändert das irgend etwas?» Selbst wenn sich in der deutschen Hauptstadt – verhältnismässig – viele Leute mit der Frage beschäftigten, wie sie ihre digitale Identität schützen könnten, reiche das nicht. Vielleicht 500 Personen würden er und seine Mitstreiter pro Jahr an Crypto-Schulungen ausbilden, schätzt Laging. Um aber «das Ökosystem Internet» verändern zu können, bräuchte man ganz andere Zahlen. «Erst wenn zehn Millionen Deutsche die Verschlüsselung anwenden, schwenkt auch die IT-Wirtschaft um.» Erst dann würden Mailserver, Onlineshops und andere Websites so gestaltet, dass nicht mehr jede Information einfach bei den Geheimdiensten lande.

Doch die Masse zu erreichen, merkt Laging, ist schwieriger als gedacht. Die Crypto-Technologie richtig anzuwenden, ist nicht einfach, sie macht den Computer langsam und frisst Zeit. Dazu kommt, dass viele Leute sagen, sie hätten ohnehin nichts zu verstecken. «Es stimmt», sagt Aktivist Laging, «die NSA interessiert sich im Moment nicht für 99,9 Prozent der Leute. Aber sie will am Tag X wissen, wen wir kennen, wie wir uns bewegen, mit wem wir uns worüber unterhalten.»

Vor dem Clublokal der Computer- freaks ist es Abend geworden. Berlin wirkt ganz friedlich, die Menschen sitzen draussen und trinken Bier, plaudern. Im Kalten Krieg hat die NSA auf dem Teufelsberg im Westen der Stadt eine Abhörstation betrieben. Der Turm mit der charakteristischen weissen Kugel steht bis heute. Das Areal ist jedoch verlassen. Spioniert wird heute dezenter. Verdächtige Aufbauten auf der US-Botschaft, die im vergangenen Herbst erstmals öffentlich aufgefallen sind, beherbergen angeblich die neueste Spionagetechnik. Von hier aus wird wohl das Regierungsviertel belauscht, und auch manch ein Internetaktivist dürfte ihm Visier sein.

Snowden-Anwalt Kaleck nimmt es gelassen. Durch seine Tätigkeit sei er wohl mehr von Interesse für gewisse Behörden als ein Durchschnittsbürger, sagt er. «Finde ich das toll? Nein. Hält mich das davon ab, meine Arbeit zu tun? Ebenfalls nein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2014, 07:05 Uhr

Spionageaffäre

Deutschland soll US-Spione ausweisen

Der Ärger über die Amerikaner ist gross, jetzt diskutiert Deutschland Gegenmassnahmen. Wie kürzlich bekannt wurde, hat der US-Geheimdienst CIA einen ­Mitarbeiter des deutschen Auslands­geheimdienstes BND angeworben. Der Mann lieferte rund 200 geheime Dokumente. Wie könnte Deutschland darauf reagieren? Denkbar wäre, dass der BND selbst anfängt, gegen die USA zu spionieren. Deren Dienste sollen demnach gleich behandelt werden wie jene Russlands oder Chinas. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) hat eine Verschärfung der Spionageabwehr ins Spiel gebracht. Er nennt sie «360-Grad-Blick». Es ist allerdings fraglich, ob dies die USA beeindrucken würde. Die Möglichkeiten ihrer Dienste sind um ein Vielfaches grös­ser. Die Deutschen sind sogar darauf angewiesen, von den USA Informationen zu erhalten, etwa im Kampf gegen den Terror.

Politiker aus der Union haben derweil die Ausweisung von US-Spionen ins Spiel gebracht. «Sollte sich herausstellen, dass der BND-Mitarbeiter tatsächlich auf deutschem Boden von amerikanischen Agenten geführt worden ist, dann ist es kaum nachvollziehbar, wenn US-Mitarbeiter weiterhin hier ihr Unwesen treiben können», sagte der CDU-Abgeordnete Karl-Georg Wellmann gegenüber «Spiegel online». Sein CSU-Kollege Hans-Peter Uhl findet es «selbstverständlich», dass diese Führungspersonen Deutschland verlassen müssten.

Die Ausweisung von Agenten – meist solchen, die unter dem Deckmantel der Botschaft ihres Landes arbeiten –, ist ein bekanntes Mittel des zwischenstaatlichen Schlagabtauschs. Unter engen Verbündeten greift man jedoch selten zu dieser Methode. Bisher hat die Bundesrepublik Deutschland – soweit bekannt – noch nie einen US-Spion des Landes verwiesen. Deswegen gibt es auch Stimmen, die vor einem zu forschen Vorgehen gegen die USA warnen. Man hofft in Berlin darauf, dass Wa­shing­ton mithilft, den Fall des BND­-Überläufers aufzuklären.

Bisher bleibt die US-Regierung allerdings hinter den Erwartungen zurück. Ein Sprecher von US-Präsident Barack Obama sagt, man werde mit den Deutschen zusammenarbeiten, um «diese Situation angemessen zu lösen». Die Spionageaffäre selbst wollte er weder bestätigen noch dementieren. Er verwies auf die deutschen Ermittlungen und darauf, dass es sich um eine Geheimdienst­angelegenheit handle.
(David Nauer)

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