Kommentar

Die englische Schweiz

Bodenkontrolle an Captain Kirk: Hören Sie uns? Auch England ringt um sein Verhältnis zur EU. Gehen oder bleiben? Die Diskussion wirkt sehr vertraut.

A Jolly Good Fellow: Nigel Farage (links) und Nick Clegg in ihrer TV-Debatte am 2. April.

A Jolly Good Fellow: Nigel Farage (links) und Nick Clegg in ihrer TV-Debatte am 2. April. Bild: Keystone

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Man sah es Nick Clegg an, wie sehr er sich aufregte, Leidenschaft kippte in Arroganz, was einem stellvertretenden Premierminister von Grossbritannien nicht gut anstand; zu­­weilen schien er kurz davor, die Contenance zu verlieren, während Nigel Farage, Chef der Euroskeptiker in England, dastand wie eine Salzsäule und den Untergang von Sodom und Gomorrha verkündete. Er liess sich zu keiner Unhöflichkeit hinreissen – obwohl er im Ruf steht, einer der brutalsten Exekutoren der britischen Politik zu sein.

Vor wenigen Tagen trafen sich Clegg und Farage zu einer zweiten Debatte über die EU und die Frage, ob Grossbritannien Mitglied bleiben soll oder nicht. Kamen die Journalisten und Experten nach der ersten Auseinandersetzung der beiden zum Schluss, Clegg habe gewonnen, fiel das Urteil diese Woche vernichtend aus – für Clegg, den Chef der Liberaldemokraten. Gemäss Umfragen hielten 68 Prozent Farage für überlegen, wogegen nur 27 Prozent den Eindruck hatten, Clegg habe die Debatte für sich entschieden. Schon eine Woche zuvor hatte sich aber eine bemerkenswerte Wahrnehmungs­differenz angedeutet: Obwohl fast alle Kommentatoren, ob konservativ oder links, also die Ver­treter der Informationseliten, Clegg attestierten, einen bestechenden Auftritt gemeistert zu haben, sah dies die breite Bevölkerung völlig anders. Sie hatte Farage für überzeugender gehalten. (Farage ist ein hugenottischer Name, den die ­Engländer «Ferasch» aussprechen.)

Die EU als Fax-Demokratie

Wenn ich eine solche Debatte im grossen London von der kleinen Schweiz aus mitverfolge, fällt mir auf, wie vertraut uns das vorkommt. Die Argumente und die Beschimpfungen gleichen sich. Wo, bitte, sind wir ein Sonderfall? «Nigel Farage möchte Britannien am liebsten ins 19. Jahrhundert verfrachten! Sie wollen uns isolieren!», ruft Clegg. «Klimawandel, Terrorismusbekämpfung, grenzüberschreitende Kriminalität: Wir kommen nicht darum herum, mit anderen zusammenzuarbeiten.» Wenn Sie der Ansicht sind, was Farage sagt, klinge zu gut, um wahr zu sein, dann haben Sie recht: Grossbritannien kann nicht alle Vorzüge der EU geniessen, ohne Mitglied zu sein.

In Norwegen sprechen sie von einer Fax-Demokratie: Was immer in Brüssel entschieden wird, kommt per Fax in Oslo an, damit die Norweger es umsetzen – ohne dass sie je etwas dazu zu sagen gehabt hätten. Die Schweiz ist gezwungen, dauernd ihre Gesetze an Regeln anzupassen, die fremde Staaten in Brüssel beschlossen haben. «Wollen Sie wirklich, dass Grossbritannien in diesen würdelosen Zustand versetzt wird?» Farage: «Eine überwiegende Mehrheit der Briten möchte die EU verlassen. Wenn wir heute darüber abstimmten, niemand würde bleiben wollen! Ein Hindernis gibt es. Es steht neben mir: Nick Clegg. Er verkörpert die Classe politique, die an ihre Karriere denkt, und deren Freunde in Big Business, für die die EU perfekt ist, weil sie schier unbegrenzten Nachschub an billigen Arbeitskräften sicherstellt. Das mag für die Wirtschaft gut sein und für die Reichen, die sich Diener anstellen können: Was aber hat der einfache Engländer davon?»

Die Monty-Python-Partei

Der einfache Engländer. Zurzeit rechnen die meisten Beobachter damit, dass Farages Partei, die UKIP (UK Independence Party), in den kommenden Europa-Wahlen im Mai spektakulär zulegen wird. Zugleich geht jedoch niemand davon aus, dass sie in den nationalen Wahlen von 2015 reüssiert, weil das Majorzsystem es für Aussenseiter enorm erschwert, im Parlament von Westminster auch nur einen einzigen Sitz zu erringen.

Und doch hat die UKIP Britannien von Grund auf verändert – ohne in Westminster vertreten zu sein. Ähnlich wie in der Schweiz einst das bürgerliche Lager auseinanderlief, drohen die Konservativen, die Torys, wegen des Drucks von rechts zu zerbrechen: Was seit 1992 nach dem EWR die Entfremdung zwischen SVP und CVP und FDP bewirkte – das unbewältigte Verhältnis der Bürgerlichen zur Europäischen Union –, hat sich in England identisch abgespielt, wenn auch zuerst in der konservativen Partei selbst, die seit dem Abgang der grandiosen (euroskeptischen) Margaret Thatcher mehrere Wahlen gegen Labour verlor. Als hätten sie ihre Partei zu einem Sketch aus Monty Python machen wollen, verprügelten sich Europhile und EU-Kritiker auf offener Bühne so unverdrossen, dass sie den Wähler jahrelang der Linken zutrieben. Erwachsene konnten nicht mehr konservativ. Are they serious?

Englands euroskeptische Alternative

Seit aber die UKIP entstanden ist, geprägt von Farage, einem abtrünnigen Tory, ist die Lage für diese noch unwirtlicher geworden. Der Wähler hat eine echte, zuverlässig euroskeptische Alternative bekommen. Wo die Torys sich gegen­seitig massakrieren, wo militante Anti-Europäer nach wie vor auf eher schwabblige Zentristen treffen, die nie genau wissen, ob Brüssel oder London in Europa liegt, zu welchen übrigens auch der Premierminister David Cameron gehört – wo die Konservativen also eher einen konfusen Eindruck hinterlassen, ist bei der UKIP alles sehr klar. Und sehr englisch.

Dass Farage in England vermutlich eines der grössten politischen Talente ist, macht die Sache nicht einfacher. Farage pflegt einen sehr britischen Humor, jeder Satz so witzig wie ein Schnitt mit dem Skalpell, Farage ist ein Patriot, der sich nie für das British Empire entschuldigt, und er kann reden, als ob Gott ihn erschaffen hätte, um Brüssel zu bestrafen. A Jolly Good Fellow: er ist auch der Mann, mit dem man sich jederzeit gerne im Pub zu einem Bier an die Bar setzt, weil er einem eine gute Zeit verspricht. Selten so gelacht.

City Boy fürs Proletariat

In der Debatte mit Clegg, vor allem am zweiten Treffen, liess sich gut erkennen, worin Farages Herausforderung für das politische Establishment Englands liegt: Obschon selber aus gutbürger­licher Familie stammend, verströmt Farage jenen etwas bierseligen Charme, der nach Schweiss riecht, den die englische Working Class vor allem in der eigenen traditionellen politischen Heimat, der Arbeiterpartei, so vermisst. Längst sind die Führer von Labour Absolventen von Oxbridge, oft aus bester Familie, die nur auf Wahlveranstaltungen so tun, als ob sie Fish ’n’ Chips gerne ässen, während sie tatsächlich Sushi oder veganisches Konfekt bevorzugen. Wenn sie ein Bier trinken, achten sie darauf, dass es glutenfrei ist.

Bevor ihn die Politik verschlang, hatte Farage jahrzehntelang als Broker in der City gearbeitet. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung ein überzeugter Neoliberaler, wenn es um wirtschaftspolitische Fragen geht, ist es ihm dennoch gelungen, ehemalige Wähler der Linken anzusprechen. Inzwischen hat sich seine Partei, UKIP, tief ins proletarische, kleinbürgerliche Milieu hineingefressen. Manche Konservative atmen auf. Waren es zuerst enttäuschte Torys, die Farage folgten, sind es nun zunehmend Leute aus der Arbeiterschicht, die in wenig geschätzten Vorstädten oder in den mitleid­erregenden Quartieren der einstigen Industriehochburgen wohnen. Als Little Englanders, als Chauvinisten, von der urbanen Intelligenz verspottet, gleichen sie jenen Schweizern in den Agglomerationsgemeinden, in Urdorf und Bülach, in Muttenz und Pratteln, in Ostermundigen oder Bümpliz, die entgegen dem Rat der urbanen Intelligenz in unserem Land der Masseneinwanderungs-Initiative der SVP zugestimmt haben.

«Zuwanderung hat dieses Land verändert»

Wenn die Vox-Analyse der Abstimmung vom 9. Februar feststellt, für die meisten Befürworter sei ausschlaggebend gewesen, dass sie die «Identität» der Schweiz durch die Zuwanderung für bedroht ansahen, dann sind das die identischen Sorgen, die auch sehr viele Engländer umtreiben. Farage: «Die Zuwanderung in diesem Ausmass, wie wir sie derzeit erfahren, hat dieses Land verändert, nicht bloss London, sondern jede kleine Stadt, jedes Dorf. Wir waren immer ein Land, das stolz darauf war, wie verschiedenste Einwanderer in Frieden miteinander lebten. Nun beobachten wir Verhältnisse, die man als Segregation bezeichnen muss. Und wir sehen, dass viele schlecht ausgebildete weisse Engländer abgestiegen sind. Für diese Leute ist die Zuwanderung kein Segen.»

Als Farage das sagte, applaudierte das Publikum, in dem gut sichtbar Leute aus allen Ecken dieser Welt platziert waren – schliesslich hatte die politisch korrekte BBC die Debatte organisiert, also sah man Inder und Schwarze, Asiaten und Weisse nebeneinander, und dennoch klatschten jetzt manche mit einer Erleichterung, wie man sie kennt, wenn sich eine Anspannung löst. Farage, der Seelenmasseur.

Nachrichten vom Mars

Um Nick Clegg musste man sich keine Sorgen machen. Er ging nicht unter und bewies, warum er ebenfalls als einer der besten Debattierer Englands gilt. Was aber deutlich wurde – und das ist ein Problem, das ganz Europa plagt: Hier stand ein Vertreter einer privilegierten Klasse, der blendend aussieht, gesund lebt, glänzend formuliert und beste Schulen besucht hat – aber irgendwie wie Captain Kirk wirkte, der Kapitän des Raumschiffs Enterprise. Unterwegs in zahllosen Galaxien, kehrt er ab und zu auf den Planeten Erde zurück, doch die Marsmenschen sind ihm mittlerweile vertrauter als die Lebewesen hier unten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.04.2014, 09:10 Uhr

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