Die gefeierte und vorlaute Frau des Premiers

Manuel Valls gab heute in Paris seine Regierungserklärung ab. An seiner Seite steht mit Anne Gravoin eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt – speziell nicht bei ihren Vorgängerinnen.

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Frankreich und die Frauen seiner Mächtigen – was gab das amouröse Spannungsfeld an der Spitze der Republik in den letzten Jahren doch zu reden. Nun fügt sich eine neue Personalie in den Reigen ein. Zur Première Dame de France fehlt Anne Gravoin zwar noch eine letzte Stufe. Sie ist nun aber schon mal die Dame des Premiers – die Frau von Manuel Valls eben, dem neuen sozialistischen Regierungschef, der heute Nachmittag im Parlament seinen Amtseinstand mit Regierungserklärung und Vertrauensabstimmung feierte. Und man darf davon ausgehen, dass die Franzosen noch viel hören werden von dieser gefeierten, kess bis vorlauten 48-jährigen Konzertgeigerin. Wahrscheinlich nicht nur Musikalisches. Gravoin hat schon oft bewiesen, dass sie gerne selber dirigiert.

Ein Paar sind die beiden seit acht Jahren, verheiratet seit vier. Es war ein Wiedersehen. Gravoin und Valls waren in den frühen 80er-Jahren schon einmal liiert gewesen, heirateten dann aber beide anderweitig, kriegten Kinder: er vier, sie eines. Als man sich erneut verliebte, war Valls schon ein politischer Aufsteiger und Gravoin eine gut gebuchte, um die Welt tourende Violinistin. Politisch passte man gut zusammen: Auch Anne Gravoin ist Sozialistin. Sie ärgerte sich immer schon darüber, dass man ihren Mann als eine Kopie Nicolas Sarkozys beschreibt – wenigstens im Gestus.

Polemikerin und Stilberaterin ihres Mannes

Als Valls 2012 Innenminister wurde, blieb Gravoin der Machtübergabe an der Place Beauvau fern. Über die Medien liess sie ausrichten, es widerstrebe ihr, im Bett zu schlafen, wo bis dahin Sarkozys Innenminister Claude Guéant geschlafen habe. Uncharmante Worte fand sie auch, als man sie fragte, was sie von Brigitte Ayrault unterscheide, der Frau des früheren Premiers Jean-Marc Ayrault: «Ich habe etwas mehr Glamour als die Deutschlehrerin aus der Banlieue von Nantes.» Ihre Freunde werten die rege Mitteilsamkeit als Antikonformismus, ihre Kritiker eher als Ungeschicktheit.

Den bunten Blättern sollen die Polemiken recht sein. Gravoin gibt etwas her, auch fürs Cover. Aus den Zeitschriften erfährt man, dass sie ihrem Mann zu einem frischeren Auftritt verholfen habe. Valls’ neuer Haarstil ganz ohne graue Stellen? Sie. Seine neue, teure und doch dezente Armbanduhr? Sie. Seine sitzenden Anzüge? Wieder sie. Kein Detail soll Anne Gravoin entgehen. Sie bewegt sich nun mal im Showbusiness, kennt dessen Regeln. Und die Politik der medialen Neuzeit mit ihrer Fixierung auf Figuren und Stil hat schliesslich so manchen Aspekt davon übernommen.

Die Welt der Pailletten und des Variétés

Gravoin nimmt ihren Mann mit an Konzerte, an Theaterabende, an Vernissagen. Sie hat ihn auch in Zirkeln eingeführt, die dieser Sohn eines katalanischen Malers, der seine Jugend im Pariser Intellektuellenquartier Marais verbrachte, davor nur von aussen kannte: die Welt der Pailletten und des Variétés. Gravoin hat in ihrer Karriere nicht nur Klassisches gespielt, sie trat mit ihrem Orchester auch mit Grössen der Chanson Française und des nationalen Rocks auf, mit Johnny Hallyday vorab – in Fussballstadien, vor 70'000 Zuschauern. Diesen Mix der Genres legte man ihr als Häresie aus. Doch das kümmerte sie nicht. Ihren Kritikern begegnete sie gerne mit Kraftausdrücken, die den Rahmen des Symphonischen und Philharmonischen locker sprengen.

Die Gravitas, die der neuen Funktion ihres Mannes innewohnt, dürfte bei Anne Gravoin nun auch die Lust an antikonformistischen Missklängen etwas eindämmen. Hoffentlich aber nur ein bisschen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2014, 15:09 Uhr

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