Die grosse Rache steht bevor

Im Irak rüsten sich die Schiiten, mit tatkräftiger Unterstützung aus Iran, zur Schlacht gegen die verhassten Sunniten. Auch aus Europa reisen Menschen an, um in den Krieg zu ziehen.

Die Schiiten sind bereit, zurückzuschlagen. Freiwillige in Bagdad melden sich zum Kampf gegen die auf die Hauptstadt vormarschierenden Isis-Kämpfer.

Die Schiiten sind bereit, zurückzuschlagen. Freiwillige in Bagdad melden sich zum Kampf gegen die auf die Hauptstadt vormarschierenden Isis-Kämpfer. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es waren tränenreiche Tage für Nadeem Mehdi: Vor dem Heiligenschrein der Imam-­Hussein-Moschee in der Stadt Kerbala stürzte er von einem Weinkrampf in den nächsten, während er sich daran erinnerte, was hier am 13. Oktober 680 geschehen war – als Hussein ibn Ali enthauptet, der abgeschlagene Kopf auf eine Stange gespiesst und der Menge als Trophäe präsentiert worden war.

Im Leiden und Sterben wurde Imam Hussein ibn Ali, zweiter Enkel des Propheten Mohammed, der zuvor von fast allen Freunden und Anhängern verlassen in die Schlacht von Kerbala gezogen war, zu einer zentralen Figur des schii­tischen Islams.

«Hier hat alles angefangen», sagt Nadeem Mehdi: «Hier wurde das Wesen der Shia begründet. Und hier wird der ewige Kampf gegen die Sunniten weitergehen.» Die Tatsache, dass heute ausgerechnet einer wie Mehdi bereit ist, diesen Kampf zu führen, erzählt eine ganze Menge über die Vorgänge, die den Irak derzeit erschüttern.

Mehdi müsste eigentlich nicht in Kerbala sein. Der 27-Jährige lebt seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Grossbritannien und hat sich dort in Leeds eine Existenz als IT-Fachmann aufgebaut. Er war gerade mal ein Jahr alt, als seinen Eltern die Flucht nach ­Europa gelang: Heraus aus dem Irak des Saddam Hussein und damit auch aus einer von den Sunniten diktierten Republik der Angst, in der den Schiiten übel mitgespielt wurde. Während der Jahrzehnte der Diktatur Saddam Husseins wurde die schiitische Mehrheit in allen staatlichen Bereichen diskri­miniert, verfolgt und blutig unterdrückt. Alle Schalt- und Schlüsselstellen des Staates, der Verwaltung, der Armee und der Sicherheits­behörden waren ausschliesslich mit ­Sunniten besetzt. Saddam fürchtete und hasste die Schiiten zugleich.

Die Erinnerung daran und die Erinnerung an das Martyrium des Imam Hussein sind Gründe dafür, dass Mehdi nach Kerbala zurückgekehrt ist. Und Gründe dafür, dass der Irak gerade ­wieder einmal in einem blutigen Chaos versinkt.

Nur etwa 15 Prozent der 1,5 Milliarden Muslime bekennen sich zur schiitischen Ausrichtung des Islams, und seit den Ereignissen des Jahres 680 wurden sie von der Mehrheit der Sunniten drangsaliert, verachtet und als Häretiker stigmatisiert: «Oft genug bis in den Tod hinein», so sagt das Nadeem Mehdi, der in einer schäbigen Teestube unweit der Imam-Hussein-Moschee sitzt: «Dies muss ein Ende haben.»

Eine Frage der Macht

Stunde um Stunde verliert er sich in Erzählungen aus der Geschichte der Schia, weiss deren mythische Verdichtungen aber sehr wohl einzuschätzen – der IT-Techniker ist kein naiver Glaubens­fanatiker: «Natürlich war das damals kein theologischer Dissens. Es war eine rein machtpolitische Frage um die Nachfolge des Propheten», sagt er: «Aber alles, was danach geschah, hat dieses Schisma zu einem religiös und theologisch bedingten Erbstreit werden lassen, und deswegen kann alles, was jetzt hier in diesem Land geschieht, nur so beantwortet werden: mit Blut für Blut.»

In den verwinkelten Gassen und Strassen von Kerbala irren und schwirren seit Tagen die Gerüchte, kochen sich gegenseitig hoch und verdichten sich. Aber es sind eben nicht nur Gerüchte: Zum Teil sind es ganz reale Geschichten, die von Tod und Vernichtung handeln, vom Sengen und Brennen, von Morden und Massakern.

Anfang Juni hat die sunnitische Terrororganisation Isis (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) im Irak einen Blitzkrieg gestartet. Seither befindet sich die jihadistische Mordbrigade im ganzen Land auf dem Vormarsch. Sie droht den Schiiten mit dem Tod und ­ihren Heiligtümern mit der Vernichtung. Isis, das berichten übereinstimmend Einwohner aus Mosul und Tikrit, der Geburtsstadt Saddam Husseins, die zu ihrem eigenen Schutz nicht namentlich genannt werden wollen, Isis ist nur die Speerspitze in diesem Kampf, der derzeit im Irak tobt. Die Terrororganisation hat sich diesen Frühling von al-Qaida losgelöst und ist derzeit dabei, deren Rolle einzunehmen. Der Emir von Isis, Abu Bakr al-Baghdadi, hat ein Bündnis mit allen sunnitischen Stämmen des Iraks geschmiedet und dabei die noch immer existierenden Netzwerke Saddam Husseins miteinbezogen. Nur so, das erklären Kommandanten der kurdischen Peschmerga, konnte Isis weite Teile des Iraks erobern und bis zum heutigen Tag halten. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Terroristen der Isis eine blutige Glaubensdiktatur etabliert. Gegen Schiiten, aber auch gegen Christen und Jesiden.

Nach kurzer Schockstarre machten sich die Schiiten nun bereit, zurück­zuschlagen: «Wer immer dazu in der Lage ist, eine Waffe zu tragen, die Terroristen zu bekämpfen und das Land, das Volk und die heiligen Städte zu verteidigen, hat sich zur Durchsetzung dieses heiligen Ziels in den Dienst der Streitkräfte zu stellen», sagte das religiöse Oberhaupt der Schiiten im Irak, Gross­ayatollah Ali al-Sistani, angesichts der Vernichtungsdrohungen der sunnitischen Isis-Krieger. Das war umso bemerkenswerter, als Sistani im Gegensatz zu seinen Amtsbrüdern in der Islamischen Republik Iran nicht sonderlich viel davon hält, sich als Geistlicher in weltliche Dinge einzumischen.

«Das waren Worte, die mich aus der satten Zufriedenheit meiner Welt herausgerissen haben», sagt Nadeem Mehdi, der sich als zutiefst rationalen Menschen und Individualisten beschreibt. «Ich war eigentlich nie ein sonderlich gläubiger Mensch. Ich habe die Gebote meiner Religion nie sehr ernst genommen. Aber was in diesen Tagen und ­Wochen den Irak und seine Menschen heimsucht, hat meine Seele erschüttert und mich innerlich zerrissen.»

Zurück zu den eigenen Wurzeln

Und so machte er sich auf den Weg zurück zu seinen eigenen Wurzeln, von Schreibtisch und Computerterminal in Leeds in den Krieg nach Kerbala. «Wäre ich ein Christ, dann würde ich sagen müssen, ich habe hier mein Saulus-Paulus-Erlebnis gehabt», sagt Nadeem, lacht dabei verlegen auf und hat so etwas wie Verblüffung im Gesicht über seine eigene und unerwartete Wiedererweckung. Dann deutet er auf die 27 Meter hohe, mit Gold bedeckte Kuppel der Iman-Hussein-Moschee hinüber: «Diese heiligen Stätten hier, die gilt es zu verteidigen, koste es, was es wolle, und sei es um den Preis des eigenen Lebens. Wahhabitische Horden haben den Schrein 1802 bereits einmal vernichtet und Tausende Schiiten im Blutrausch abgeschlachtet. 1991 hat Saddam Hussein ausgerechnet hier von Helikoptern aus Zehntausende Schiiten massakrieren lassen. Und jetzt droht Isis uns Schiiten schon wieder die Vernichtung an.»

Er nimmt einen Schluck Tee: «Was derzeit im Irak geschieht, kann einen Weltenbrand entfachen. Einen aus Tod und Terror.» Mit dieser Einschätzung ist Mehdi nicht alleine. «Was hier geschieht, betrifft uns im Westen genauso unmittelbar wie die Bevölkerung des Iraks», sagt ein westlicher Diplomat in Bagdad.

Dem Traum näher als je zuvor

Was er damit meint, ist die neue ­jihadistische Internationale, zu der sich Isis zunehmend entwickelt. Eine Grenze im Nahen Osten hat sie schon niedergerissen, um einen Quasi-Staat nach ­ihren Vorstellungen zu schaffen – jene zwischen Syrien und dem Irak. Im benachbarten Jordanien will die Organisation ebenfalls bereits einen Ableger unterhalten. Libanon droht sie in blutiges Chaos zu stürzen. Im Moment ist Isis-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi dem alten Traum der al-Qaida von der Wiedererrichtung eines Kalifats näher gekommen als irgendjemand zuvor und will den folgerichtig an diesem Sonntag in seinem Herrschaftsgebiet realisiert haben. In einer auf Deutsch, Englisch, Russisch und Arabisch ins Internet gestellten Audiobotschaft verkündete Abu Mohammed al-Adnani, Sprecher der Terrorgruppe, dass der Shurarat der ­Organisation die Errichtung des Kalifats beschlossen habe. Adnani zufolge hat sich die Terrorgruppe umbenannt. Der «Islamische Staat», wie sich Isis nun nennt, sei «der Traum jedes Muslims» und «der Wunsch jedes Jihadisten».

Zwei Tage nach Ausrufung eines Islamischen Kalifats hat der Chef der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) Rache für das Unrecht an Muslimen angekündigt. Eine Drohung, die dem Westen gilt. «Selbst wenn es eine Weile braucht, wir werden uns rächen», sagte Abu Bakr al-Bagh­dadi in einer Audiobotschaft, die über Internet verbreitet wurde. Er rief die Muslime auf, in den Heiligen Krieg zu ziehen und einen islamischen Staat aufzubauen. Es gebe keine Tat, die besser sei als der ­Jihad. «Steht auf und erhebt euch», forderte er. Zugleich verhöhnte der Isis-Chef Frieden, Freiheit, Demokratie und Säkularismus als «irreführende Slogans» von Ungläubigen.

Damit demonstriert der Emir des «Islamischen Staates», dass seine Ziele nicht nur regional, sondern vielmehr global ausgerichtet sind. Für Baghdadi gilt es, die Zweiteilung der Welt in «das Haus des Krieges» (Dar ul-Harb) und das «Haus des Islams» (Dar ul-Islam) niederzureissen. Dass es für diese Begrifflichkeiten weder im Koran noch in der Sunna Textbelege gibt, interessiert weder ihn noch seine Gefolgsleute.

Die Mehdi-Armee mischt mit

Isis beweist Tag für Tag, wie ernst es ihm damit ist: Mit unzähligen Fotos und Videos, die via Internet, über soziale Netzwerke, über Facebook und Youtube in aller Welt verbreitet werden. Die Steinzeitislamisten wissen die Mittel der Moderne brillant zu nutzen und ­ziehen so zunehmend gläubige Anhänger aus Europa an.

Nadeem Mehdi schaltet im Angesicht des Heiligenschreins zu Kerbala sein Mobiltelefon ein. Darauf hat er ­Videos gespeichert, die Isis-Terroristen beim Morden zeigen. Sie haben Kameras auf die Läufe ihrer Kalaschnikows montiert, um ihre Verbrechen zu dokumentieren. «Was, bitte schön, kann ­unsere Antwort darauf sein?», fragt der junge Schiit: «Wir geben sie mit unseren Gewehren.»

Worte wie diese sind seit Tagen auf allen schiitischen TV- und Radiosendern des Iraks zu hören. Und auch von einem Führer, der sich in den vergan­genen Jahren von der öffentlichen Bühne des Landes zurückgezogen hatte: Muq­tada al-Sadr, der radikale schiitische Geistliche und Führer der Mehdi-­Armee, einer irregulären Miliz, ist dabei, seine Truppen neu zu positionieren. «Brigaden des Friedens» nennt er sie jetzt. Aus der den Schiiten heiligen Stadt Nadschaf heraus trommelt er nun seine schiitischen Brigadisten ­zusammen, ruft auf zum Heiligen Krieg um die Schiiten und deren heilige ­Städte wider den Ansturm der sunnitischen Glaubensterroristen und deren Verbündete.

Sadr war nach dem Sturz Saddam Husseins durch US-Truppen 2003 und der darauf folgenden Besetzung des Iraks selbst zum Meister des Terrors gegen die verhassten Besatzer geworden. Heute befehligt er rund 80 000 gut bewaffnete schiitische Krieger – rekrutiert vorzugsweise in den Slums von Basra und Bagdad, trainiert und ausgerüstet durch die Revolutionären Garden der Islamischen Republik Iran. Die «Brigaden des Friedens» gelten als von Tehe­ran hochgerüstet bis hin zu Panzern.

In Teheran wird der Vormarsch der sunnitischen Isis-Kämpfer, die zuletzt immer näher an Bagdad heranrückten, mit zunehmender Nervosität beobachtet. In Bagdad erzählen Diplomaten ganz offen, dass seit Tagen ein nicht ­enden wollender Strom an schwerem militärischem Material aus Iran eingeschleust wird. Panzer, Artilleriegeschütze, Mörser und Granaten. Gerät, das nicht nur an die Armee der Zentral­regierung geliefert wird, sondern auch an die schiitischen Milizen. Denn die Armee des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki erweist sich als wenig schlagkräftig. Seit Tagen versucht die irakische Armee, Tikrit von Isis zurückzuerobern – und scheitert allen Erfolgsmeldungen zum Trotz bislang grandios.

Der Verantwortliche der iranischen Hilfsaktion heisst Qassim Suleimani, ist der legendäre Kommandant der iranischen Al-Quds-Brigaden – des terroristischen Arms der Revolutionsgarden – und gilt seinen nahöstlichen wie westlichen Berufskollegen als einer der ganz Grossen im Geschäft von Krieg, Terror und Tod. «Ein brillanter Stratege und ausgebuffter Taktiker dazu», charakterisiert ihn ein westlicher Sicherheitsdiplomat in Bagdad.

In Bagdad Tatsachen schaffen

Suleimani hält sich dieser Tage höchstpersönlich in Bagdad auf. «Der Mann ist nicht hier, um Tee zu trinken», kommentiert der westliche Diplomat: «Er ist hier, um Tatsachen zu schaffen.» Der Diplomat warnt davor, «dass die Entwicklung im Irak ausser Kontrolle gerät.»

Zudem strömten in den letzten ­Wochen Zehntausende iranische Pilger zu den heiligen Stätten der Schia im Irak – auch nach Kerbala. Allerdings sind es vielfach nicht einfache Gläubige, sondern hartgesottene, kampferprobte Revolutionsgardisten, die sich im Auftrag Teherans aufgemacht haben, die heiligen Stätten der Shia zu verteidigen.

Allerdings sind den Mullahs bei ­ihrer Intervention auch Grenzen gesetzt. Denn geht der schiitisch dominierte Staat Iran zu offenkundig gegen Isis vor, würde sich das sunnitische Saudiarabien möglicherweise in den Konflikt einschalten. Und das hiesse für die frommen Herren in Iran, einen Krieg zu führen, von dem sie selbst wissen, dass er letztlich nicht zu gewinnen ist.

Das ist wohl auch Nadeem Mehdi, dem IT-Fachmann aus Leeds, bewusst. Eine andere Lösung sieht er dennoch nicht: «Manchmal kann man Terror nur durch Terror bekämpfen», sagt er und blickt über sein Teeglas traurig auf die goldene Kuppel der Imam-Hussein-Moschee von Kerbala hinüber. Dorthin, wo vor mehr als 1300 Jahren alles begann. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.07.2014, 13:35 Uhr

Artikel zum Thema

Iraks Schiiten rüsten sich gegen Jihadisten

Im Irak halten schiitische Milizionäre Paraden ab und demonstrieren ihre Bereitschaft, gegen die sunnitischen Extremisten zu kämpfen. Deren Vormarsch geht mit neuen Eroberungen weiter. Mehr...

«Verteidigt Land, Volk und unsere heiligen Stätten»

Ayatollah Ali al-Sistani, das geistige Oberhaupt der irakischen Schiiten hat die Iraker zum Widerstand gegen die Jihadisten aufgerufen. Derweil mischt sich auch der Iran im Irak ein. Mehr...

«Greifen die Amerikaner ein, werden nur die Islamisten gestärkt»

Interview Wer kann die Isis-Rebellen im Irak stoppen? Droht ein Konfessionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten? Und wird gar die Türkei in den Krieg gezogen? Einschätzungen des Islamwissenschaftlers Reinhard Schulze. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wandelnder Busch: Ein Model zeigt die Frühling Sommer Kollektion 2018 des chinesischen Designers Viviano Sue an der Fashionweek in Tokio. (19. Oktober 2017)
(Bild: EPA/FRANCK ROBICHON) Mehr...