Reportage

Die radioaktive Geisterstadt

Pripjat war als «Stadt der Zukunft» gebaut worden. Mit der Katastrophe von Tschernobyl mussten die 50'000 Einwohner innert Stunden flüchten.

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Zerfallende Häuser, wilde Vegetation, surreale Stille: Das ist Pripjat, die Stadt, die nur wenige Kilometer von Tschernobyl entfernt ist. In diesem Ort ist die zerstörerische Kraft radioaktiver Strahlung begreifbar. Pripjat ist seit dem GAU vor 30 Jahren eine radioaktive Geisterstadt. Dabei hatte alles verheissungsvoll begonnen.

Anfang der 1970er-Jahre gebaut, war Pripjat eine sowjetische Musterstadt, ganz offiziell eine «Stadt der Zukunft». Hier lebten beinahe 50'000 Menschen, vor allem junge Familien, mehrheitlich Arbeiter und Wissenschaftler, die im Lenin-Kraftwerk von Tschernobyl tätig waren. Im Vergleich zu anderen Siedlungen in der UdSSR war die Lebensqualität in dieser Region sehr hoch. Hier gab es auch viele Schulen und Kindergärten.

Evakuierung erst 36 Stunden nach GAU

Der 26. April 1986 änderte alles. Etwa 36 Stunden nach der Explosion im Reaktorblock 4 im benachbarten Tschernobyl endete das Leben in der Vorzeigestadt abrupt. Die Stadtbehörden von Pripjat ordneten eine «zeitweilige Evakuierung» an. Die Menschen wurden mit Bussen aus der Gefahrenzone gebracht, die meisten in die Region Kiew. Die Evakuierung war in Wahrheit eine Umsiedlung. Die Einwohner von Pripjat durften nicht mehr in ihre Wohnungen zurückkehren, weil die Behörden die Region rund um das havarierte AKW zur unbewohnbaren Zone erklärt hatten. Wer konnte, holte seine Sachen, wenn diese nicht schon von Plünderern weggekarrt worden waren.

Ein Teil der früheren Einwohner von Pripjat lebt heute in Slawutitsch, der rund 60 Kilometer entfernten Stadt, die nach der Explosion im AKW Tschernobyl in nur einem Jahr gebaut wurde.

Offiziell ein Touristenziel

Pripjat ist eine stark radioaktiv verseuchte Stadt geblieben – und dies wird noch lange so bleiben. Gemäss Schätzungen von Wissenschaftlern wird Pripjat noch 300 bis 800 Jahre unbewohnbar sein. In der 30 Kilometer grossen Sperrzone um Tschernobyl leben wenige Menschen, die sich den behördlichen Anweisungen widersetzt haben. Es sind alte Leute, die dort sterben wollen, wo sie geboren wurden.

Die Geisterstadt Pripjat ist – ebenso wie das AKW Tschernobyl – inzwischen offiziell ein Touristenziel. Allein 2010 wurden 7000 Besucher registriert – und das Interesse an dieser Art von Tourismus steigt. Wer Pripjat und Tschernobyl besichtigen möchte, braucht eine Sondergenehmigung. Die Region wird von der Miliz überwacht. Kurze Aufenthalte sind möglich, dabei müssen einige Verhaltensregeln befolgt werden. Während des Aufenthalts heisst es, nichts anzufassen, sich nicht auf den Boden zu setzen, nichts im Freien zu essen und nichts mit nach Hause zu nehmen. Zudem sollten Gebäude wegen der Einsturzgefahr nicht betreten werden.

Ein besonders eindrücklicher Ort ist der Rummelplatz im Zentrum von Pripjat, wo Riesenrad, Karussell und Autoscooter vor sich hin rosten. Wo Kinder sich vergnügen sollten, herrscht graue und stille Tristesse. Wer in Pripjat war, wird die Bilder des Zerfalls nie vergessen. Und die Gefahren der Atomenergie mit anderen Augen sehen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.04.2011, 14:24 Uhr

Pripjat

Für Tagesanzeiger.ch/Newsnetz in der Tschernobyl-Region: Reporter Vincenzo Capodici.

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