Dieser Zynismus vor den Toren Europas

Erneut kommen im Mittelmeer viele Flüchtlinge um. Doch Konjunktur haben jene Politiker, die die Helfer kriminalisieren.

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Matteo Salvinis Zynismus im Umgang mit Flüchtlingen ist zunehmend unerträglich. Am Tag nach dem jüngsten Unglück mit wahrscheinlich 117 Opfern vor Libyens Küsten griff der rechtspopulistische italienische Innenminister erneut die Hilfsorganisationen an. Als wären allein sie das Problem, als wirke ihre Präsenz wie ein Pull-Faktor: wie ein Magnet für die Schlepper. Die These war schon immer umstritten. Mindestens so stark ist der Push-Faktor, der die Migranten auf die gefährliche Route über das zentrale Mittelmeer drängt: Die Auffanglager in Libyen sind die Hölle. 

Doch die These ist nicht nur umstritten, sie ist auch voller Hohn. Mittlerweile kreuzt in den riesigen Gewässern vor Libyen nämlich nur noch ein einziges Schiff einer NGO, die Sea-Watch 3. Und die war zum Zeitpunkt des jüngsten Dramas mehrere Fahrstunden entfernt von den ertrinkenden Menschen. 

Salvini ist nur ein Gesicht des Versagens – eine Fratze. Europa versagt als Ganzes, und das bereits seit Jahren. 

Noch eine These, die Salvini für seine Propaganda einsetzt, ist eine Täuschung. Er behauptet: Gehen die Überfahrten zurück, sinkt auch die Zahl der Todesopfer. Prozentual, wenn man das so sagen darf, ist gerade das Gegenteil wahr. Nie in den letzten Jahren war die Wahrscheinlichkeit grösser, im Mittelmeer zu sterben, als in diesen Wochen. Im eben erst begonnenen Jahr liegt sie bisher bei 6,7 Prozent. In den Jahren zuvor, als jeweils Hunderttausende aufbrachen, lag sie im Schnitt bei 1,7 Prozent.

Natürlich rührt das daher, dass kaum noch jemand da ist, der rettet, keine Helfer, keine Zeugen. Und es liegt daran, dass man Libyen die Aufgabe anvertraut hat, die Aussengrenzen Europas zu sichern – ausgerechnet. Manche Küstenwächter waren früher selber Schlepper, sie wechselten die Seite gegen einen festen Lohn.

Salvini ist nur ein Gesicht des europäischen Versagens, eine Fratze. Er hat deshalb so viel Erfolg bei den Italienerinnen und Italienern, weil er sie in ihrer Überzeugung bestärkt, dass man sie mit der Migration über das Mittelmeer lange alleingelassen hat. Europa versagt als Ganzes, und das bereits seit Jahren.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 20.01.2019, 22:50 Uhr

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