Dokument zeigt: Betreiber und Staat kannten Mängel an Brücke

Die Verantwortlichen verzichteten laut einem Protokoll trotz Bedenken darauf, die Brücke in Genua zu schliessen – darunter der Leiter der Untersuchungskommission.

«Ein langsamer Trend des Verschleisses»: Das Dokument, in dem der schlechte Zustand der Morandi-Brücke festgehalten wird, war seit Februar bekannt. <i>Quelle: L'Espresso.</i>

«Ein langsamer Trend des Verschleisses»: Das Dokument, in dem der schlechte Zustand der Morandi-Brücke festgehalten wird, war seit Februar bekannt. Quelle: L'Espresso.

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Die italienische Zeitung «Il Giornale» schreibt auf ihrer Internetseite von einem «Schock-Dokument». Öffentlich bekannt gemacht hat das Sitzungsprotokoll die Wochenzeitschrift «L’Espresso». Es beweist, dass der schlechte Zustand der Morandi-Brücke, die am 14. August einstürzte und 43 Personen in den Tod riss, bereits seit Monaten bekannt war.

Von der Gefahr gewusst haben das Ministerium für Infrastruktur in Rom, der private Autobahnbetreiber Autostrade per l’Italia sowie die regionale Behörde, die in Ligurien für öffentliche Bauten zuständig ist. Das Protokoll geht auf eine Sitzung zurück, die am 1. Februar 2018 stattgefunden hat und an der über Unterhaltsarbeiten an der Brücke beraten wurde. Demnach waren mindestens sieben Experten – fünf von ihnen arbeiten für die beiden involvierten staatlichen Behörden, zwei für den privaten Autobahnbetreiber – darüber informiert, dass die Spannseile der Morandi-Brücke zu 10 bis 20 Prozent verrostet waren und ihre Verankerung im Beton ungenügend war.

Ausschnitt aus dem betreffenden Sitzungsprotokoll. Quelle: L'Espresso

Ausserdem sei an einigen Stellen Feuchtigkeit festgestellt worden. Trotz dieses alarmierenden Befundes hielten es die zuständigen Behörden offensichtlich nicht für nötig, die Brücke zu schliessen. Sie haben es auch unterlassen, Geschwindigkeitsreduktionen zu verfügen oder den Lastwagenverkehr über die Brücke zu reduzieren. Widerlegt sind mit dem Dokument die Behauptungen des zum Firmenimperium der Familie Benetton gehörenden Autobahnbetreibers: Sämtliche notwendigen Sicherheitskontrollen seien genau erfolgt, den Einsturz der Brücke könne man mit einer unvorhersehbaren Naturkatastrophe vergleichen.

Zwei der Experten, die damals an der Sitzung teilgenommen hatten, sind der Architekt Roberto Ferrazza sowie Antonio Brencich, Professor an der Universität Genua und Experte für Stahlbeton. Brencich ist nach dem Einsturz der Brücke in sämtlichen internationalen Medien zitiert worden, weil er die Morandi-Brücke bereits vor Jahren als «Fehler der Ingenieurskunst» bezeichnet hatte. Ferrazza ist Vorsitzender der regionalen Aufsichtsbehörde. Laut «L’Espresso» geht aus dem Sitzungsprotokoll hervor, dass weder Brencich noch Ferrazza eine Reduktion des Verkehrs oder gar die Schliessung der Brücke empfohlen haben.

Video – Alle Vermissten gefunden

Am Wochenende sind die Leichen der letzten drei Vermissten gefunden worden. Damit stieg die Zahl der Toten auf 43. Video: Tamedia/Reuters

Dennoch ist Ferrazza Präsident der Untersuchungskommission, die nun herausfinden soll, weshalb genau die Brücke eingestürzt ist und welche Konsequenzen aus der Katastrophe zu ziehen sind. Mitglieder des Gremiums sind ferner Brencich sowie zwei Angestellte der Behörde, die es trotz des nun veröffentlichten Gesprächsprotokolls unterlassen hat, Sofortmassnahmen zu ergreifen.

Ferrazza müsste sich als Vorsitzender der Kommission auch mit den eigenen Unterlassungssünden beschäftigen, schreibt «L’Espresso». Dasselbe gelte für andere Mitglieder des Gremiums. «Wer könnte besser als sie Auskunft über die Sitzung vom 1. Februar geben?», fragt das Wochenmagazin. Der heutige Minister für Infrastruktur, Danilo Toninelli, war damals hingegen noch nicht im Amt. Er wird aber wegen der Zusammensetzung der Untersuchungskommission unter Druck geraten.

Ferrazza rechtfertigt sich in italienischen Medien mit dem Hinweis, die Expertengruppe habe keinerlei Befugnisse gehabt, um die Schliessung der Brücke zu verlangen. «Aber wenn es jemand für unzweckmässig hält, dass ich die Untersuchungskommission leite, bin ich bereit, mich zurückzuziehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2018, 10:39 Uhr

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