Dunkle Stunden, helle Stunden

Im Mai 1940 wäre England fast untergegangen. Dann kam Churchill. Gedanken zu einem bemerkenswerten Film.

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Es ist vielleicht die beste, weil berührendste Szene dieses Films – und keine drückt dessen Botschaft besser aus: Winston Churchill, ein alter, kauziger Mann, seit wenigen Tagen Premierminister eines Landes vor dem Abgrund, fährt im Fond seiner Limousine durch London, dabei beobachtet er gedankenverloren und neugierig zugleich die vielen Leute auf der Strasse, die seinen Weg kreuzen: «Was denken sie wohl?», scheint er sich gewundert zu haben, «würden sie kapitulieren und mit Hitler Frieden suchen oder weiterkämpfen?» Wir befinden uns im Mai 1940. Der Zweite Weltkrieg hat vor wenigen Monaten begonnen, Frankreich steht vor dem Untergang, die Nazis sind am Siegen, England harrt aus. Wie lange noch?

Plötzlich verlässt Churchill sein Auto, während dem Chauffeur nichts anderes übrig bleibt, als ihm hilflos nachzublicken. Churchill geht zum englischen Volk, er begibt sich in die U-Bahn hinunter, wo er offensichtlich noch nie war, der verwöhnte Sohn aus britischem Hochadel, er besteigt einen Zug, und kaum hatte sich das Publikum vom Schock erholt, einen richtigen Premierminister in seiner Mitte zu erkennen, beginnt Churchill die Mitbürger zu befragen: «Was sind Sie von Beruf?» «Maurer» «Was für ein guter Beruf. Das fängt ja gut an!» Und jeden, den er fragt, gibt ihm die Antwort, auf die er insgeheim gehofft hat: «Durchhalten!» «Keine Verhandlungen» «Nie kapitulieren!»

Direkte Demokratie in der Tube, es findet eine Volksabstimmung ab ohne Zettel und ohne Regeln, aber mit einem Ergebnis, das niemand zu ignorieren wagt. Befriedigt kehrt Churchill in die unterirdischen Räume seines Kriegskabinetts zurück und setzt sich auf der ganzen Linie durch. Haben manche seiner Minister gezögert und bezweifelt, ob es noch Sinn macht, Hitler weiterhin die Stirn zu bieten, und ob es doch besser wäre, einen «ehrenvollen» Frieden auszuhandeln: Nun lässt Churchill keine Fragen mehr offen, jeden Widerstand bricht er, England gibt nicht auf.

Was stimmt, was nicht?

Die Szene ist frei erfunden. Vielleicht fand sie einmal statt, doch belegt ist sie nirgends, auch sonst ist der britische Film «Darkest Hour», der die «dunkelste Stunde» Englands im Mai 1940 beschreibt, historisch nicht immer ganz genau. Von einem Komplott gegen Churchill, das der damalige Aussenminister Lord Halifax geplant haben soll, ist nichts bekannt, auch wenn sich die beiden nicht ausstehen konnten; auch Neville Chamberlain, sein Vorgänger und im Film eine Art Mitverschwörer von Halifax, wird sehr viel unangenehmer und mutloser dargestellt, als er tatsächlich war: Dennoch ist das ein sehr wahrer Film, den der Neuseeländer Anthony McCarten geschrieben und der Engländer Joe Wright realisiert hat, weil er uns Dinge zeigt und lehrt, die noch heute gültig sind. Wer «Darkest Hour» bisher nicht gesehen hat, sollte das nachholen.

Churchill war kein Übermensch: Zweifel beschlichen ihn dauernd, Alkohol trübte seinen Verstand, seine starke Frau ging ihm ab und zu auf die Nerven, wenn auch liebevoll, und sein Umgang mit Untergebenen verlief zuweilen suboptimal – will sagen, er war ein Ekel, der im Bett seine Briefe diktierte und seine Sekretärin dabei beim kleinsten Fehler ausschimpfte, bis sie in Tränen davonrannte. Ebenso wird deutlich – und das ist historisch belegt –, wie lange Churchill in jenen entscheidenden Tagen im Mai 1940 selber wankte: Ihn plagten die gleichen bohrenden Fragen. Hat England noch eine Chance? Oder wäre es nicht klüger, via Mussolini, den italienischen Diktator, mit Hitler ins Gespräch zu kommen, mit dem Ziel, einen Waffenstillstand oder den Frieden zu bekommen?

Wenn dieser Film uns eines vorlebt, dann den Wert des Chaos an Gedanken.

Im Kriegskabinett wurde stundenlang darüber gestritten, und Churchill wird auch in diesem Film wahrheitsgetreu in all seinen Widersprüchen aufgezeigt. Dann aber auch mit seinen Stärken: Als Churchill sich im Klaren war, dass die Engländer durchzuhalten hatten, gewann er, der zu Anfang noch überfordert vom Amt schien, jeden Kampf. Mit einer traumwandlerischen Sicherheit setzte er sich durch.

Wenn dieser Film uns eines vorlebt, dann den Wert des Chaos an Gedanken: Auch Churchill liess lange alles offen, er liess die verschiedenen Ansichten im Kabinett aufeinanderprallen, er gab sich dem gleichen Zweifel hin, der die (angeblichen) Verschwörer befallen hatte, um aus dieser Zeit der tief greifenden Verunsicherung als jener Mann hervorzugehen, der so selbstsicher seine Politik verfolgte, dass von aussen gesehen niemand je darauf gekommen wäre, dass auch Churchill in dunklen Stunden sehr unsicher war.

Die entscheidende Szene in der U-Bahn, ich habe es gesagt, trug sich nie zu – dennoch ist sie bezeichnend und auf eine merkwürdige Art realistisch, weil sie mehr über das heutige England aussagt als das vergangene. Seit das formidable Land den Brexit beschlossen hat, also den Austritt aus der Europäischen Union, häufen sich auffällig die Filme, die den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben und meistens zeigen, wie heroisch und verzweifelt, vor allem aber wie allein Grossbritannien diese schwere Epoche durchzustehen hatte.

Als ob sich ein Land anhand der Beispiele aus der Vergangenheit vergewissern müsste: Am Ende kommt alles gut. Denn ohne Frage sind die Briten, besonders ihre Eliten, schwer verunsichert: Und, das scheint den Autoren dieses Films vorgeschwebt zu haben, man wünschte ihnen hin und wieder einen längeren Aufenthalt in der U-Bahn, also beim Volk, bei den Maurern und Sekretärinnen, den Zeitungsjungen und Schülerinnen. Denn ähnlich wie in der Schweiz wissen die gewöhnlichen Leute auf der Strasse oder in der U-Bahn gemeinhin besser, was zu tun ist, als jene, die lange und vieles studiert haben.

Zwar haben die Autoren des Films diese Volksabstimmung erfunden, die Churchill in der Tube improvisiert hat, dennoch gibt sie die tatsächlichen Verhältnisse nicht ganz falsch wieder. Es trifft zu, dass die Bereitschaft zum Widerstand gegen die Nazis in der Bevölkerung sehr viel weiter verbreitet war als in den Kreisen der Eliten. Gewiss, diese wussten auch mehr. Sie wussten, wie rasch und brutal die Nazis vorstiessen, sie wussten um die grauenhafte Lage der britischen Truppen am Strand von Dünkirchen, einem Ort in Frankreich, wo die Briten (und viele Franzosen, Belgier, Polen) von den Deutschen eingekesselt worden waren und zur Vernichtung verdammt schienen.

Appeasement in den Schlössern

Hätte man nur in den weitläufigen Schlossanlagen im Süden Englands und in den prächtigen Stadthäusern im Londoner Westen abgestimmt: Vielleicht hätte sich eine Mehrheit der Reichen und Vornehmen für ein Arrangement mit Hitler entschieden. Schon vor dem Krieg waren es vor allem diese Kreise gewesen, die Chamberlains Versuch, Hitler mit Zugeständnissen bei Laune zu halten, unterstützt hatten. So gut wie kein Politiker, Akademiker, Journalist, Aristokrat oder Diplomat hatte davon abgeraten und vor dem Monster gewarnt: Churchill war einer der wenigen gewesen.

Man verwehrte ihm deshalb jeden Auftritt bei der BBC, dem britischen Rundfunk. Man las ihn nicht und wusste dennoch, was er geschrieben hatte; man hörte ihm entschlossen nie zu und regte sich auf, dass er wieder gesagt hatte, was einen nicht interessierte.

In Tat und Wahrheit bedurfte es 1940 keiner Umfrage in der U-Bahn. Anders als die beiden Autoren des Filmes nahelegen, haben die britischen Eliten damals keineswegs versagt. Am Ende entschieden die fünf Politiker im Kriegskabinett ganz allein, nachdem sie lange mit sich gerungen hatten. Sie beschlossen, Hitler nicht nachzugeben und stattdessen weiter Krieg gegen die Deutschen zu führen, selbst dann, wenn Frankreich kapitulieren sollte, was bald eintrat. Die Idee von Halifax, Mussolini als Friedensvermittler anzufragen, wurde verworfen, und die fünf Minister, drei Tories, zwei Vertreter von Labour, fassten diesen Beschluss im Geheimen, ohne dass das Volk je etwas dazu zu sagen gehabt hätte oder die Politiker hätte davon überzeugen müssen.

Es war Churchill in erster Linie – aber auch der Labour-Minister Arthur Greenwood, der mit Churchill die Leidenschaft für Alkohol teilte und sich mit ihm deshalb sehr gut verstand, die mit guten Argumenten die Meinung im Kabinett kippten. Dabei spielte nicht zuletzt der heute allgemein verachtete Chamberlain eine segensreiche Rolle, denn auf ihn, der die Konservativen nach wie vor als Chef im Griff hatte, kam es an: Er liess sich umstimmen, und Halifax blieb schliesslich isoliert.

Aber er war Engländer. Wie ein fairer Verlierer nahm er die Niederlage hin und trug den Entscheid des Kabinetts loyal mit. Nie erfuhr irgendjemand, dass das Kabinett sich uneinig gewesen war. Erst Jahrzehnte später entdeckten die Historiker diese schwerwiegenden Konflikte und stellten fest, wie wenig gefehlt hätte, dass Grossbritannien den Krieg damals aufgab. Churchill selber schrieb in seinen Memoiren nach dem Krieg: «Künftige Generationen dürften es bemerkenswert finden, dass die entscheidende Frage, ob wir (im Mai 1940, Anm.) alleine weiterkämpfen sollten, nie auf der Agenda des Kriegskabinetts auftauchte. Das war für alle selbstverständlich … und wir hatten viel zu viel zu tun, als dass wir unsere Zeit mit solchen irrealen, akademischen Fragen vergeudet hätten.»

Wenig später gelang es den Briten, ihre eingeschlossenen und scheinbar dem Untergang geweihten Truppen am Strand von Dünkirchen zu retten. Eigentlich war der Krieg jetzt entschieden – auch wenn er noch fünf lange, tödliche Jahre dauern sollte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.02.2018, 07:27 Uhr

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