Ein Oligarch entdeckt den Patriotismus

Bei den prorussischen Aufständen in Donezk ist Rinat Achmetow plötzlich als Vermittler aufgetaucht. Der ukrainische Oligarch hat beste Kontakte zum Kreml. Welches Spiel spielt er?

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Der schwerreiche Oligarch und politische Strippenzieher Rinat Achmetow zeigt sich nicht oft in der Öffentlichkeit. Umso überraschender war sein Auftritt in der Nacht auf Dienstag, als er vor der Regionalverwaltung in Donezk auftauchte, um zwischen prorussischen Aktivisten und der Regierung zu vermitteln. «Blutvergiessen nützt niemandem», sagte Achmetow angesichts der aufgeheizten Stimmung. Der 47-jährige Unternehmer rief die Separatisten auf, das Gespräch mit der Regierung in Kiew zu suchen. Nicht zuletzt dank Achmetow beruhigte sich die Lage in Donezk. Achmetow macht plötzlich auf Patriot, der sich für die nationale Einheit einsetzt. Oder doch nicht?

In den Tagen zuvor hatten ukrainische Medien und Maidan-Aktivisten harsche Kritik an Achmetow geäussert. Achmetow, der beste Kontakte zur russischen Staatsführung pflegt, habe sich wochenlang passiv verhalten und womöglich die separatistischen Aktivitäten verdeckt unterstützt. Die Onlinezeitung «Ukrainska Prawda» berichtete über angebliche Geheimtreffen zwischen Achmetow und Russlands Präsident Wladimir Putin. Achmetow liess dies umgehend dementieren. Trotzdem kursieren Verschwörungstheorien. Achmetow spielt angeblich ein undurchsichtiges Spiel, obwohl er sich früh von Wiktor Janukowitsch distanzierte, also schon vor dem Sturz des Präsidenten, dessen Partei der Regionen Achmetow jahrelang mitfinanziert hatte.

«Er verfolgt seine eigenen Interessen»

Dass Achmetow diese Woche, in einer sehr angespannten Situation in Donezk, als Vermittler aufgetreten ist, ist nachvollziehbar, wie Ukraine-Experte Stephan Meuser im Gespräch mit baz.ch/Newsnet sagt. Achmetow habe aus geschäftlichen Gründen kein Interesse an einer Abspaltung der Ostukraine. «Achmetow, aber auch andere ukrainische Oligarchen fahren besser, wenn das Land eine Einheit bleibt», sagt Meuser, der das Büro der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew leitet. In der Ukraine sei Achmetow die Nummer 1 der Oligarchen, hier könne er relativ ungestört seine Geschäfte betreiben und weiterhin Einfluss auf die Politik ausüben. Im ukrainischen Parlament, der 439-köpfigen Rada, kontrolliert Achmetow angeblich bis zu 50 Abgeordnete. Achmetows Leute halfen mit, Janukowitsch als Präsidenten abzusetzen. Weil er rechtzeitig die Fronten wechselte, entkam Achmetow auch den internationalen Sanktionen, die Janukowitsch und seinem persönlichen Umfeld auferlegt wurden. Den Machtwechsel in Kiew überstand Achmetow ohne Machtverlust.

Diese politische Macht Achmetows wäre laut Meuser unter russischer Herrschaft nicht möglich, seit Präsident Putin vor zehn Jahren den Oligarchen im eigenen Land deutlich gemacht hatte, dass sie sich nicht in die Politik einmischen sollen, und an Michail Chodorkowski ein prominentes Exempel statuierte. «Gehörte die Ostukraine zu Russland, würde Achmetow seine dominante Rolle verlieren», erklärt Meuser. «Er verfolgt seine eigenen Interessen, ihm geht es in erster Linie um seine Geschäfte.» Achmetow habe zwar auch in Russland geschäftliche Interessen. In den letzten Jahren habe er jedoch die Annäherung der ukrainischen Regierung an die EU unterstützt. «Achmetow hofft auf den europäischen Markt», sagt Meuser.

Firmenimperium mit wachsender EU-Anbindung

Mit seinem Grosskonzern System Capital Management (SCM) hat Achmetow bereits eine starke geschäftliche Anbindung an die EU. SCM besitzt Stahlwerke in Italien und Grossbritannien, das Tochterunternehmen DTEK exportiert Strom in die EU. Gemäss eigenen Angaben erwirtschaftete der SCM-Konzern im Jahr 2011 in Russland, wohin er Röhren und Bergbaumaschinen exportiert, 10 Prozent seiner Einnahmen. In Europa sind es 22 Prozent, und die Märkte der EU-Länder werden immer wichtiger.

Achmetow, der vor 20 Jahren als Kohlehändler begann, hat inzwischen ein Vermögen von über 15 Milliarden Dollar angehäuft. Mit seinem Firmenimperium gebietet er in der Ukraine über Kohlegruben, Stahlwerke, Gasfelder, Kraftwerke, Hafenanlagen, Banken, Telefongesellschaften, Fernsehsender und den Fussballclub Schachtar Donezk. Rund 300'000 Menschen arbeiten für Achmetow, die meisten davon im Donbass. Ein Abdriften der Ostukraine in Richtung Russland würde Achmetows Geschäfts- und Machtinteressen klar zuwiderlaufen. Der gewiefte Unternehmer weiss genau, warum er für die Einheit der Ukraine eintritt – und warum er, wie diese Woche als Vermittler in Donezk, selbst den Gang an die Öffentlichkeit nicht scheut. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.04.2014, 19:13 Uhr

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