Ein Papst, der leicht missverstanden wird

2015 ist für Papst Franziskus das Entscheidungsjahr. Kurienreform und Bischofssynode sollen die Kirche verändern. Offensichtlich aber nur innerhalb des engen Spielraums des Kirchenrechts. Wohin geht die Reise?

Papst Franziskus bei seiner Ankunft zur Generalaudienz auf dem Petersplatz im Vatikan (8. Januar 2014): Es ist seine Symbol- und Bildsprache, die dem Papst die Sympathien der Gläubigen einbringt. Foto: Gabriel Bouys (AFP)

Papst Franziskus bei seiner Ankunft zur Generalaudienz auf dem Petersplatz im Vatikan (8. Januar 2014): Es ist seine Symbol- und Bildsprache, die dem Papst die Sympathien der Gläubigen einbringt. Foto: Gabriel Bouys (AFP)

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Sein Glanz ist vielleicht auch sein Verhängnis: Franziskus ist der katholischste Papst seit langem. Mit Gesten und Symbolen bedient er die katholische Au­genreligion wie kaum ein Papst vor ihm. Die Ohrenreligion der Reformatoren, die sich auf das Wort Gottes beruft, die Bilder aber verschmäht, ist seine Sache nicht. Franziskus ist der Papst der Bilder, nicht des Wortes und der Taten.

«Ihr Mütter, gebt euren Kindern Milch, auch im Gottesdienst», forderte er bei einer Taufe im Vatikan Frauen zum Stillen auf. Vor dem Europaparlament versuchte er die «ermüdete Grossmutter Europa» wachzurütteln. Im Flugzeug bei seiner Asienreise sagte er vor Journalisten: «Wer meine Mutter beleidigt, bekommt einen Faustschlag.» An der Generalaudienz vom Mittwoch setzte er noch einen drauf: Es sei durchaus in Ordnung, «wenn Eltern ihre Kinder schlagen», solange sie deren Würde nicht verletzten.

Nicht weniger drastisch seine Ka­pitalismuskritik: «Die Wirtschaft tötet», sagt er. Oder: «Geld, das sind Ex­kremente des Teufels.» Überhaupt den Teufel lässt er regelmässig in seinen Predigten aufleben. Der Kurie hält er den Beichtspiegel vor und geisselt deren «existenzielle Schizophrenie» und «spirituellen Alzheimer». Die Kirche insgesamt ist krank – sie präsentiert sich «wie ein Feldlazarett nach der Schlacht». Um im Bild zu bleiben, sieht sich Franziskus gerne als Arzt, der alle Wunden heilt.

Ein Bild- und Gestenspektakel

Ob man nun diese Bildsprache als plastisch, treffend, derb oder populistisch beurteilt: Sie verheisst Aufbruch, sie fasziniert, irritiert, löst Diskussionen aus. Die Gesten gehen um die Welt, wenn er einer Muslimin die Füsse wäscht, Cristina Fernández de Kirchner auf die Wange küsst oder sich vor der jordanischen Königin Rania verneigt. Auch vor dem ökumenischen Patriarchen Bartholomaios oder dem anglikanischen Erzbischof Justin Welby verneigt sich Seine Heiligkeit, überhaupt vor allen Menschen. Bei seinem ersten Auftritt auf dem Balkon des Petersdoms senkte er den Kopf, um sich von der Menge auf dem Platz segnen zu lassen.

«Franziskus hat von der ersten Sekunde an eine Zeichensprache gewählt, die eine mediale Öffentlichkeit bedient und vermitteln soll: Ich mache alles anders», analysiert der konservativ-katholische Schriftsteller Martin Mosebach. Gelernt hat er diese Bildersprache als junger Jesuit in Argentinien von der peronistischen Volkstheologie. Der Peronismus spielte gekonnt auf der Klaviatur der Volksmythen, die von Bauern, Gauchos und einfachen Leuten bevölkert sind. Papst geworden, inszeniert der frühere Peronist Jorge Mario Bergoglio ein wahres Bilder- und Gestenspektakel. Das sei sein ganzes Programm, sagt einer seiner einstigen Mitarbeiter aus Argentinien. Man müsse nicht immer nach Konsequenzen und Taten schielen.

Zunächst die Kurienreform

Doch, das tut man, zumal jetzt, am Beginn des Jahres 2015, das Experten zum Entscheidungsjahr dieses Pontifikats erklärt haben. Vor allem zwei Ereignisse in der kirchlichen Agenda sollen angeblich entscheidende Reformen bringen: Zunächst das am Montag beginnende und bis zum 14. Februar stattfindende Gipfeltreffen zur Kurienreform. Wobei sich zuerst der handverlesene Kardinalsrat und dann, zwei Tage lang, alle Kardinäle treffen, um mit Papst Franziskus über die Reform der römischen Kurie zu beraten. Im Oktober dann folgt der zweite Teil der Bischofssynode zu Ehe und Familie, welche die rigiden moralischen Normen der Kirche lockern soll.

Vom 78-jährigen Papst wird erwartet, dass er dann endlich Farbe bekennt. Auf die entsprechende Frage sagt je­-doch sein Sprecher Federico Lombar­- di: «Franziskus weiss nicht, wohin es geht. Er vertraut sich ganz dem Heiligen Geist an.»

Der Papst der Widersprüche

Wohin aber wird der Heilige Geist dieses Pontifikat führen? «So zugewandt und herzlich Franziskus auftritt, so verschlossen ist er auch», so Martin Mosebach. «Er lässt sich nicht in die Karten gucken. Bisher ist völlig unklar, was Franziskus wirklich denkt.» Zumal in doktrinären Fragen, die dogmatische Eindeutigkeit verlangen. Franziskus weiss: Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben mit ihren doktrinären Belehrungen Personal und Kirchenvolk abgeschreckt. Gegenüber seinen intellektuellen Vorgängern ist es Franziskus’ Symbol- und Bildsprache, die ihm den Sympathiebonus einbringt.

Indem er lieber Zeichen als Tatsachen setzt und Bilder sprechen lässt, statt in Begriffen zu reden, gewinnt er die Massen und Medien für sich. Doch der Papst der Bilder wird häufig missverstanden. Die Suggestivkraft der Bilder verleitet zu falschen Interpretationen. Mehr als Begriffe sind Bilder Projektionsflächen – sie sind auslegungsbedürftig, mehrdeutig, widersprüchlich.

Franziskus Aufruf, sich nicht wie die Kaninchen zu vermehren, hat man zum Beispiel als Zulassung der künstlichen Empfängnisverhütung verstanden. Das Dementi aus dem Vatikan folgte umgehend. Aus seiner Bildrede, dass Petrus kein Bankkonto gehabt habe, folgerte man fälschlicherweise, er wolle die Va­tikanbank abschaffen. Ausgerechnet Franziskus, der sich zum Zeichen der Demut vor allen verneigt, überhöht das Papstamt, indem er seine Vorgänger-Päpste heiligspricht.

Aus der Vorliebe des Papstes, per­sonalpolitisch die Peripherien zu berücksichtigen, hat man seine Absicht bestätigt gesehen, die päpstliche Macht zu dezentralisieren. Dabei ist seine Personalpolitik undialogisch eigenmächtig: Er selber kürt Bischöfe und Kardinäle nach seinem Gusto. Bei der Ernennung der neuen Bischöfe von Köln und Freiburg hat er die geregelte Mitsprache der ortskirchlichen Domkapitel einfach übergangen. Mosebach nennt Franziskus einen «Herrscher und Autokraten».

Wie aber verträgt sich das mit seiner Bescheidenheit, die er mit Symbolen verkündet: mit Gebrauchtwagen, schlichten Kleidern und dem Wohnort im vatikanischen Gästehaus? Gemäss seinem Biografen Paul Vallely beruht Papst Franziskus’ Bescheidenheit auf einem intellektuellen Entschluss: «Sie ist eine Tugend, die er sich willentlich zur Pflicht macht, weil er von seiner ­Persönlichkeit her zu Stolz sowie zu dogmatischem und herrischem Verhalten neigt.» Franziskus scheint ihm recht zu geben, als er vor Journalisten bekannte: «Ich bin ein bisschen gewieft und zugleich arglos.»

Der wunde Punkt: Die Frauen

Der grösste Widerspruch in diesem Pontifikat bleibt aber die Frauenfrage. Franziskus, der sich dezidiert zum Anwalt der Armen und Entrechteten macht, mag den Frauen nicht die gleichen Rechte zugestehen. Kann die Kirche der Armen wirklich patriarchal sein? Zwar geisselt der Papst die philippinische Machokultur, lässt aber die Debatte über die Ordination der Frau gar nicht erst aufkommen. Damit wird Realität, was Papst Johannes Paul II. 1994 dekretiert hatte: Die Frage des Frauenpriestertums sei ein für alle Mal entschieden und dürfe nicht länger Gegenstand von kirchlichen Debatten sein. An die Priesterweihe aber ist nicht nur sakramentale Vollmacht gebunden. Von ihr hängen vielmehr auch alle zentralen Leitungsämter und die Definitionsgewalt der Kirche ab.

So entscheiden an der abschliessenden Bischofssynode im kommenden Oktober allein Männer, Bischöfe eben, über Fragen der Familien- und Sexualmoral. Keine einzige Frau darf mit Stimmrecht mitreden. Von dieser Bischofssynode aber wird erwartet, dass sie auf die Lebenswirklichkeit der Menschen eingeht und die repressiven Kirchennormen lockert.

Sollte die Männerkirche wirklich ein Interesse haben, die eigenen Prärogativen zu beschneiden? Es ist naiv, von einem patriarchalen Gremium zu erwarten, dass es homosexuelle Partnerschaften aufwerten oder Kondom und Pille rehabilitieren würde. Im letzten Oktober hat die vorlaufende Synode zu Familie und Sexualität die in einem Zwischenbericht verheissene Öffnung am Ende wieder ganz zurückgenommen.

Insgesamt hat sie sich an der Frage der Kommunion für geschiedene Wiederverheiratete festgebissen. Und demonstriert, dass Reformen der Fami­lienmoral, mögen sie noch so harmlos sein, so gut wie unmöglich sind. Die Gegner, vor allem aus Afrika, argu­mentierten, dass die Zulassung der Geschiedenen zu den Sakramenten das Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe aushöhlen würde. An der Doktrin aber lässt sich nun mal nicht rütteln. Das gilt auch für diesen Papst, der durchaus ein Machtwort sprechen könnte, wenn er wollte.

Enger Spielraum für Reformen

Wird er es im kommenden Herbst nicht tun, dann bestimmt nicht mehr in diesem Pontifikat. Inoffiziell wird er wohl den Priestern und Beichtvätern einen gewissen Spielraum zugestehen, das Prinzip selber aber lässt er unbefleckt. Was dem Status quo entspräche. Diesen zu bestätigen, wird Franziskus seinem Glaubenspräfekten Gerhard Ludwig Müller überlassen, dem Hüter der Orthodoxie.

Reformen und Neuerungen wird dieser Papst nur innerhalb des engen Spielraums vornehmen, den ihm die Kirchengesetze lassen. Statt Geschiedene zu den Sakramenten zuzulassen, will er, wie gerade angekündigt, das Ehenichtigkeitsverfahren beschleunigen, vereinfachen und von allen Kosten entbinden. Ehen könnten dann auch aufgrund von Glaubensmangel annulliert werden. Auch Frauen wird er nur innerhalb der Grenzen des Kirchenrechts fördern: So hat er gerade eine Ordensfrau zur Rektorin der Päpstlichen Universität Antonianum gemacht. Er kann sich auch vorstellen, im Zuge der anstehenden Kurienreform, statt einen Kardinal eine Ordensfrau mit dem Bereich Flüchtlinge zu betrauen. Bezeichnenderweise kommen nur Nonnen infrage. So oder so wären sie Alibi-Frauen, die als Ausnahmen die Regel bestätigen würden. In der Bischofssynode könnten auch sie nicht mitreden.

Insgesamt lässt die jetzt im Februar von den Kardinälen debattierte Kurienreform mehr Spielraum für Reformen zu als die Kirchendoktrin. So hat Franziskus bereits die Vatikanbank neu positioniert und transparenter gemacht und einen Wirtschaftsrat einberufen. Ganz allgemein versucht er, die Kurie nach dem Vatileaks-Skandal, der Benedikt zum Rücktritt bewegt haben dürfte, in die Schranken zu weisen. Dazu gehört auch ihre Verschlankung: Dem Ver­nehmen nach will Franziskus mit der Kurienreform den Bereich Caritas/Gerechtigkeit sowie jenen der Laienmitarbeit stärken.

Mehrfach hat er angekündigt, das kollegiale Miteinander in der Kirche fördern zu wollen, indem er den Bischöfen der Ortskirchen und den nationalen Bischofskonferenzen mehr Gewicht einräumt. Um die Kirche effizient zu dezentralisieren und die Ortskirchen zu stärken, müsste er die Bischofswahlen in die Diözesen zurückgeben. Doch das geht ihm offenbar zu weit. Stattdessen will er die internationale Bischofssynode, die im Oktober erneut zusammenkommt, aufwerten und möglicherweise zu einer ständigen Einrichtung machen.

Symbolische Reisen

Bei der Kurienreform hilft ihm der neu geschaffene K9-Rat, in dem neun Kardinäle alle Kontinente repräsentieren. Die Bestellung der Kardinäle ist für Franziskus ein Hauptinstrument auf dem Weg zu einer wirklichen Weltkirche, wobei sich das Zentrum immer mehr vom Norden in den Süden verschiebt. Um die geografischen Ränder der Kirche aufzuwerten, hat er etwa die Erzbischöfe von Tonga, Rangun, Xai-Xai oder der Kapverden zu Kardinälen gemacht. Eine Personalpolitik mit symbolischem Charakter, da wohl nicht einmal er selber diese Bischöfe aus den entlegensten Winkeln der Erde kennt.

Auf dem politischen Parkett fühlt er sich deshalb so wohl, weil er nicht Resultate vorzeigen und aushandeln muss, sondern einfach Zeichen setzen kann. Zwar hat er zwischen den USA und Kuba real und erfolgreich vermittelt. Gerade seine Reisen aber sind stark symbolisch aufgeladen: Die Besuche auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa und später in ­Albanien führten ihn geografisch und sozial an die Peripherie. In Nahost legte er betend den Kopf an die israelische Sperrmauer und liess wenig später in den vatikanischen Gärten die Kontrahenten Peres und Abbas für den Frieden beten. In der Blauen Moschee in Istanbul verneigte er sich gen Mekka. Der Papst des Südens spickt auch seine Kapitalismuskritik mit symbolträchtigen Bildern: Korruption ist für ihn «gesellschaftlicher Krebs», Kapital, Kommerz und Konsum die «Gegenreligion des Götzen Markt».

Dabei lässt er sich nicht im klassischen Links-rechts-Schema verorten. Mit seinem Engagement für die Armen bedient er linke Positionen, während er in der Ehe- und Sexualmoral auf der Linie der Traditionalisten operiert. Das zeigte sich besonders deutlich auf den Philippinen, wo er die Ursachen der Armut benannte, zugleich aber die Bischöfe in ihrem Kampf gegen die künstliche Familienplanung mittels Kondomen unterstützte.

Oscar Romero bald selig

Auch das grosse (kirchen-)politische Symbol, das er vermutlich noch dieses Jahr setzen wird, bricht den traditionellen Links-rechts-Gegensatz auf: die Seligsprechung von Oscar Romero. Der Erzbischof von San Salvador wurde 1980 von der Militärjunta erschossen, was den langjährigen Bürgerkrieg in El Salvador auslöste. Einst Freund der Oligarchie und Gegner der linksgerichteten Befreiungstheologen, hatte sich Romero später mit diesen auf die Seite der Armen und Marginalisierten geschlagen. Unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hatte die Seligsprechung keine Chance, weil beide Päpste die Befreiungstheologie unter Generalverdacht stellten, marxistisch und rein sozialpolitisch zu sein.

Reformstau lähmt

Es wäre aber falsch, die Seligsprechung Romeros durch Franziskus als Kontrapunkt zum Pontifikat Benedikts zu sehen. Als Jesuit in Argentinien agierte Jorge Mario Bergoglio ganz auf der Linie des früheren Kardinals Joseph Ratzinger. Bei beiden war die Ablehnung der Befreiungstheologie und deren marxistischer Gesellschaftsanalyse von der Angst zur Zeit des Kalten Krieges geprägt, der gottlose Kommunismus sowjetischer Prägung könnte Kapitalismus wie Katholizismus in Lateinamerika zersetzen. Inzwischen hat sich die weltpolitische Lage verändert und den früheren Konflikt entschärft. Nach dem Fall der Mauer kann sich Franziskus auf die Seite der Armen schlagen, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, mit dem antireligiösen Marxismus zu paktieren. Das hat gerade Glaubenspräfekt Müller in seinem Buch «Armut» dargelegt.

Nach dem Priesterpapst Benedikt regiert jetzt also ein Politpapst. Nach dem Kurienmann ein Erzbischof des Südens. Nach dem Doktrinär ein Seelsorger. Als solcher zerbreche er sich zurzeit den Kopf, wo und wem er am kommenden Gründonnerstag möglichst spektakulär die Füsse waschen wird. Mit solchen starken Zeichen will Franziskus die Sympathie der Menschen gewinnen und sie sich nicht durch Wiederkäuen traditioneller katholischer Positionen verscherzen. Dabei muss er sich endlich zu den heissen Eisen äussern, die Ratzinger den «Kanon der Kritik» nannte: nämlich zu Frauenpriestertum, Zölibat, Abtreibung, Verhütung, Wiederverheiratete und Homosexualität. Franziskus’ Anhänger monieren, er könne nicht aus dem Nichts heraus Reformen aufgleisen. Man müsse ihm einfach mehr Zeit lassen. Wie viel Zeit aber hat ein bald 80-Jähriger? Zudem werden die Debatten über die heissen Eisen seit Jahrzehnten ausgefochten, die Argumente hüben und drüben sind sattsam bekannt. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte schon vor 50 Jahren die Richtung gewiesen, wohin es mit der Kirche gehen soll: Richtung Mitsprache der Ortskirchen, der Laien und Frauen, Richtung Menschenrechte und Dialog der Religionen.

Zur Umsetzung des Konzils braucht es eine deutliche Sprache, klare Entschlüsse, kurz: eine päpstliche Realpolitik. Sonst wird der Reformstau die Kirche weiterhin lähmen und ihr einen nächsten Papst bescheren, der wieder ganz auf den ausgetretenen Wegen der Tradition wandelt. Gerade die Bischöfe von den Rändern Afrikas, Asiens und Osteuropas, die Franziskus aus Symbolgründen bevorzugt zu Kardinälen macht, opponieren am heftigsten gegen jede Reform der kirchlichen Doktrin. Mit Symbolpolitik allein wird Franziskus seine Kirche nicht erneuern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2015, 19:24 Uhr

1973: Der stramm konservative Provinzial

1973 wurde Jorge Mario Bergoglio, 37-jährig, Oberer der argentinischen Jesuiten. Er fuhr einen konservativen Kurs und erklärte die Befreiungstheologie zum verbotenen Terrain. Zum rechten Flügel des Peronismus gehörend, war er Quellen zufolge spiritueller Berater der nationalistischen Eisernen Garde. Er stellte dieser die Universidad del Salvador zur Verfügung, die Junta-Admiral Emilio Massera 1977 ein Ehrendoktorat verlieh.

20. Mai 1976: Der Fall Jalics und Yorio

Kaum hatte die Militärjunta im März 1976 die Macht ergriffen, schloss Bergoglio die Jesuiten Franz Jalics und Orlando Yorio aus dem Orden aus, weil sie sich seiner Anordnung widersetzten, ihre befreiungstheologische Arbeit in den Slums von Buenos Aires zu beenden. In der Folge kerkerten Todesschwadronen die Priester fünf Monate lang ein. Der Vorgang ist bis heute Gegenstand von Kontroversen.

1979 bis 1985: Rektor am Colegio Maximo

Von 1979 bis 1985 war Bergoglio Rektor der Theologischen Fakultät des Colegio Máximo. Seine vorkonziliare Haltung und sein herrisches Auftreten spalteten die Jesuiten in Bergoglionaos und Anti-Bergoglionaos. Seinen Anhängern zufolge soll er in den letzten Jahren der Diktatur ein Netzwerk geknüpft haben, um Menschen auf der Flucht vor den Militärs ausser Landes zu schleusen.

1986: Bergoglios Wandel

1986 wurde der umstrittene Bergoglio nach Deutschland geschickt, um an der Jesuiten-Hochschule St. Georgen in Frankfurt zu doktorieren. Nach sechs Monaten kehrte er unverrichteter Dinge nach Argentinien zurück. Er wirkte als Seelsorger in Córdoba – für ihn eine Zeit des Exils und der
Besinnung, die zu seinem Wandel führte.

20. Mai 1992: Auf der Seite der Armen

1992 Weihbischof und 1998 Erzbischof von Buenos Aires geworden, war er oft in den Slums anzutreffen. Er schlug sich auf die Seite der Armen. Nach Ende des Kalten Krieges sah er keinen Grund mehr, Front gegen die linke Befreiungstheologie zu machen. An der Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe in Apericida von 2007 verfasste er das Schlussdokument, das sich für eine Kultur der Armen starkmachte. Wiederholt redete er Präsident Nestor Kirchner ins Gewissen, warf ihm Grössenwahn und Populismus vor. Auch mit Cristina Fernández de Kirchner legte er sich an, als sie Gesetze zur Legalisierung der Abtreibung und der gleichgeschlechtlichen Ehe vorlegte.

12. und 13. Februar 2015: Die Kurienreform

Am 13. März 2013 wählte das Kardinalskollegium Bergoglio zum ersten lateinamerikanischen Papst. Alsbald verkündete er seine Vision einer «armen Kirche für die Armen» und stellte Reformen in Aussicht. Zwecks Reform der Kurie schuf er einen neunköpfigen Kardinalsrat. Am 12. und 13. Februar werden nun erstmals alle Kardinäle der Welt über die Kurienreform debattieren. (mm.)

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