Ein Wirrkopf als Vorbote einer düsteren Zukunft

Der Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala schockiert das französische Establishment. Mit seinen bizarren Ansichten erfreut er Extremisten zur Rechten wie zur Linken.

Unheimlicher Possenreisser: Dieudonné M’Bala M’Bala hält Frankreichs Linken den Spiegel vor.

Unheimlicher Possenreisser: Dieudonné M’Bala M’Bala hält Frankreichs Linken den Spiegel vor. Bild: Keystone

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Ein Komiker versetzt Frankreichs politische Elite in helle Aufregung. Dieudonné M’Bala M’Bala, 47 Jahre alt, Sohn einer französischen Malerin und eines Buchhalters aus Kamerun, hat sich an die Spitze einer Bewegung gesetzt, in der scheinbar widersprüchliche weltanschauliche Strömungen zusammenfinden: Antikolonialismus, Sympathie für militante Islamisten sowie Anklänge an den Nationalsozialismus und die Regierung von Vichy, das Regime des Marschalls Philippe Pétain, der während des Zweiten Weltkriegs mit den deutschen Besatzern kollaborierte. Auch eine Geste zum Gruss hat Dieudonné erfunden: «La Quenelle» wird sie genannt, «Knödel», ein Ausdruck, der in Frankreich auch als Umschreibung des ausgestreckten Mittelfingers gilt. Folgendermassen wird der Knödelgruss aufgeführt: ein Arm, egal welcher, wird in Richtung Boden gestreckt, der andere kreuzt die Brust, zwei oder fünf Finger werden flach auf die Schulter gelegt.

Was genau die Gebärde bedeuten soll, darüber schweigt sich Dieudonné bislang aus, doch dürfte die Ähnlichkeit mit dem Hitlergruss kaum zufällig sein: Dieudonné («von Gott gegeben») ist ein glühender Antisemit. Sein Judenhass ist es, der seine Anhänger, die den unterschiedlichsten politischen Milieus entstammen, verbindet: Zwei Politiker des rechtsextremen Front National, Jean-Marie Le Pen und Bruno Gollnisch, führten die «Quenelle» im EU-Parlament aus, doch auch in den Banlieues, den deplorablen Vororten der Grossstädte, findet Dieudonné unter den Söhnen und Töchtern afrikanischer und arabischer Einwanderer zahlreiche Nachahmer, von denen der Fussballprofi Nicolas Anelka lediglich der bekannteste sein dürfte.

Der Holocaustleugner auf der Bühne

Was Dieudonnés Judenhass so bemerkenswert macht, ist die Tatsache, dass sich der Komiker nicht einmal die Mühe macht, sein Ressentiment im gesellschaftlich akzeptierten Gewand des Antizionismus zu praktizieren, wie es gewisse Linke tun. «Wenn ich an Cohen denke, kommen mir unweigerlich die Gaskammern in den Sinn, eigentlich schade», verhöhnte er einen jüdischen Radiojournalisten. Andererseits gibt Dieudonné Robert Faurisson ein Forum, der behauptet, Gaskammern habe es überhaupt nicht gegeben. Auf Dieudonnés Bühne durfte der 83-jährige Holocaustleugner in der Kleidung eines KZ-Häftlings auftreten. Die Erinnerung an den Holocaust nennt Dieudonné «Gedenk-Pornografie»; die «Quenelle d’Or», den goldenen Knödel, lobte er als Preis für jeden aus, der die «Quenelle» am Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz zeigt.

Dieudonné mag für eine kleine, radikale Minderheit sprechen, doch diese wächst rasant – und sie tritt immer unverfrorener auf, was sich daran zeigt, dass Frankreichs jüdische Gemeinschaft heute einer Flut von Angriffen ausgesetzt ist, die in Westeuropa ihresgleichen sucht: 373 antisemitische Gewalttaten zählte die Schutzgemeinschaft der jüdischen Gemeinden Frankreichs 2012. Gegenüber dem Vorjahr, so hiess es in dem Bericht, bedeute dies einen Anstieg um 60 Prozent. Das blutige Attentat auf eine jüdische Schule im südfranzösischen Toulouse, bei dem der militante Islamist Mohammed Merah am 19. März 2012 drei Schüler und einen Mann erschoss, war dabei nicht mehr als ein besonders schockierender Fall unter vielen.

Mit dem Rücken zur Wand

Noch leben in Frankreich mehr Juden als in jedem anderen westeuropäischen Land, doch immer mehr von ihnen ergreifen die Flucht: 2000 siedeln nach Angaben des israelischen Einwanderungs­ministeriums jedes Jahr nach Israel über; mehr als 100 000 jüdische Franzosen haben ihr Heimatland bereits verlassen. Wer bleibt, zieht sich aus dem öffentlichen Leben mehr und mehr zurück: Über ein Drittel der jüdischen Schüler im Grossraum Paris besucht mittlerweile jüdische Schulen, ein weiteres Drittel geht in katholische Bildungseinrichtungen. Staatliche Schulen, so scheint es, sind für Juden kein sicherer Ort mehr. Unterrichtseinheiten über den Holocaust können dort oft kaum noch durchgeführt werden, zu massiv ist der Protest, den arabische Schüler dagegen artikulieren.

Frankreichs sozialistische Regierung reagierte auf Dieudonnés Provokationen empfindlich bis panisch: Innenminister Manuel Valls empfiehlt den Präfekturen des Landes, dem Komiker, der am Donnerstag landesweit auf Tournee gehen will, ein Auftrittsverbot zu erteilen; Präsident François Hollande zeigte sich öffentlich besorgt. Tatsächlich müsste Dieudonnés Aufstieg aus einer obskuren Ecke ins Scheinwerferlicht der nationalen Medien zwar nicht Valls und Hollande, doch manch einem ihrer Parteikollegen peinlich sein, denn der traditionellen, denkfaulen Linken hält der unheimliche Possenreisser den Spiegel vor: Wie konnte aus einem schwarzen Antirassisten ein Antisemit werden, der mit dem Front National sympathisiert, fragen sich linke Intellektuelle nun.

Eine unangenehme Wahrheit

Dabei übersehen sie geflissentlich, dass der Weg, den der Komiker ging, so weit nicht war. Dieudonné entstammt einem linken Milieu, 2001 kandidierte er bei den Kommunalwahlen für die Grünen. Antisemit wurde er dem Vernehmen nach 2005, nachdem er für ein Filmprojekt über den Kolonialismus keine Subventionen bekam. Forderungen an Frankreich, seine Schuld gegenüber den Einwanderern und deren Nachkommen einzugestehen, verband Dieudonné nun mit anti-israelischen und schwulenfeindlichen Ausfällen. Die Einführung der Homoehe nannte er ein «zionistisches Projekt», dies im Namen des Antirassismus und unter dem Jubel grösstenteils franko-arabischer Claqueure, die ihm in seinem Pariser Theater zujubelten. Linker, islamistischer und rechter Radikalismus, so zeigte sich einmal mehr, liegen näher beisammen, als Ideologen aller Seiten wahrhaben wollen. Einer der Orte, wo sie sich treffen, war noch immer der Hass auf die Juden.

Wie dem Phänomen Dieudonné beizukommen sei, daran scheiden sich in Frankreich die Geister. Ein Verbot, wie es Innenminister Valls fordert, wird das Gedankengut, das der Humorist vertritt, kaum aus der Welt schaffen. Im schlimmsten Fall steht zu befürchten, dass sich der Wirrkopf als Vorbote einer düsteren Zukunft Frankreichs erweisen wird. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.01.2014, 09:26 Uhr

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