Ein unbequemer Denker

Politikwissenschaftler Bassam Tibi veröffentlicht seine BaZ-Beiträge in einem neuen Buch.

Silvesternacht in Köln. Die Neujahrsnacht 2015/2016 gab den Anstoss für Tibis islam- und Deutschland-kritische Beiträge in der Basler Zeitung.

Silvesternacht in Köln. Die Neujahrsnacht 2015/2016 gab den Anstoss für Tibis islam- und Deutschland-kritische Beiträge in der Basler Zeitung. Bild: Keystone

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Ich muss gestehen, dass ich Bassam Tibi lange nicht gekannt habe. Erst im Mai 2016 bin ich auf einen kurzen Artikel von ihm in der Bild-Zeitung gestossen. Ich war damals Deutschland-Korrespondent der Basler Zeitung in Berlin, und die Flüchtlingskrise war das alles dominierende Thema. Die Überschrift von Tibis Artikel lautete: «Ich habe Mitleid mit den Deutschen». Der Text wurde in einer Zeit publiziert, in der die Willkommenskultur immer noch fühlbar war, gleichzeitig hatten die massenhaften sexuellen Übergriffe durch junge männliche Migranten in der Kölner Silvesternacht das Land erschüttert.

Tibi machte eine Kaskade provokativer Aussagen. Deutsche würden ständig zwischen den Extremen pendeln: Fremdenfeindlichkeit oder Fremdeneuphorie, ein Mittelmass gebe es nicht. Mit Sorge beobachte er, dass viele Syrer die deutsche Kultur nicht respektieren. Schuld an diesem Verhalten seien auch die Deutschen, die sich nicht trauten, Asylsuchende zurechtzuweisen – aus Angst, als Rassisten zu gelten. Deshalb auch Tibis Mitleid mit den Deutschen.

Unverblümt und schonungslos

Es war, wie gesagt, nur ein kurzer Artikel, der in einer Serie zum Thema «Was ist deutsch?» erschienen ist. Er fiel damals aber komplett aus dem Rahmen dessen, was man in den etablierten deutschen Medien so lesen konnte. Am erstaunlichsten für mich war jedoch, dass der Autor in Damaskus geboren und aufgewachsen war, später in Deutschland studiert und eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere hingelegt hatte: Er lehrte in Göttingen, Harvard, Yale, Berkeley und auch in St. Gallen.

In seinem wissenschaftlichen Leben befasste er sich ausgiebig mit dem Islam, er entwickelte das Konzept des Euro-Islam und der Leitkultur. Das hatte ich mir allmählich ergoogelt, und meine Verwunderung wurde nur noch grösser. In Deutschland drehte sich alles um die Flüchtlingspolitik, und Tibi hätte mit seiner Biografie und seinem wissenschaftlichen Fokus eigentlich der Mann der Stunde sein müssen; ein Erklärer, ein Vermittler zwischen den Welten. Es schien absurd, dass er in den Medien nahezu abwesend war. Seine Debatte, sein Lebensthema wurde verhandelt. Aber ohne ihn.

So kam die Idee für ein grosses Interview, und dieses Gespräch war die Grundlage für alle Artikel, die Tibi später in der Basler Zeitung publizierte und die nun in einem Buch gebündelt erscheinen. Wir trafen uns damals im Bahnhofrestaurant in Göttingen, Tibis Heimatstadt, und redeten über Stunden. Das Interview trug die Überschrift: «Diese Männer denken, deutsche Frauen sind Schlampen». Im Bild zu sehen waren arabische Jugendliche, die vor dem Kölner Dom standen – es war das Bild, das zu den Berichten über die massenhaften sexuellen Übergriffe in Köln vom Silvester 2015/2016 immer wieder erschienen war.

Der Titel mochte etwas reisserisch sein, aber er war so unverblümt und schonungslos, wie Tibi die Dinge zu analysieren pflegt. Bei aller Integration in Deutschland hat er sich den akademischen Stil des Landes glücklicherweise nicht angeeignet. Das Interview wurde die meistgeklickte Geschichte der Basler Zeitung im Jahr 2016. Es war, um es vorsichtig auszudrücken, voller unbequemer Gedanken: Es ging um den arabischen Antisemitismus, den Sexismus in der arabischen Kultur und den deutschen Extremismus.

Erst allmählich wurde mir klar, dass Tibi nicht nur wegen seiner Biografie und seiner Kenntnisse ein interessanter Ansprechpartner ist, wenn es um Fragen des Islams und der Integration geht. Es gibt noch einen anderen, mindestens ebenso wichtigen Grund: Tibi ist ein freier, rücksichtsloser Denker; ein Einzelkämpfer ohne Lobby, der bereit ist, sich mit allen anzulegen. Er wurde in seinem Leben viele Male geehrt, auch das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse hat er 1995 erhalten, «für ein besseres Verständnis des Islam in Deutschland und für seine Vermittlung zwischen den Zivilisationen». Letztlich ist und bleibt er aber ein Aussenseiter, der nie zum Establishment gehört hat; ein Ausländer, der in Deutschland angekommen ist und auch nicht; ein deutscher Staatsbürger, aber kein Deutscher, wie er selber sagt. Diese durchaus nicht einfache Existenzform gibt Tibi eine Unabhängigkeit, die seine Urteile umso interessanter macht.

Tibis Analysen und Thesen werden gerne instrumentalisiert; gerade Rechte scheinen oft nur seine Kritik an der muslimischen Kultur und des Islams wahrzunehmen und die an der deutschen Politik und Gesellschaft grosszügig zu überhören. Eine solche Lesart wird Tibi aber nicht gerecht. Ein Fazit unseres Gesprächs war damals: Schlecht integrierbare Menschen treffen auf eine Gesellschaft, die nicht fähig ist, Menschen zu integrieren. Nicht nur der Islam und die arabische Kultur stehen einer Integration im Wege, sondern auch die deutsche Kultur, die kein Identitätsangebot hat. Tibi ist zwar stets der Ankläger der Deutschen und der Migranten, aber er ist immer auch ihr Anwalt. Bei all seiner Kritik bangt er um den Westen und die freie Gesellschaft.

«Leute, wir haben ein Problem»

Das Interview in der Basler Zeitung war eines jener Phänomene, die mit dazu beigetragen haben, dass sich in Teilen des deutschen Publikums der Begriff «Westpresse» etablierte. Damit ist gemeint, dass Schweizer Medien in der Flüchtlingskrise eine Funktion einnahmen, die mit dem Westfernsehen zu Zeiten der DDR vergleichbar ist. Dieser Ausdruck war immer schon eine unhaltbare und letztlich groteske Übertreibung. Im innersten Kern brachte er aber etwas zum Ausdruck, das auch ich als Schweizer Korrespondent in Deutschland beobachten konnte: In der Schweiz wurde über alle Aspekte der Flüchtlingskrise in Deutschland anders und freier geschrieben.

Bei vielen deutschen Medien befiel mich das Gefühl, dass Journalisten versuchten, den Kurs der Regierung abzustützen: nur nicht die Willkommenskultur gefährden, nur nicht spalterisch wirken! Probleme der Zuwanderung wurden eher nicht angesprochen, aus Angst, ihre klare Benennung könnte das Publikum gegen die Asylsuchenden aufhetzen. Diese Vorsicht lässt sich mit der deutschen Geschichte erklären, aber sie war einer kritischen Auseinandersetzung mit der Migration hinderlich. Die Tendenz zu einer pädagogischen Berichterstattung, wie sie 2015 und 2016 erkennbar war, hat sich dann bei den meisten Medien allmählich abgeschliffen.

Bassam Tibi war in jener Zeit eine unbequeme Stimme, die man, trotz oder vielleicht wegen all seiner Kenntnisse, anfangs lieber nicht hören wollte. Deutschland war in der Fremdeneuphorie. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt sagte: «Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf.» In dieser Phase konnte man einen Professor syrischer Herkunft nicht gebrauchen, der in die Szene platzt und sagt: «Leute, wir haben ein Problem!»

Auf den virulenten arabischen Antisemitismus und die Integrationsprobleme von Muslimen hat Tibi schon hingewiesen, als viele noch glaubten, Deutschland stehe unmittelbar vor einem grossen wirtschaftlichen Aufbruch angesichts neuer Arbeitskräfte, die zu Hunderttausenden ins Land kamen. Tibi liess diese Kreise als unheimlich naiv erscheinen. Gleichzeitig konnten Tibis Kritiker seine Meinung nicht einfach wegwischen: Er kommt ja aus Damaskus, er kennt den Orient. In vielen arabischen Ländern hat er gelebt und unterrichtet.

Der Kreis schliesst sich

Die Zusammenarbeit mit Bassam Tibi war intensiv: Viele Gespräche, Telefonate, E-Mails. Tibi ist ein fordernder Autor. Wenn seine Artikel nicht bald erscheinen, hakt er nach, fragt, was los sei. Es konnte auch vorkommen, dass ich bei ihm 12 000 Zeichen bestellt und das Dreifache erhalten habe. Tibis Erklärung: «Ich bin ein Künstler, ich kann mich nicht beschränken.» Beim Redigieren und Kürzen liess er einem wiederum freie Hand, auch Interviews pflegte er nicht einmal gegenzulesen. Ein solches Vertrauen und eine solche gelebte Liberalität ist im eitlen Geschäft der Medien keineswegs üblich. Dass Tibi nun in seinem Buch aber auf die Publikation der ungekürzten Artikel bestanden hat, versteht sich von selbst.

Je mehr ich über den Titel dieses Buches nachgedacht habe, desto passender schien er mir: «Basler unbequeme Gedanken». Zum einen ist Tibi ein unbequemer Denker, der es dem Publikum nicht einfach recht machen will. Auch ich teile nicht alle seine Thesen und Meinungen. Aber darum ging es in der Zusammenarbeit auch nicht. Mir war schnell klar, dass Tibi eine interessante Stimme ist, dass seine Artikel bedenkenswert sind und seine Stimme gehört werden muss, gerade in diesen Jahren, in denen die Themen Migration und Islam die Medien zuweilen fast beherrschen. Zum anderen passt der Titel, weil die Basler Zeitung ein Medium ist, das stets bereit ist, solche unbequemen Stimmen auch zu publizieren. Genaue Leserzahlen habe ich nicht, aber vermutlich war kein Gastautor bei der Basler Zeitung erfolgreicher als Bassam Tibi.

Mit der Publikation seines Buches schliesst sich ein Kreis. Die Asyl-Debatte in Deutschland hat sich verändert, sie orientiert sich heute mehr an Realitäten als an Wünschen und Hoffnungen. Dazu beigetragen hat auch Bassam Tibi. Die Basler Zeitung, die unter Chefredaktor und Verleger Markus Somm Tibis Artikel publizierte, wurde vor Kurzem verkauft.

Bassam Tibi und ich treffen uns gelegentlich im Hotel Intercontinental in Berlin zum Frühstück, und dann wird die ganze Welt verhandelt. Was also bleibt? Bassam Tibis unerschöpfliches Reservoir unbequemer Gedanken. Sein Spezialthema, der Islam und die Integration, werden Deutschland noch auf Jahrzehnte beschäftigen. Bassam Tibi ist in dieser Diskussion eine wichtige Stimme.

Bassam Tibi: «Basler unbequeme Gedanken – Über illegale Zuwanderung, Islamisierung und Unterdrückung der Redefreiheit». Ibidem-Verlag, 280 Seiten, ca. Fr. 22.–. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.10.2018, 00:05 Uhr

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Öffentlicher Vortrag von Bassam Tibi

Dieser Text ist das Vorwort zu einem soeben erschienenen Buch, das die Beiträge von Bassam Tibi, die in den vergangenen Jahren in der Basler Zeitung erschienen sind, versammelt.

Donnerstag, 25. Oktober: Bassam Tibi hält einen Vortrag mit öffentlicher Diskussion zum Thema «Islamische Herausforderung an Europa – Islamische Migration und Euro-Islam».

Zeit: 19 Uhr

Ort: Begegnungszentrum Biel-Benken Basel (BeZ), Therwilerstrasse 1, Biel-Benken

Moderation: Nico Rubeli, Studienleiter BeZ. Ein Büchertisch ist vorhanden. Es besteht die Gelegenheit, Bücher von Bassam Tibi signieren zu lassen.

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