Erfolgreicher Exportartikel im Kabinett der Parias

Der griechische Finanzminister Jannis Varoufakis kennt die Welt, gibt sich gerne unkonventionell, äusserte sich auch schon judenfeindlich und macht es Europa auch sonst nicht einfach.

Zehn Pfund für eine Krawatte? Der griechische Finanzminister Jannis Varoufakis (rechts) mit seinem britischen Amtskollegen George Osborne.

Zehn Pfund für eine Krawatte? Der griechische Finanzminister Jannis Varoufakis (rechts) mit seinem britischen Amtskollegen George Osborne. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Montag spielte Jannis Varoufakis die Rolle, die er zu spielen liebt: die des Rebellen wider alle Konventionen. Den Besuch bei seinem britischen Amtskollegen George Osborne trat Griechenlands neuer Finanzminister in Lederjacke an, das Hemd über der Hose. Das Londoner Boulevardblatt «Daily Mail» brachte dies auf die scherzhafte Frage, ob der Grieche seinen Gastgeber wohl um zehn Pfund für eine Krawatte gebeten habe, aber auch auf die ebenso maliziöse wie kennerhafte Feststellung, Varoufakis’ Lederjacke passe kaum zu der Sparpolitik, die Europa von Griechenland verlangt.

Für Varoufakis, den 53-Jährigen mit der Statur eines Türstehers, ist das, was die EU Griechenland bisher auferlegt hat, «fiskalisches Waterboarding». Alternativ schlug der Politiker der linken Syriza nun in der «Financial Times» eine Reihe von Massnahmen vor, die darauf hinausliefen, dass Griechenland künftig Anleihen mit unbegrenzter Laufzeit aufnehmen könnte und dass das Land für den Fall, dass seine Wirtschaft sich nicht erholt, seinen Gläubigern weniger Zinsen zahlen müsste.

Nicht um jeden Preis

Von einem «Schuldenschnitt» ist vorerst keine Rede mehr, womöglich ein Zeichen, dass Athen nicht um jeden Preis die Konfrontation mit den übrigen Mitgliedern der Euro-Zone, allen voran Deutschland, sucht.

Die Regierung, der Varoufakis angehört, bestehend aus der linken Syriza und der nationalkonservativen Anel, ist auf dem besten Weg, Europas Paria-Kabinett zu werden. Der Finanzminister aber ist weltläufiger einzuschätzen als die meisten seiner westeuropäischen Kollegen: 1987 promovierte er an der University of Essex, einer jener in den 1960er-Jahren gegründeten britischen Hochschulen, über die Oxford- und Cambridge-Absolventen die Nase rümpfen und in deren Betongebäuden lange Zeit marxistische Ideen sprossen.

Lehraufträge in Sydney und Athen führten den Ökonomen schliesslich ins amerikanische Austin, wo er Anfang 2013 eine Professur an der University of Texas übernahm. Wenn man so will, ist Varoufakis, der Karriere-Akademiker, einer der ganz wenigen erfolgreichen Exportartikel seines Landes.

Aus dieser Tatsache darauf zu schliessen, der Minister wäre in einem Kabinett extremistischer Spinner eine Stimme der Vernunft, wäre freilich allzu blauäugig: 2005 wurde Varoufakis als Kommentator vom australischen Staatssender SBS gefeuert, nachdem er Sympathien für palästinensische Selbstmordattentäter geäussert hatte; später verplapperte er sich, indem er sagte, auf der einen Seite stünden die Palästinenser, ihnen gegenüber «die Bürger Israels und alle Juden der Diaspora».

Gleich und gleich gesellt sich gern

Die ohnehin fadenscheinige Unterscheidung zwischen Antizionismus und Antisemitismus, die von Israelkritikern wie Varoufakis so gern bemüht wird, wurde damit vollends hinfällig. Von ihrem rechten Koalitionspartner, deren Anführer Panos Kammenos im Wahlkampf raunte, Juden bezahlten in Griechenland keine Steuern, sind Varoufakis und seine linken Parteikollegen so weit nicht entfernt.

Auch sonst ist einiges unappetitlich an der neuen griechischen Regierung: Vor wenigen Tagen noch liebäugelte Varoufakis damit, den russischen Autokraten Wladimir Putin um Finanzhilfe zu bitten. Mittlerweile hat er sich von derartigen Überlegungen wieder distanziert. Ob die Drohung in Richtung Westen ernst gemeint war oder ob Varoufakis nur den Pokerspieler gab, ist schwer zu sagen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.02.2015, 09:46 Uhr

Kommentar

Einfach wird es Europa mit Varoufakis und seinem Chef, Premierminister Alexis Tsip­ras, wohl auch in Zukunft nicht haben. Dass die Griechen die Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds vorerst aus dem Land geworfen haben, lässt nichts Gutes ahnen. Allerdings sollte man in Brüssel eines bedenken: Die neue griechische Regierung ist demokratisch legitimiert; dass sie sich nun an das hält, was sie vor der Wahl versprochen hat, ist ihr nicht zu verdenken. Auch war die bisherige Politik Europas gegenüber Griechenland durchaus nicht nur von altruistischen Motiven geprägt. Kredite an das Land kamen nicht etwa der griechischen Wirtschaft zugute, sondern der Schuldentilgung; der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble versprach seinen Landsleuten gar mögliche Zinsgewinne. Zu dem Eingeständnis, dass es womöglich besser wäre, wenn Griechenland aus dem Euro ausstiege, scheint man bis jetzt weder in Athen noch in Brüssel bereit zu sein. Hansjörg Müller

Artikel zum Thema

Die griechische Regierung hat einen Vorteil

Blog: Never Mind the Markets Die bisherige Politik zur Krisenbekämpfung in Griechenland ist gescheitert. Was jetzt passieren muss, ist klar. Zum Blog

Griechenland setzt Troika vor die Tür

Video Eklat zwischen griechischer Regierung und Eurogruppe: Das auferlegte Sparprogramm sei nicht umsetzbar, liess Finanzminister Varoufakis verlauten – und kündigte die Zusammenarbeit mit den Geldgebern. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...