Gangster-Jihadismus

Islamistische Terroristen sind kaum noch religiöse Fanatiker, sondern einfach nur Kriminelle. Wie der Strassburger Attentäter Chérif C.

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«Gefährliches Individuum. Greifen Sie auf keinen Fall selber ein», schreibt die französische Polizei in einem dringenden Fahndungsaufruf nach dem Terroranschlag in Strassburg. Das Foto zur Täterbeschreibung zeigt einen jungen Mann mit schwarzen Augen, dichten Augenbrauen, schwarzen Haaren und einem kurzen Bart. Der gesuchte Mann ist Chérif C., 29 Jahre alt, in Frankreich seit 2016 als Gefährder der Polizei bekannt.

Seit dem Attentat beim Weihnachtsmarkt am Dienstagabend machte die Polizei in Frankreich und Deutschland mit über 800 Beamten Jagd auf C.

Am Donnerstagabend wurde er von der französischen Polizei in der Rue du Lazaret im Strassburger Wohnquartier Neudorf erschossen. Chérif C. stammte aus dieser Gegend. Französische Anti-Terror-Kräfte hatten das Viertel am Nachmittag mit einem Grossaufgebot durchsucht.

Anschlag war zu erwarten

Die Zahl der Todesopfer des Anschlags ist nochmals gestiegen. Gemäss Behördenangaben erlag ein weiterer Mensch seinen schweren Verletzungen. Damit wurden bei dem Anschlag drei Menschen getötet, ein weiteres Opfer ist hirntot. Zwölf weitere Menschen wurden verletzt, vier von ihnen schwer.

Der Anschlag beim Strassburger Weihnachtsmarkt ist keine Überraschung für Terrorismusexperten. «Die Bedrohungslage in Europa ist weiterhin ernst», sagt etwa Peter Neumann. «Lediglich das Tempo des Terrors hat abgenommen.» Neumann ist ein führender Experte, der am Londoner King’s College über Radikalisierung und Terrorismus forscht. Das letzte grosse Attentat in Europa geschah im August 2017 in Barcelona, danach gab es «nur» kleinere Anschläge. Laut Neumann ist allerdings in den nächsten Wochen und Monaten eine erhöhte Wachsamkeit angezeigt.

«Auf einen Anschlag folgt oft ein ähnlicher Anschlag», warnt Neumann. «Das liegt daran, dass eine terroristische Tat andere jihadistische Trittbrettfahrer inspiriert.» Ein Beispiel dafür ist der Lastwagenanschlag in Nizza im Juli 2016, der in der Folge andere Islamisten zu weiteren Anschlägen mit der Tatwaffe Auto inspirierte. Der Anschlag von Barcelona zum Beispiel wurde mit einem Lieferwagen ausgeführt.

Kriminelle werden Attentäter

Unterdessen macht die Polizei in Frankreich und Deutschland mit Hunderten Beamten Jagd auf den Strassburger Attentäter, den polizeibekannten Gefährder Cherif C. Die Schweizer Behörden teilten mit, dass die nördliche Grenze stärker kontrolliert werde. Der 29-jährige Franzose war am Dienstagabend auf der Flucht von einem Soldaten am Arm verletzt worden. Dennoch gelang es ihm, mit einem Taxi aus der Altstadt in Richtung des Strassburger Wohnviertels Neudorf zu entkommen. Dort verlor sich die Spur des bewaffneten Attentäters von Strassburg. Möglicherweise setzte sich C. nach Deutschland ab. Die französische Polizei veröffentlichte am Mittwochabend ein Fahndungsfoto samt Täterbeschreibung.

Das Persönlichkeitsprofil von C. ist typisch für die islamistischen Attentäter der letzten Jahre. Diese Terroristen waren entweder als Kleinkriminelle aufgefallen, oder sie hatten Verbindungen zur organisierten Kriminalität, zum Beispiel als Drogendealer oder Waffenschmuggler. C., der sich im Gefängnis radikalisiert haben soll, hat eine lange kriminelle Vergangenheit. Ebenfalls ein Krimineller war Anis Amri, der Attentäter vom Weihnachtsmarkt in Berlin vor zwei Jahren.

«Die islamistischen Terroristen, mit denen wir es heute zu tun haben, kommen oft aus der kriminellen Szene», sagt Experte Neumann. Diese Gangster hätten sich zwar radikalisiert, seien aber eigentlich gar nicht so religiös interessiert. «Sie sehen den IS eher als eine Art Gang – mit dem Versprechen obendrauf, ins Paradies zu kommen.» Welche Verbindungen zwischen C. und dem IS bestehen, ist derzeit unklar.

Hinter diesem neueren Phänomen stehen offensichtlich verstärkte Bestrebungen von jihadistischen Führungspersonen, neue Mitglieder in der Kriminellenszene zu rekrutieren. In einem aktuellen Tätigkeitsbericht warnt der Geheimdienst von Belgien vor einer neuen Generation von sogenannten Gangster-Jihadisten. Für die Sicherheitsbehörden besteht die grosse Herausforderung darin, dass potenzielle Täter oft zwischen der kriminellen und der islamistischen Szene hin und her wechseln.

Weiteres Todesopfer nach Strassburg-Anschlag

Nach dem Anschlag auf den Strassburger Weihnachtsmarkt ist die Zahl der Todesopfer noch einmal gestiegen. Gemäss den französischen Behörden erlag eine weitere Person ihren schweren Verletzungen. Damit wurden bei dem Anschlag vom Dienstagabend drei Menschen getötet, ein weiteres Opfer ist hirntot. Zwölf weitere Menschen wurden nach Angaben der Präfektur in Strassburg verletzt, vier von ihnen schwer.

Eigentlich hätte der Attentäter C. vor dem Anschlag festgenommen werden sollen. Der am Dienstagmorgen knapp misslungene Polizeieinsatz stand im Zusammenhang mit einer versuchten Tötung bei einem Raubüberfall. Der Attentäter soll sich zu dem Zeitpunkt in der Wohnung befunden haben, konnte jedoch vor der Polizei flüchten. Die Ermittler fanden Waffen in der Wohnung des Verdächtigen: eine Granate, Munition und vier Messer. Beim Anschlag verwendete C. eine Faustfeuerwaffe und ein Messer.

Nach Angaben des französischen Innenministeriums war C. mit 13 Jahren das erste Mal verurteilt worden. Seit 2016 wird er von den französischen Anti-Terror-Behörden als Gefährder geführt, nachdem er sich im Gefängnis radikalisiert hatte. Trotz seiner Vorstrafen und seiner Radikalisierung war er nach Behördenangaben bislang nicht für Straftaten im Zusammenhang mit Terrorismus bekannt. Ein Nachbar von C. in Strassburg sagte der Nachrichtenagentur AFP, dieser sei «nicht tief im Islam» verhaftet und «unauffällig» gewesen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.12.2018, 15:53 Uhr

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