Hammond lässt es Winter werden

Die britischen Konservativen treffen sich in Manchester. Der Schatzkanzler warnt vor Labour und bleibt dabei in der Vergangenheit verhaftet. Boris Johnson scharrt einmal mehr mit den Hufen, Umweltminister Michael Gove lässt sein Talent aufblitzen.

Verstaatlichungen, Arbeitslosigkeit und Rekordinflation: Der britische Finanzminister Philip Hammond zeichnet ein Schreckensbild von der möglichen Zukunft seines Landes unter Labour.

Verstaatlichungen, Arbeitslosigkeit und Rekordinflation: Der britische Finanzminister Philip Hammond zeichnet ein Schreckensbild von der möglichen Zukunft seines Landes unter Labour. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was ein Jahr für einen Unterschied ausmachen kann: Zwölf Monate ist es her, dass Theresa May, die konservative britische Premierministerin, vor ihren Parteikollegen in Birmingham auftrat. Es war ein Triumph: May, die im Abstimmungskampf noch gegen den Brexit gewesen war, setzte sich über Nacht an die Spitze derer, welche die EU schon immer verlassen wollten. «Brexit» war ein Wort, das zumindest unter Tories Optimismus auslöste.

Davon ist nicht viel geblieben. Den Parteitag in Manchester, der am Sonntag begann, eröffnete die Premierministerin mit einer Entschuldigung an jene ihrer Parteikollegen, die bei den Parlamentswahlen vom Juni ihren Sitz im Unterhaus verloren haben. Seither ist Theresa May auf die Unterstützung nordirischer Unionisten angewiesen – und Labour-Chef Jeremy Corbyn von einer skurrilen Figur zu einem ernsthaften Anwärter auf das Amt des Premierministers geworden.

Der Brexit wiederum, der die Konservativen vor einem Jahr noch geeint hatte, ist unterdessen zu einem Quell der Zwietracht geworden. In Birmingham hatten sich die Tories in den Eroberungsmodus hineingeredet, vielleicht auch, um sich selber Mut zu machen. In Manchester dagegen versuchen sie vor allem, zu verteidigen.

Zurück in die Zukunft?

Das zeigte sich auch in der Rede, die Finanzminister Philip Hammond gestern Mittag hielt. Hilflosigkeit kam darin zum Ausdruck. Doch, doch, er wisse schon, dass es nicht genüge, Corbyns linkspopulistischen Kurs mit Geschichten aus den Siebzigerjahren zu kontern, in denen sozialistische Experimente das Land an den Rand des Ruins geführt hätten, sagte Hammond sinngemäss – um genau das zu tun: Von Verstaatlichungen, Arbeitslosigkeit und Rekordinflation erzählte er und vom «Winter of Discontent» 1978/79, in dem wegen Streiks sogar die Toten unbestattet blieben. Einen Moment lang konnte man meinen, Hammond selbst lasse es in der Kongresshalle Winter werden.

Was den Brexit betrifft, herrscht in der Regierungspartei etwas weniger Uneinigkeit als auch schon: Dass Grossbritannien nach dem Austritt aus der EU Ende März 2019 eine Übergangsperiode anstreben soll, scheint seit Mays Florentiner Rede vor anderthalb Wochen im Kabinett Konsens zu sein, doch über Details wird nach wie vor gestritten.

Aussenminister Boris Johnson, dem hartnäckig nachgesagt wird, May ablösen zu wollen, hatte sich einen Tag vor Beginn des Parteitags in der Sun zu Wort gemeldet und «rote Linien» skizziert: Die Übergangsperiode solle demnach zwei Jahre dauern und «keine Sekunde länger»; in dieser Zeit soll London keine neuen EU-Regelungen oder Urteile des Europäischen Gerichtshofs akzeptieren und danach auf keinen Fall weiter Geld nach Brüssel überweisen. Diese Position könnte Johnson früher oder später in Konflikt mit May bringen, die eine Antwort auf die Frage, ob sie ihren Aussenminister irgendwann einmal auch entlassen könnte, am Sonntag im BBC-Fernsehen bezeichnenderweise vermied.

Ein Seitenhieb auf die Brexiteers

Philip Hammond, der von Anfang an eine Übergangsperiode gefordert hatte, betonte in seiner Rede einmal mehr die Risiken des Brexit: Dieser sei eine der grössten Herausforderungen, die sich einer britischen Regierung in Friedenszeiten gestellt hätten, man solle die Schwierigkeiten nicht kleinreden. Letzteres konnte man kaum anders denn als Seitenhieb auf den harten Kern der EU-Gegner in der Partei verstehen. Einer von ihnen, Umweltminister Michael Gove, sprach am Nachmittag.

Der Unterschied zwischen Hammond und ihm hätte grösser kaum sein können: Wo der Schatzkanzler von Risiken sprach, die es zu minimieren gelte, redete der Umweltminister von Chancen. Dass er da sei, zeige, dass die Regierung es ernst meine mit Recycling, scherzte Gove: Nach dem Referendum hatte er zunächst Premierminister werden wollen und war dann für ein Jahr in der politischen Versenkung verschwunden. Nun schaffte er es, mit den Randthemen, die sein Ressort ihm aufzwingt, mehr Begeisterung im Publikum zu entfachen als Hammond mit Kernthemen.

Das Kleine gross machen

Wer Gove zuhörte, konnte meinen, er habe nie etwas anderes werden wollen als Umweltminister. Mit dem Brexit böten sich neue Chancen für den Umweltschutz, behauptete er; die gesetzliche Abschaffung des Dieselmotors im Jahr 2040 stellte er wie den Eintritt in ein Goldenes Zeitalter dar, und den Labour-Stadtrat von Sheffield schalt er für das Fällen irgendwelcher Bäume: Michael Gove ist ein Redner, der das Kleine gross zu machen vermag, das unterscheidet ihn von May und Hammond – und lässt erahnen, dass in Zukunft mit ihm zu rechnen ist.

Boris Johnson spricht heute Dienstag. Dann dürften die Delegierten ein erstes Mal den Atem anhalten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.10.2017, 09:20 Uhr

Artikel zum Thema

Massaker mit Ansage

Labour verliert in den britischen Lokalwahlen massiv, Theresa Mays Konservative Partei triumphiert. Sogar in Schottland legen die Tories deutlich zu. Mehr...

Grand Tour vor grauem Hintergrund

Analyse In ihrer Rede zum Brexit konzentriert sich Theresa May auf technokratische Aspekte. Die Kontinentaleuropäer scheint sie mit Visionären wie Jean-Claude Juncker allein lassen zu wollen. Mehr...

Das Spiel ihres Lebens

David Cameron und Boris Johnson – Britanniens Schicksal und das Duell zweier Männer. Wer verliert, dessen politische Laufbahn dürfte mit ebenso grosser Wahrscheinlichkeit an ihr Ende gelangt sein. Mehr...

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Schattenseiten des Fussballs

Mamablog Eine Frage der Haltung

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Der Boden ist Lava: Eine Frau schaut Kindern zu, wie sie auf beleuchteten Kreisen in einem Shoppincenter in Peking spielen. (22. Oktober 2017)
(Bild: AP Photo/Andy Wong) Mehr...