Kommentar

Im Reich des Aberglaubens

Dank neuen Technologien erleben Öl und Gas in Amerika eine Renaissance. Europa stellt sich taub. Ein Kommentar.

Es ist eine Revolution in Gang: Fracking in Mead im US-Bundesstaat Colorado.

Es ist eine Revolution in Gang: Fracking in Mead im US-Bundesstaat Colorado. Bild: Keystone

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Im Jahr 1666 war der kleine Rat von Basel zusammengetreten, um einen Antrag zu behandeln, der über den Wohlstand der Stadt in den kommenden zweihundert Jahren entscheiden sollte. Dieser Tragweite waren sich die hohen Herren nicht bewusst, ansonsten wären sie wohl nie zu einem Ergebnis gekommen. Man wog ab, man stritt, man fluchte und zögerte, man tat sich schwer: Sollte der kleine Rat Emanuel Hoffmann-Müllers Höllenmaschine nun in die Stadt lassen oder nicht? In einem Akt von schon damals weitverbreiteter Industriespionage hatte der Basler Kaufmann bei Nacht und Nebel einen neuartigen mechanischen Webstuhl aus Holland in seine Heimat geschmuggelt und wollte jetzt von der Regierung die Erlaubnis erhalten, die Maschine auch in Betrieb zu setzen.

Dass hier Diebstahl geistigen Eigentums vorlag, kümmerte die Basler Regierung nicht, Holland lag ja weit weg, was ihr aber Sorgen machte, waren die Posamenter, hoch angesehene, hoch spezialisierte Handwerker der heimischen Textilindustrie. Mit allen Mitteln wehrte sich deren Zunft gegen die Einführung dieses Webstuhls, weil die Handwerker zu Recht befürchteten, die neue Maschine würde ihre Arbeitsplätze vernichten. Posamenter stellten all jenen Schnickschnack her, mit dem man Kleider, Vorhänge oder Teppiche verzierte: Kordeln, Tressen, Zierknöpfe, Spitzen und Seidenbänder. Erst vor Kurzem aus Frankreich in Basel heimisch geworden, war dieser Zweig der Textilindustrie rasch aufgeblüht; das Einkommen zahlreicher Familien hing bereits davon ab. Ohne die Nöte dieser Leute zu berücksichtigen, konnte die Regierung nichts entscheiden.

Standortkampf

Nach Stunden der Debatte gewährte man Emanuel Hoffmann die Bewilligung. Denn die Räte standen unter dem Eindruck, dass das Wohl der ganzen Stadt litte, wenn nicht alle Möglichkeiten des ökonomischen Fortschrittes und der neuesten Technologien ausgeschöpft würden. Um den Politikern den Beschluss zu erleichtern, hatten sich die interessierten Unternehmer bereit erklärt, eine Sondersteuer auf ihre Gewinne an die Staatskasse abzuführen.

«Am Ende wurde der mechanische Webstuhl genehmigt», schreibt der britische Historiker Lionel Gossman, «weil der Rat die Gefahr als gross einschätzte, dass die gesamte Fabrikation aus der Stadt abziehen könnte, wenn man den Kaufleuten nicht entgegenkam – was ungleich schlimmer gewesen wäre als alles, was an Nachteilen den Posamentern drohte.»

Gossman, der diese Geschichte erzählt, hat ein wunderbares Buch über Basel zur Zeit Jacob Burckhardts verfasst (Basel in the Age of Burckhardt. A Study in Unseasonable Ideas, Chicago, London 2000).

Es waren mutige Männer (Frauen gehörten dem Rat nicht an), die den unrechtmässigen Webstuhl von Hoffmann-Müller legalisierten und bereit waren, den Protest und die Verzweiflung der Posamenter zu ertragen. Zur gleichen Zeit hatten Zürich, Genf, Frankfurt, Nürnberg und Augsburg ähnliche Maschinen verboten. Mit fatalen Folgen – die 1666 aber kaum jemand vorauszusehen vermochte.

Metropole des Seidenbands

Basel stieg binnen wenigen Jahren zu einem Zentrum der europäischen Seidenband-Industrie auf, das die französische Konkurrenz in Lyon und St-Etienne überflügelte, während manche deutschen Wettbewerber jämmerlich zurückfielen und verarmten. Besonders Augsburg und Nürnberg sollten sich bis ins 20. Jahrhundert nicht mehr erholen. Sie sackten ab in die wirtschaftliche Provinz. Zürich und Genf wandten sich mit Erfolg anderen Branchen zu.

Um den technischen Rückstand wettzumachen, stahlen in den 1770er-Jahren zwar auch die Franzosen einen modernen Webstuhl in Basel, doch alles Kopieren kam zu spät: In St-Etienne standen 1811 erst etwa hundert Webstühle, während in Basel 2500 betrieben wurden. Basels Vorsprung schien uneinholbar – und erst der dramatische Wechsel der Mode nach dem Ersten Weltkrieg, der die Nachfrage nach Seidenbändern einbrechen liess, zerstörte Basels damals wichtigste Exportindustrie für immer. Bis Ende des 19. Jahrhunderts blieb Basel die mit Abstand reichste Stadt der Schweiz.

Hoffmanns Nachfahren

Was hat diese Geschichte mit Fracking zu tun? Unter Fracking versteht man eine besondere Methode, nach Öl und Gas zu bohren. Mit Hochdruck wird dabei Wasser und Sand, vermischt mit allerlei Chemikalien, in dichte Gesteinsschichten gespritzt, um das darin verschlossene Öl und Gas herauszulösen. Die neuartige Technik erlaubt es, auch horizontal den wertvollen Rohstoff zu gewinnen – was die Ölvorkommen dieser Welt praktisch über Nacht vervielfacht hat. In Gegenden, die bisher kaum für Öl und Gas bekannt waren, haben die Geologen nun unvorstellbare Reserven entdeckt – auch in Europa, ja selbst in der Schweiz. Gingen manche Beobachter noch vor Kurzem davon aus, dass Öl und Gas bald versiegen würden, ist dieser Zeitpunkt heute in sehr ferne Zukunft gerückt.

Gefahren der Umweltverschmutzung treten auf, wenn das chemisch kontaminierte Wasser ins Grundwasser sickert, weswegen vor allem in Europa viele Grüne und Naturschützer das Fracking bekämpfen. Zum Teil mit spürbarer Wirkung: Frankreich hat ein Moratorium beschlossen, Deutschland zögert, die EU-Kommission möchte das Fracking am liebsten auf Dauer verbieten, während England und Polen, wo gigantische Gasfelder liegen, langsam, aber vorsichtig zum Abbau drängen.

Amerika im Glück

Vollkommen anders verhält sich dagegen die Neue Welt: In den letzten Jahren hat die amerikanische Ölindustrie eine erstaunliche Renaissance erlebt. Wo immer möglich, wird dank Fracking Öl und Gas in grossem Massstab abgebaut. Seit 2008 hat die Förderung von Öl um 25 Prozent zugenommen, bis 2020 wird sie nach Berechnungen der Internationalen Energie-Agentur um zusätzliche 30 Prozent wachsen. Nach wie vor importieren die USA zwar Öl, doch der Anteil der Einfuhr am Gesamtverbrauch sank von 60 Prozent im Jahr 2005 auf heute noch 42 Prozent und dürfte weiter abnehmen.

Wenn je eine Technologie die geopolitischen Gegebenheiten in so kurzer Zeit so fundamental umgewälzt hat, dann das Fracking: Dank dem Abbau von Schiefergas (Shale Gas) haben die USA bereits heute Russland als den grössten Gasproduzenten der Welt abgelöst und um 2020 werden sie gemäss Prognosen auch Saudiarabien als grössten Ölproduzenten des Planeten überholt haben. Nirgendwo wird dann mehr Öl und Gas produziert als in der westlichen Hemisphäre, da auch Mexiko, Kanada oder Brasilien an diesem unerwarteten Boom beteiligt sind.

Europa im Tiefschlaf

Es ist eine Revolution im Gang, deren Ausmass den wenigsten in Europa bewusst ist: Im vergangenen Jahrzehnt hat die Öl- und Gasindustrie in Amerika 1,7 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, und im Jahr 2012 brachte die boomende Branche dem Staat 62 Milliarden Dollar zusätzliche Steuereinnahmen ein, eine Summe, die 2020 auf 113 Milliarden steigen dürfte.

Angesichts dieser glücklichen Entwicklung hat selbst der amerikanische Präsident Barack Obama seine anfängliche Skepsis überwunden. Amerika setzt auf das Fracking. Tiefere Gas- und Ölpreise infolge dieser Blüte haben überdies die amerikanische Industrie insgesamt wettbewerbsfähiger gemacht – während Europas Unternehmen unter den laufend steigenden Energiepreisen einer ideologisch motivierten «Energie-Wende» ächzen. Die Europäer fallen zurück. Sie haben auf die Zünfte gehört.

Deutsches Geheimnis

Ohne Zweifel, Fracking birgt ökologische Risiken, doch solche sind immer vorhanden, wenn Energie produziert oder deren Quellen erschlossen werden. Ob Kohleminen, Atomkraftwerke, Staudämme oder Wasserkraftwerke, ob Strom oder Holz, ob Windräder oder die Herstellung von Solarpanels: mit unerwünschten ökologischen Nebenwirkungen ist zu rechnen – und Unfälle geschehen, wo fahrlässig oder kriminell vorgegangen wird. Nach Meinung selbst der amerikanischen Umweltbehörden aber sind die Gefahren des Frackings kontrollierbar, zumal – und das verschweigen die meisten Kritiker – Fracking als Methode viel älter ist. Seit dem Zweiten Weltkrieg nutzt diese Methode nicht nur die Ölindustrie, sondern etwa auch der Kohlebergbau. Von schwerwiegenden Verseuchungen ist nichts bekannt geworden.

Was die Revolution in der Öl- und Gasförderung in der jüngsten Vergangenheit ausgelöst hat, ist nicht das Fracking an sich, sondern die Tatsache, dass es den Ingenieuren gelang, das Fracking mit dem horizontalen Bohren zu verbinden. Weil Gas, wenn es verbrannt wird, weniger CO2 ausstösst als Kohle, haben sich im Übrigen die CO2-­Emissionen der USA vermindert – seit 2007 gingen sie um 13 Prozent zurück, weil Gas zunehmend die Kohle bei der Stromproduktion ersetzt. In Deutschland beobachten wir seit dem Atomausstieg die umgekehrte Entwicklung: Kohle erlebt eine schmutzige Wiedergeburt in Kohlekraftwerken. Warum das ein ökologischer Fortschritt bedeuten soll, bleibt ein deutsches Geheimnis.

Untergang oder Wohlstand: Welchen Weg wählt Europa? Und was hat Emanuel Hoffmann-Müllers Webstuhl damit zu tun? (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.05.2014, 08:02 Uhr

BaZ-Chefredaktor Markus Somm.

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