«Indifferenz» als Wort für «Feigheit»

Indifferenz und Nächstenliebe sind schlechte Ratgeber, denn die Terroristen erwarten, dass sich die offene Gesellschaft nicht wehrt.

Auch Terroristen haben Angst, vor allem jene, die Mordaufträge erteilen, selbst aber nicht sterben wollen.

Auch Terroristen haben Angst, vor allem jene, die Mordaufträge erteilen, selbst aber nicht sterben wollen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der islamistische Terror ist die Geissel des 21. Jahrhunderts. Er schlägt blind zu, tötet wahllos, weil es ihm um nichts anderes als um die Zerstörung der offenen Gesellschaft geht. Die RAF tötete Vertreter der Staatsmacht, der islamistische Terror aber hat es nur noch auf die Zerstörung der westlichen Lebensweise abgesehen. Seine Vollstrecker wollen die Bürger in den offenen Gesellschaften nicht für sich gewinnen. Sie wollen sie in Schrecken versetzen und ihnen ihre Fähigkeit demon­strieren, jederzeit und an jedem Ort zuzuschlagen.

Als vor zwei Wochen in Nizza 84 Menschen von einem Terroristen getötet wurden, meldeten sich auch in Deutschland die Beschwichtiger und Sozialpädagogen zu Wort. Man könne gegen den Terror überhaupt nichts ausrichten, man müsse lernen, mit ihm zu leben, erklärten sie. Manche Experten empfahlen «mürrische Indifferenz» und Gleichgültigkeit als angemessene Haltungen. Politiker forderten, der Islamunterricht an den Schulen müsse aufgewertet, das freundliche Gesicht noch freundlicher werden. Mit dem Islam, auf den sich die Terroristen beriefen, habe der Terrorismus nichts zu tun. Wie stets, wenn Gewalt aufscheint, erklären uns die Therapeuten, zum Täter werde nur, wem noch nicht ausreichend zugeredet worden sei.

Wir befinden uns im Krieg. Wie aber soll man einen Krieg beenden, wenn man nicht kämpfen will? Wie soll man in einen Dialog mit Menschen treten, die gar keine Forderungen erheben, die uns nicht überzeugen und für sich gewinnen, sondern uns und unsere Lebensweise vernichten wollen? Indifferenz und Nächstenliebe sind schlechte Ratgeber, denn die Terroristen erwarten, dass sich die offene Gesellschaft nicht wehrt. Sie halten uns für feige und verweichlicht, und sie führen uns unsere Feigheit Tag für Tag vor Augen. Die Indifferenz ist keine Antwort. Sie verschiebt nur den moralischen Referenzrahmen. Man wendet sich von den Bildern der Toten ab, weil man davon schon genug gesehen hat, und man gewöhnt sich an die eigene Verletzlichkeit. Und am Ende überlässt man den Terroristen die Hoheit über den Ausnahmezustand.

Terroristen töten, weil sie ein Umfeld brauchen, aus dem sie Täter rekrutieren und Anhänger ­mobilisieren können. Ein Anschlag in Polen wäre für sie von geringem Wert, weil dort keine Muslime leben, die sie für ihre Zwecke benutzen könnten. So gesehen ist das Argument, das alles habe mit dem Islam nichts zu tun, Unfug. Natürlich ist der Islam kein Tötungswerkzeug, aber die Täter und ihre Claqueure in den Ländern des Westens nutzen ihn als Begründungsressource für ihre Verbrechen. Einmal in ihrem Leben können Kriminelle Aufmerksamkeit erzielen, indem sie das Töten in den Dienst der Religion stellen.

Auch Terroristen haben Angst, vor allem jene, die Mordaufträge erteilen, selbst aber nicht sterben wollen. Warum sollte man nicht auch sie in Furcht versetzen, wie es die israelischen Sicherheitsorgane seit Jahren mit Erfolg tun? Die Sicherheitsorgane können Terroristen von ihrem Umfeld trennen. Sie können religiöse Fanatiker des Landes verweisen und Moscheen schliessen, in denen sich Extremisten aufrüsten. Hassprediger können bestraft, Grenzen kontrolliert und illegale Einwanderer abgewiesen oder abgeschoben werden. Denn wie soll die Polizei Terroristen auf die Spur kommen, wenn sie nicht einmal weiss, wer in ihr Land kommt? Der liberale Verfassungsstaat ist nicht wehrlos. Auch er kann seine Entschlossenheit demonstrieren, die Freiheit und Sicherheit seiner Bürger zu verteidigen. Indifferenz ist nur ein anderes Wort für Feigheit. Wer keine andere Sprache als die Gewalt versteht, soll sie auch zu spüren bekommen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.08.2016, 11:58 Uhr

Artikel zum Thema

Vom Terror der Gefühle

In der Emotionalisierung des öffentlichen Raums löst sich die bürgerliche Demokratie immer mehr auf. «Emotional» und «authentisch» sind die entscheidenden Adjektive, wobei Letzteres als Synonym für «glaubwürdig» gilt. Mehr...

Terror ist billig zu haben

Die Mehrheit der Anschläge hat in den vergangenen Jahren weniger als 10'000 Dollar gekostet. Das Fehlen grosser Finanztransaktionen erschwert die Arbeit der Ermittler. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nichts für schwache Arme: Chinesische Arbeiter formen ein Tonfass in einer Porzellanfabrik in Jingdezhen (23. September 2017).
Mehr...