Jacques Chirac droht über die eigene Grosszügigkeit zu stolpern

Ob Chirac wegen der Vergabe von Scheinjobs verurteilt wird, ist beim ersten Prozess gegen einen Altpräsidenten gar nicht so wichtig. Viel mehr interessiert die Franzosen, wie der 78-Jährige das Verfahren übersteht.

Erfreut sich beim französischen Volk noch immer grosser Beliebtheit: Jacques Chirac.

Erfreut sich beim französischen Volk noch immer grosser Beliebtheit: Jacques Chirac. Bild: Keystone

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Der Prozess hatte die Spekulationen um den Gesundheitszustand von Jaques Chirac angeheizt. «Mit 78 Jahren ist er nicht mehr genau der, der er einmal war», räumte Bernadette Chirac bereits im Januar ein. Ihr Mann, der 2005 einen leichten Schlaganfall erlitten hatte, habe manchmal Probleme beim Gehen und höre schlecht.

Auch Gedächtnisstörungen träten hin und wieder auf. An Alzheimer leide er allerdings nicht, dementierte sie Gerüchte. Doch die Frage, wie er den auf einen Monat angesetzten Prozess durchstehe, könnte sich erübrigen: Die Verteidigung eines Mitangeklagten beantragte bereits eine Vertagung des Verfahrens. Chirac, der zuletzt müde und gebrechlich wirkte, muss also vielleicht gar nicht vor Gericht aussagen.

Scheinstellen werden ihm zum Verhängnis

In dem Prozess geht es um knapp dreissig Scheinstellen im Pariser Rathaus, die Chirac als Bürgermeister der französischen Hauptstadt Anfang der 90er Jahre geschaffen haben soll. Einige der «Mitarbeiter», die von der Stadtverwaltung bezahlt wurden, sollen im Namen der Chirac-Partei RPR bereits Wahlkampf für den späteren Präsidenten betrieben haben. Und der konservative Vollblutpolitiker, der von seinen Anhängern als «grosszügig» und «aufmerksam gegenüber anderen» beschrieben wird, kümmerte sich auf Kosten der Stadt auch um Freunde und alte Weggefährten.

So beschaffte er François Debré, dem Sohn des früheren Regierungschefs Michel Debré, einen solchen Job. Der lange Zeit drogenabhängige Journalist habe «eine zweite Chance» verdient gehabt, erklärte Chirac, der sich keiner Schuld bewusst ist. Die Stellen seien «nützlich für die Stadt Paris» gewesen, beteuerte der Angeklagte. Mit der Stadtverwaltung einigte er sich dennoch auf eine Entschädigung von 2,2 Millionen Euro, von der er selbst rund eine halbe Million übernahm. Die Stadt zog daraufhin ihre Klage zurück; anhängig ist nun aber noch eine Klage eines Bündnisses gegen Korruption, das als Nebenkläger auftritt.

Unrühmliches Ende einer 40-jährigen Karriere

Auch wenn das Verfahren vertagt werden sollte, ist es das unrühmliche Ende einer mehr als 40 Jahre währenden politischen Karriere, die 1967 mit Chiracs Wahl in die Nationalversammlung begann. Es folgten Ministerposten, zweimal das Amt des Regierungschefs, die 18 Jahre an der Spitze der Pariser Stadtverwaltung (1977 bis 1995) und direkt im Anschluss daran zweimal das Präsidentenamt. In seine Zeit als Staatschef fällt der Irak-Krieg, dem Frankreich sich verweigerte. Innenpolitisch bleibt Chiracs mutige Rede in Erinnerung, in der er 1995 erstmals die Mitverantwortung Frankreichs am Holocaust einräumte.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt 2007 gründet der Pariser Bankierssohn, der seit mehr als 50 Jahren mit Bernadette Chirac verheiratet ist und zwei Töchter hat, eine Stiftung. Zweimal pro Woche sitzt er vormittags an der Fortsetzung seiner Memoiren über die Zeit im Elyséepalast, die im Mai oder Juni erscheinen sollen.

Das Bad in der Menge liebt Frankreichs noch immer beliebtester Politiker heute genauso wie damals als Präsident. Erst Ende Februar besuchte er wie üblich seine Lieblingsveranstaltung, die Landwirtschaftsmesse. Doch das Wort ergreift der ehemalige Staatschef, der sich beim Gehen mittlerweile meist auf einen Mitarbeiter stützt, nur noch selten. «Er ist so in Form wie alle Leute meines Alters», sagte sein Anwalt Georges Kiejman am Montag, der ebenfalls 78 Jahre alt ist. (pbe/AFP)

Erstellt: 07.03.2011, 23:26 Uhr

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