Kommentar

Krieg und Frieden, Selbst­zweifel und Selbsthass

Seit dem Ersten Weltkrieg kränkeln wir. Nach dem Zweiten sind wir vollends zu Patienten chronifizierter Leiden geworden. Warum lässt uns die «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts» nicht los? Gedanken zu einem glänzenden Vortrag.

Ein Bild der vollständigen Zerstörung: Der Château-Wald bei Ypern in Westflandern bestand 1917 nach den intensiven Artillerie-Bombardements nur noch aus Baumstümpfen.

Ein Bild der vollständigen Zerstörung: Der Château-Wald bei Ypern in Westflandern bestand 1917 nach den intensiven Artillerie-Bombardements nur noch aus Baumstümpfen.

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Am Donnerstagabend sprach der australische Historiker Christopher Clark, inzwischen ein Star seines Fachs, in der Aula der Universität Zürich über die Gründe, warum der Erste Weltkrieg ausgebrochen war. Das renommierte Schweizerische Institut für Auslandforschung hatte ihn einge­laden. Wer zu spät kam, blieb vor der Tür stehen: Selten habe ich die Aula, in der einst der britische Staatsmann Winston Churchill die Einigung Europas gefordert hatte (1946), selten habe ich diesen wunderschönen, eleganten Raum so brechend voll erlebt mit Menschen, auf deren Gesichtern sich eine Erwartung spiegelte, wie man sie sonst nur kennt von Kindern vor dem Weihnachtsbaum oder vor dem Bildschirm, wenn die neueste Folge von Ice Age oder Harry Potter auf dem Programm steht: Was wird uns Clark erzählen?

Sein jüngstes Buch über den Weltkrieg «Die Schlafwandler» führt seit Monaten die Bestsellerlisten dieser Welt an. Clark, der ein exzellentes Deutsch spricht, lehrt an der Universität Cambridge in England. Tout Zürich war hier, Regierungsräte, Professoren, Bankiers, Diplomaten im Ruhestand und Wirtschaftsführer. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass Geschichte nach wie vor ein Fach ist, das breiteste Kreise anzieht; wenn man sich vor Augen hätten führen wollen, dass der Erste Weltkrieg, jene «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts», wie der amerikanische Diplomat George Kennan sich einmal ausdrückte, dass dieser furchtbare Krieg uns auch hundert Jahre danach nicht zur Ruhe kommen lässt: Hier in Zürich konnte man es geradezu physisch erfassen.

Unter Betroffenen

Auch nachher beim Abendessen, wo ich neben dem österreichischen Botschafter und einem deutschen Bankier und Publizisten zu sitzen kam, beherrschten jene düsteren Tage im strahlend ­hellen Sommer 1914, als Europa in den Krieg glitt, das Gespräch. Herren und Damen, die sich sonst mit den aktuellsten Aktienkursen oder dem Krisenmanagement der EU befassen, diskutierten auf einmal die Motive des russischen Zaren, die Paranoia des deutschen Kaisers oder die Ruchlosigkeit ein paar junger Idealisten und Terroristen aus Serbien.

Als ob der Gewinn der eigenen Firma gefährdet wäre oder das Wohl der eigenen Kinder: Man zerbrach sich den Kopf, widersprach heftig, fiel einander ins Wort, wenn auch höflich. Es vibrierte die Debatte. Weil ich mich neben den Nachfahren einstiger Kriegsverbündeter wiederfand (Österreich-Ungarn und Deutschland) und weil Clark selber in seinem brillanten Referat darauf zu sprechen gekommen war, befassten wir uns natürlich auch mit der Schuldfrage.

Wer hat den Krieg ausgelöst? Und obwohl der österreichische Diplomat und der deutsche Bankier behaupteten, diese Frage sei nicht zu klären und vor allem liesse sie, die Nachgeborenen, eine solche Evaluation kalt, widerlegten sie sich gleich selber, indem sie das mit einer Hitzigkeit verneinten, dass alle Anwesenden spürten, wie unvergangen diese Vergangenheit bleibt. Man sass neben Hochtemperatur-Reaktoren.

Der Untergang des Abendlandes

Denn machen wir uns nichts vor: Wir Europäer, selbst wir Schweizer, kommen von diesem Krieg nicht los, weil er letztlich den Niedergang unseres Kontinents besiegelte. Wenn wir heute in der Welt unterwegs sind, dann sehen wir zwar überall die Hinterlassenschaft jener Epoche, als das kleine Europa den Globus dominierte. Wir betrachten, vielleicht mit etwas politisch unkorrekter Wehmut die stattlichen Gebäude aus der Kolonialzeit, wir fahren mit der Eisenbahn, die einst deutsche oder britische Ingenieure so perfekt angelegt haben, wir essen in indischen Restaurants in Afrika, die es nur dorthin verschlagen hat, weil fast alles zum British Empire gehörte. Personenfreizügigkeit avant la lettre.

Hin und wieder beschleichen uns die gleichen Gefühle, die aufkommen, wenn wir durch die Ruinen Roms schlendern: Gewiss, ein brutales Reich hatten die Römer errichtet, eine Sklavenwirtschaft sondergleichen, ein Militärstaat ohne Ende – und doch blicken wir mit etwas Nostalgie auf das Forum Romanum und das Kolosseum. Monumente des Triumphs, Denkmäler der Vergänglichkeit.

Aber es ist bestimmt nicht der überwundene Imperialismus, dessen Zerfall mit dem Ersten Weltkrieg einsetzte, den wir vermissen – niemand in Europa, der bei Sinnen ist, will ihn zurück: Was den Europäern aber fehlt und jene Epoche auszeichnete, ist diese gediegene Zuversicht, wie sie vor dem Ersten Weltkrieg auf unserem Kontinent so verbreitet war. Es mangelt uns an jenem schier unerschütterlichen Selbst­bewusstsein, mit dem die Europäer die Welt betrachteten, bereisten, erforschten, verbesserten und zivilisierten. Optimismus. Yes, we can. Dem Tüchtigen gehört die Welt.

Immer die vermeintlich missratene Geschichte entschuldigen

Seit dem Ersten Weltkrieg kränkeln wir. Nach dem Zweiten, der sich aus dem Ersten fast zwangsläufig ergab, sind wir vollends zu Patienten chronifizierter Leiden geworden. Selbst­zweifel, Selbsthass auf den Westen, Skepsis gegen Wissenschaft und Technologie, Angst vor jedem Konflikt, Angst vor jedem starken Auftritt, der auch militärische Gewalt nach sich ziehen könnte: Von den Herren der Welt, was wir Europäer fast gut dreihundert Jahre lang gewesen sind, ist nichts mehr übrig geblieben ausser der permanenten Bereitschaft, sich für die vermeintlich missratene Geschichte zu entschuldigen. Wenig mutig distanziert man sich von den eigenen Vorfahren, denen man Wohlstand und Freiheit verdankt.

Auch die EU ist letztlich, wer die Geschichte der europäischen Einigung kennt, eine Spätfolge des Ersten Weltkriegs. Unter dem Eindruck der engen Zusammenarbeit zwischen Briten und Franzosen von 1914 bis 1918 und angesichts der Verheerungen dieses Weltenbrands kam Jean Monnet, einer der Väter der EU, schon in den 20er-Jahren zum Schluss, nur eine europäische Gemeinschaft könnte die vermeintlichen Ursachen der Katastrophe ausmerzen: Nationalismus und der Wettbewerb unter den Staaten. Ich halte dies zum Teil für eine Fehldiagnose – und vielleicht liegt gerade darin eine der Gefahren unserer Zeit. Dass wir Antworten geben auf Fragen, die sich 1914 stellten, aber nicht 2014. Muss man heute noch darauf achten, dass sich Deutschland und Frankreich nie mehr ums Elsass streiten?

Schuld und Sühne

Christopher Clark, der unglaublich faktensichere Historiker, gab sich am Schluss seiner Rede fast etwas zu agnostisch für meinen Geschmack. Wer ist nun also für den Krieg verantwortlich? Niemand oder alle? Er lehnte es ab, von Schuld zu sprechen, und bestritt, dass diese Suche nach Verantwortlichen überhaupt relevant oder produktiv sei für die Analyse. Wer aber sein Buch liest, dem fällt auf, dass Clark sich hier nicht an dieses Rezept hielt: Selbstverständlich versucht er Verantwortlichkeiten festzulegen. Wenn man wie er am Ende der Untersuchung zum Schluss kommt, dass die Deutschen nicht allein den Krieg ausgelöst haben, sondern sowohl Russen, als auch Serben oder Franzosen einen wichtigen Anteil daran hatten, ja selbst die Engländer, heisst das nicht, dass niemand Schuld trägt. In der Nacht sind alle Katzen grau.

Im Übrigen ist dieser Befund der multipolaren Schuld nichts Neues für einen angelsächsischen Autor: Schon kurz nach dem Kriegsende im Jahr 1918 setzte sich in England unter vielen Politikern, Journalisten oder Historikern dieser Konsens durch: Am Ende waren alle schuld, sagten sich die Briten, und es war eine Haltung, die viel mit ihrer Meinung vom Festland zu tun hatte. Diesen Europäern auf dem Kontinent ist ohnehin alles zuzutrauen. Ob Franzose oder Deutscher: Keiner ist besser. Ein Eindruck, den man bis heute auf der Insel pflegt.

Was wäre, wenn?

Dabei ist vielleicht gerade der Entscheid der Engländer, sich am Krieg zu beteiligen, eine der zentralen Ursachen dafür, dass dieser Krieg dermassen eskalierte und vor allem so lange dauerte. Wäre England nicht in den Krieg eingetreten, wäre das Ringen womöglich sehr rasch zu Ende gewesen. Deutschland hätte wohl gewonnen. Angesichts der Ereignisse, die sich dort nach 1918 abspielten, angesichts des Aufstiegs Hitlers, der nur wegen der deutschen Niederlage denkbar war, kann man sich fragen, ob es für die Menschheit und besonders für Europa nicht besser gewesen wäre, der Kaiser hätte 1916 den Krieg gewonnen?

Was Clark so glänzend klarmachte: Die Zukunft war auch in der Vergangenheit immer offen. Genauso wie wir nicht wissen, was in der Ukraine in zwei Jahren geschieht, war es den Zeitgenossen im Juli 1914 unklar, ob sie im Begriff waren, einen Weltkrieg herbeizuführen oder verlängerte, etwas intensivere Manöver mit ein paar Toten. Es hatte etwas Feierliches und es hatte etwas Ergreifendes, wie so viele in der Aula dem Historiker zuhörten – in der Hoffnung, eine dunkle Vergangenheit zu verstehen; in der Hoffnung vielleicht auch, diese, weil man sie nun kennt, nicht mehr von Neuem erleben zu müssen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.05.2014, 10:23 Uhr

BaZ-Chefredaktor Markus Somm.

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