London entzieht gefangener Jihadistin Staatsbürgerschaft

Eine junge Britin, die sich dem IS angeschlossen hatte, darf nicht nach Grossbritannien zurückkehren. Sie findet das ungerecht.

In Flüchtlings- und Gefangenenlagern in Syrien und im Irak leben viele Hundert IS-Kämpfer aus Europa – plus Familien. Bild: AFP

In Flüchtlings- und Gefangenenlagern in Syrien und im Irak leben viele Hundert IS-Kämpfer aus Europa – plus Familien. Bild: AFP

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Die junge Mutter zeigt sich bestürzt: Zu lesen, dass das britische Innenministerium ihr die Staatsbürgerschaft aberkenne, sei «herzzerreissend», sagt Shamima Begum. «Ich finde, das ist ein wenig ungerecht mir und meinem Sohn gegenüber.» Diesen Sohn, Jerah, gebar die 19-Jährige am Wochenende – in einem syrischen Flüchtlingslager.

Dabei wuchs Begum in London auf. Aber vor vier Jahren reiste sie mit zwei Schulfreundinnen nach Syrien, um sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschliessen. Vergangene Woche gelang es der britischen Zeitung «The Times», Begum im Lager zu finden. Die Frau bat darum, in ihre Heimat Grossbritannien rückkehren zu dürfen. Das will der konservative Innenminister Sajid Javid allerdings verhindern. Deswegen entzog er ihr die Staatsbürgerschaft.

In Flüchtlings- und Gefangenenlagern in Syrien und im Irak leben viele Hundert IS-Kämpfer aus Europa – plus Familien. Die Zahl wird noch steigen, denn das selbst ernannte Kalifat steht vor dem Ende. Über die Zukunft der Gestrandeten müssen die Regierungen ihrer Heimatstaaten entscheiden. US-Präsident Donald Trump fordert, dass diese ihre Bürger zurücknehmen, doch ­viele Länder zögern, zumal oft unklar ist, wie die Justiz mit den IS-Anhängern umgehen soll. In Grossbritannien hat nun der Fall der jungen Shamima Begum eine Debatte über den richtigen Umgang mit IS-Veteranen ausgelöst.

Galt als vernünftig und talentiert: Shamima Begum. Screenshot: BBC

Nach internationalem Recht dürfen Regierungen Bürger nicht staatenlos machen. Zwar kann der britische Innenminister laut Gesetz die Staatsbürgerschaft entziehen, wenn jemand mit seinem Verhalten «den lebenswichtigen Interessen» des Königreichs geschadet hat – aber Voraussetzung ist eben, dass die Person noch den Pass eines anderen Landes besitzt oder diesen zumindest beantragen kann.

Shamima Begum ist Tochter bangladeshischer Einwanderer, doch nach Angaben des Aussenministeriums von Bangladesh hat sie nie die Staatsbürgerschaft dieses Landes beantragt. Daher werde sie auch nicht einreisen dürfen, teilt das Ministerium mit.

«Ich weiss nicht, wieso mein Fall anders sein soll.»

Innenminister Javid, der als möglicher Nachfolger von Regierungschefin Theresa May gilt, sagt, dass Begums Sohn Jerah Brite sei, da die Geburt kurz vor der Aberkennung der Staatsbürgerschaft seiner Mutter erfolgt ist. Shamima Begum soll allerdings trotzdem nicht das Königreich betreten dürfen.

Der britische Fernsehsender ITV interviewte Begum nach der Entscheidung des Innenministers. Beim Gespräch sitzt die 19-Jährige im schwarzen Überkleid auf einem Sessel, im Arm hält sie das Neugeborene. Begum beklagt, dass andere Briten, die zum IS gereist waren, ins Königreich zurückkehren durften: «Ich weiss nicht, wieso mein Fall anders sein soll.» Sie kündigt an, eventuell die niederländische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Begum hat 2015, kurz nach ihrer Ankunft im sogenannten Kalifat, den niederländischen IS-Kämpfer Yago Riedijk geheiratet.

Gute Schule besucht

Ein niederländisches Gericht verurteilte den Mann aus Arnheim in Abwesenheit wegen ­Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe. Der 27-jährige Konvertit ergab sich den heranrückenden Truppen und sitzt jetzt in einem anderen Lager in Syrien ein. Die Hochzeit ist in Grossbritannien nicht gültig, da Begum noch keine 16 Jahre alt war. Das Paar ­bekam drei Kinder, doch zwei starben noch als Babys an Krankheiten und Unterernährung.

Begum stammt aus Bethnal Green im Osten Londons, einem armen Stadtteil, in dem viele Einwanderer aus Bangladesh leben. Sie und ihre zwei mitreisenden Freundinnen gingen auf die ­Bethnal Green Academy, eine Schule, die bei staatlichen Kontrollen hervorragend abschnitt. Begum wurde als «vernünftig» und «talentiert» beschrieben. Bereits Ende 2014 reiste eine Freundin des Trios nach Syrien. Die Polizei befragte die drei Mädchen in der Schule, versäumte es aber, die Eltern zu warnen, dass sich eine Vertraute ihrer Töchter der IS-Miliz angeschlossen hat.

«Hier und da mal Bomben und so Sachen»

Die Mädchen wollten ihrer Freundin folgen. Um Geld für die Flugtickets nach Istanbul und für die Schleuser nach Syrien aufzutreiben, stahlen und verkauften sie Familienschmuck. Sie wurden in die syrische Stadt Raqqa gebracht, die Hochburg der IS-Miliz. Dort heirateten sie Kämpfer. Begum gab als Wunsch an, dass der ihr zugeteilte Mann zwischen 20 und 25 Jahre alt sein und Englisch sprechen soll.

Eine der drei jungen Frauen wurde vermutlich 2016 bei Luftangriffen getötet. Begum floh vor drei Wochen vor heranrückenden Truppen. In einem Interview mit der «Times» beschreibt sie den Alltag in Raqqa mit verstörender Abgebrühtheit. Sie sagt, es sei «ein normales Leben», auch wenn es «hier und da mal Bomben und so Sachen» gebe. Sie schildert, wie sie auf der Strasse einen abgehackten Kopf in einem Mülleimer sieht – und «das hat mich in keiner Weise beunruhigt». Schliesslich sei das der Kopf eines Mannes gewesen, der gegen den IS gekämpft habe.

Allerdings wirkt sie zugleich desillusioniert. Sie wirft dem IS vor, andere Muslime zu töten und zu unterdrücken und korrupt zu sein. «Ich habe Angst», sagt sie. «Ich bin so durcheinander. Ich bin wirklich naiv.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.02.2019, 20:09 Uhr

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