Mafia-Romantik, Mafia-Hölle

Die TV-Serie «Gomorrha» begeistert. Macht sie Mafiosi zu Popstars? «Gomorrha»-Autor Roberto Saviano widerspricht.

Familienkitsch in einer gnadenlosen Welt: Der «Gomorrha»-Mafioso Ciro di Marzio (Marco D'Amore) – hier mit Frau und Tochter – ist ein Handwerker des Todes. (Bild: Sky / Beta Film)

Familienkitsch in einer gnadenlosen Welt: Der «Gomorrha»-Mafioso Ciro di Marzio (Marco D'Amore) – hier mit Frau und Tochter – ist ein Handwerker des Todes. (Bild: Sky / Beta Film)

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Die italienische Fernsehproduktion «Gomorrha» erzählt die Geschichte der Mafia-Familie Savastano. Don Pietro Savastano (Fortunato Cerlino) ist der Boss eines der mächtigsten Clans der Camorra in Neapel. Im hart umkämpften Drogenhandel gibt es laufend Probleme, die gelöst werden müssen. Dies bedeutet in der Regel, dass Menschen sterben müssen. Manchmal sind es Mitglieder rivalisierender Mafia-Clans, manchmal auch nigerianische Crackdealer, die im falschen Moment am falschen Ort sind. Don Pietro kann sich stets auf Ciro di Marzio (Marco D'Amore) verlassen. Ciro, auch «der Unsterbliche» genannt, ist ein perfekter Handwerker des Todes. Sorgen macht dem Boss sein Sohn Genny, ein dicklicher Taugenichts, der immerhin menschliche Regungen zeigt.

Im Laufe der Serie entwickelt sich aber auch Genny zu einem Mafioso, der Konkurrenten gnadenlos aus dem Weg räumt. Genny hat auch keine andere Wahl, nachdem sein Vater im Gefängnis gelandet ist und Ciro zunehmend die Macht an sich reisst, indem er unter anderem die Mutter von Genny, auch sie eine skrupellose Mafiosa, ermorden lässt und sich mit einem Erzrivalen zusammentut.

Trailer zur ersten Staffel von «Gomorrha». (Quelle: Sky Atlantic / Youtube)

Am Ende der ersten Staffel von «Gomorrha» sind Genny und Ciro Todfeinde, gleichzeitig wird Don Pietro von einem Camorra-Kommando aus der Haft befreit. Der Kampf um Macht und Geld geht in eine neue Runde. Das ist die Ausgangslage für die zweite Staffel von «Gomorrha», die seit dieser Woche im deutschen Pay-TV-Sender Sky Atlantic läuft. Schon die erste Staffel hatte Sky Atlantic gezeigt. Im deutschsprachigen Raum war es der Kultursender Arte, der «Gomorrha» erstmals im Free TV ausstrahlte. Zuletzt war «Gomorrha» auch im Spätprogramm des Schweizer Fernsehens zu sehen.

«Gomorrha» ist Fiktion. Die TV-Serie liefert aber realistische Einblicke in das brutale Geschäft der Camorra. Wie schon der gleichnamige Kinofilm aus dem Jahr 2008 basiert die italienische TV-Produktion auf den Recherchen des Journalisten Roberto Saviano. Der neapolitanische Journalist hatte jahrelang im Camorra-Milieu recherchiert. Sein Buch «Gomorrha», vor zehn Jahren erschienen, brachte Saviano zwar Weltruhm, aber auch ein gefährliches Leben unter ständigem Polizeischutz.

Mafiöses Protzen im Problemviertel: Stretchlimousine in der heruntergekommenen Hochhaussiedlung Vela di Scampia in Neapel, Szene aus «Gomorrha». (Bild: Sky / Beta Film)

Wie das Buch und der Kinofilm ist auch die TV-Serie ein grosser Erfolg geworden. «Gomorrha – die Serie» wurde schon in über 130 Länder verkauft, sie begeistert Publikum und Kritik. Die TV-Serie überzeugt mit präzise gezeichneten Charakteren und grandiosen Bildern, unter anderem aus der heruntergekommenen Hochhaussiedlung Vela di Scampia in Neapel, einer Brutstätte des Camorra-Nachwuchses. Dazu kommen spannend erzählte Episoden und realistische Szenerien, inklusive Mordorgien, die die Grenze des Erträglichen ritzen und überschreiten.

Die brutale Authentizität von «Gomorrha» lässt zwar kaum Platz für Mafia-Romantik. Trotzdem liefert auch «Gomorrha» – wie einst «Der Pate» oder andere Mafia-Klassiker – Elemente für die Populärkultur, gerade in den Grauzonen der Gesellschaft, wo die Camorra ihren Nachwuchs rekrutiert. Es ist ein auffallendes Phänomen: Jugendliche und junge Männer tragen Glatze wie Ciro di Marzio, oder sie sprechen wie Genny Savastano. Der Lifestyle der Mafiosi von «Gomorrha» hinterlässt Spuren, nicht zuletzt in der mafiösen Jugendkultur. Manchmal passieren in Neapel Verbrechen, als wären diese aus der TV-Serie «Gomorrha» kopiert worden. Dabei verhält es sich genau andersherum. Es ist bestimmt keine Absicht der TV-Macher: Aber «Gomorrha» nährt die Faszination am Bösen. Und das macht den Kampf gegen die Camorra nicht einfacher.

Trailer zur zweiten «Gomorrha»-Staffel, seit dieser Woche im deutschsprachigen Pay-TV-Sender Sky Atlantic zu sehen. (Quelle: Sky Atlantic / Youtube)

Die TV-Serie «Gomorrha» stösst darum auch auf Kritik. «Gomorrha» verherrliche geradezu das Hässliche, kritisierte zum Beispiel Neapels Bürgermeister Luigi de Magistris. In der Region Kampanien stört man sich am negativen Image wegen der Camorra. Auch Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi äusserte die Ansicht, dass man im Zusammenhang mit Neapel den Blick mehr auf das Positive lenken müsse. In «Gomorrha» gibt es nur die Camorra, Staat und Recht sind praktisch inexistent.

Eine Frage steht im Zentrum der Kontroverse um die TV-Serie: Führt der Grosserfolg von «Gomorrha» dazu, dass die Mafia respektive die Camorra verherrlicht werden? «Gomorrha»-Autor Roberto Saviano widerspricht entschieden. «Nein, das Gegenteil ist der Fall», sagte er in einem Videointerview mit Repubblica.it. Indem die brutale Realität gezeigt werde, werde klar, dass es nichts Gutes an der Mafia gebe. Saviano betonte, dass die TV-Serie die Mechanismen des Verbrechens veranschauliche. Sie zeige die Macht und ihre Dynamik, wie sie in fast allen Lebensbereichen funktioniere. Dargestellt werde eine Welt ausschliesslich aus der Perspektive der Kriminellen, sagte Saviano. In «Gomorrha» gibt es «keine positiven Helden, damit der Fokus beim Schlechten bleibt». Verstehen sei eine Voraussetzung, um die Welt zum Besseren zu verändern. Saviano ist überzeugt: «Nicht hinzuschauen, wäre der grösste Fehler.»

«Nicht hinzuschauen, wäre der grösste Fehler»: Roberto Saviano, Camorra-Kenner und «Gomorrha»-Autor. (Bild: Reuters) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2016, 11:10 Uhr

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