Minister mit seltsamer Phobie

Der Sozialist Thomas Thévenoud hat sein Kabinettsbüro nach neun Tagen als französischer Minister bereits wieder räumen müssen.

Kaum da, muss er schon wieder gehen: Thomas Thévenoud hält den Minusrekord für die Amtsdauer eines französischen Ministers.

Kaum da, muss er schon wieder gehen: Thomas Thévenoud hält den Minusrekord für die Amtsdauer eines französischen Ministers. Bild: Keystone

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Die Politik bringt auch denkwürdige Persönlichkeiten hervor. Manchmal scheint es gar, dass das politische Biotop, das ja im Idealfall von den Beispielhaftesten unter uns bevölkert sein sollte, von unseren gewählten Volksvertretern eben, schrullige Figuren mit wechselhaftem Moralverständnis nachgerade anzöge. Zum Beispiel Thomas Thévenoud. Die Geschichte des 40-jährigen Sozialisten aus dem burgundischen Dijon, Sohn von Apothekern und Abgänger der Eliteschule Sciences Po, sorgt in Frankreich seit einigen Tagen für eine Mischung aus heller Verwunderung und Wut.

Beginnen wir am Ende. Thévenoud musste von seinem Amt als Staatssekretär für Aussenhandel zurücktreten. Er hält nun den Allzeitminusrekord für die Amtsdauer eines französischen Ministers: neun Tage, gerade mal genügend Zeit, um einige Schachteln ins Büro am Pariser Quai d'Orsay zu stellen und sie dort wieder abzuholen. Das sogenannte Hohe Amt für Transparenz im öffentlichen Leben, ein Gremium, dessen Schaffung Thévenoud vor einem Jahr mit feurigen Reden im Parlament höchst selbst gefordert hatte, hält den Moralisten für einen liederlichen Steuerzahler. Und das ist noch nett ausgedrückt.

Es ist nämlich so, dass der aufstrebende Politiker, den man im Parti Socialiste vor kurzer Zeit noch mit viel Lob bedacht hat, den man sogar «den Besten seiner Generation» genannt hat, weil er so direkt und frisch redet und den Wählern wie kaum ein anderer charmiert – dass dieser Thomas Thévenoud ein merkwürdiges Problem hat, das sich nur schlecht mit der Rolle eines Staatsdieners verträgt. «Ich leide an einer Verwaltungsphobie», sagt er selber, als handelte es sich um eine unheilbare Pathologie, «wer mich kennt, der weiss, dass ich im Privaten immer schon ein Chaot war.»

Bündelweise ungeöffnete Rechnungen auf dem Rücksitz

«Le Monde» sprach mit Thévenouds Freunden im Burgund, und die erzählten, dass im Fond seines Autos jeweils ganze Bündel ungeöffneter Rechnungen gelegen hätten. Das Wochenblatt «Canard enchaîné» fand heraus, dass er während dreier Jahre die Miete seiner Pariser Wohnung nicht beglich und erst bezahlte, als der Vermieter mit dem Gerichtsvollzieher drohte. Das Enthüllungsportal Mediapart wiederum berichtet, Thévenoud habe zwei Jahre lang die Rechnungen des Physiotherapeuten seiner beiden Töchter nicht bezahlt. Er soll dem Amt für Transparenz auch die eine oder andere geschäftliche Tätigkeit verschwiegen haben. Bezüglich Steuern war es offenbar so, dass Thévenoud stets alle Fristen verstreichen liess, bis das Finanzamt einen Eintreiber zu seiner Haustür schickte und Bussgeld verlangte.

Thévenouds Geschichte macht es besonders pikant, dass auch seine Frau Sandra im Politbetrieb tätig war, zuletzt als Kabinettschefin des Senatsvorsitzenden, bis sie nun ebenfalls entlassen wurde – fristlos, wegen der seltsamen Haushaltsführung daheim.

Die Sozialistische Partei hat Thévenoud mittlerweile ausgeschlossen. Doch seinen Sitz als Abgeordneter will der Gefallene nicht aufgeben. Ohnehin findet Thévenoud, es reiche jetzt: «Ich habe genug auf die Fresse bekommen.» Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Franzosen diese Meinung teilen. Man hält seine angebliche Phobie für eine billige Ausrede, sein Gebaren für eine verbreitete Unsitte unter Politikern: Bewegen sie sich erst einmal im Biotop, verlieren manche von ihnen die Bodenhaftung, diesen Sinn für die Realitäten des Lebens. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2014, 21:53 Uhr

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