Nervengift in Pub und Restaurant entdeckt

Nach der Vergiftung des russischen Ex-Spions in Südengland sollen nun 500 Personen ihre Kleider waschen. Sie sind vielleicht in Kontakt mit der Substanz geraten.

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Die Vergiftung des russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal in Grossbritannien hat möglicherweise doch Auswirkungen auf die Bevölkerung: Die Ermittler entdeckten Spuren von Nervengift in einem von Skripal besuchten Pub und Restaurant im englischen Salisbury, wie die Gesundheitsbehörden am Sonntag mitteilten. Besucher der Lokalitäten wurden aufgerufen, ihre Kleidung und persönliche Dinge zu waschen.

Britische Medien berichteten unterdessen, Grossbritannien erwäge ab Montag bereits Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Öffentlich vermeldete die Regierung indes, sie würde sich zunächst auf die Ermittlungen konzentrieren. Die britischen Behörden haben Russland bislang nicht direkt beschuldigt.

«Sehr geringes Gesundheitsrisiko»

Spuren des Nervengifts – «Kontaminierungen» – wurden im Pub «The Mill» und im Restaurant «Zizzi» in Salisbury entdeckt. Es sei davon auszugehen, dass bis zu 500 Menschen die beiden Örtlichkeiten im kritischen Zeitraum zwischen dem 4. und 5. März aufgesucht hätten, sagte die Gesundheitsbeauftragte Sally Davies der BBC. Sie sei aber zuversichtlich, dass die Gesundheit der Betroffenen nicht beeinträchtigt sei. Ähnlich äusserte sich Jenny Harries von der englischen Gesundheitsbehörde.

Ein «sehr geringes Gesundheitsrisiko» durch wiederholten Kontakt mit möglicherweise kontaminierten Sachen bestehe aber. Als Vorsichtsmassnahme sollten die Betroffenen ihre Kleidung und persönlichen Sachen deshalb waschen.

Kleidung sollte demnach in der Waschmaschine gewaschen werden. Kleidung, die nur in der Reinigung gesäubert werden könne, sollte in zwei zusammengebundene Plastiktüten gelegt und «bis auf Weiteres sicher verwahrt werden». Handys und andere elektronische Geräte sowie Handtaschen sollten mit Feuchttüchern abgewischt werden, die dann im Hausmüll entsorgt werden sollten. Schmuck und Brillen sollten per Hand mit Seifenwasser gereinigt werden.

Ermittler mit Schutzanzügen auf örtlichem Friedhof

Der 66-jährige Ex-Spion Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London zusammengesackt und bewusstlos auf einer Sitzbank aufgefunden worden. Ihr Zustand ist weiterhin lebensbedrohlich, aber stabil. Ein Polizist ist ebenfalls schwer erkrankt, aber ansprechbar. Bis Samstag liessen sich laut Polizei 21 Menschen untersuchen, darunter Privatpersonen und Rettungskräfte.

Die Strasse zu Skripals Haus in Salisbury wurde am Samstag abgeriegelt. Auf dem örtlichen Friedhof waren Beamte in Schutzanzügen zu sehen. Auf dem Friedhof ist Skripals verstorbene Frau begraben, zudem befindet sich dort ein Gedenkstein für seinen im vergangenen Jahr verstorbenen Sohn.

Skripal, ein Oberst des russischen Militärgeheimdiensts, war 2006 in Russland wegen des Vorwurfs der Spionage für Grossbritannien zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Im Zuge eines Gefangenenaustauschs kam er 2010 nach Grossbritannien.

Mehrere Theorien zum Tathergang

Die britischen Strafverfolgungsbehörden werten die Vergiftung als Mordversuch. An den Ermittlungen sind mehr als 250 Beamte beteiligt, darunter 180 Soldaten. Zu ihnen zählen auch Experten für Chemiewaffen. Inzwischen wurden mehr als 200 Beweisstücke gesichert und mehr als 240 Zeugen identifiziert.

Laut britischen Medien werden derzeit mehrere Theorien verfolgt: Demnach gehen die Ermittler den Fragen nach, ob Skripal und seine Tochter im Restaurant oder im Pub vergiftet wurden, ob sie während ihres Rundgangs durch die Stadt verfolgt wurden, ob sich das Gift in einem an ihr Haus gelieferten Paket befand oder in einem auf dem Friedhof niedergelegten Blumenstrauss. Auch wird erwogen, ob Julia das Gift bei einer Reise von Moskau nach England als «Geschenke von Freunden» mitgebracht haben könnte.

Gerüchte von ersten Sanktionen gegen Russland

Verdachtsmomente richten sich gegen Russland. Moskau weist die Vorwürfe zurück. Die britische Innenministerin Amber Rudd sagte am Samstag: «Es wird eine Zeit für eine Reaktion kommen, aber jetzt konzentrieren wir uns auf die Ermittlung.» Der britische Sicherheitsminister Ben Wallace sagte in der BBC, «jemand» sei auf britischen Boden gekommen und habe «rücksichtslos und schamlos» ein offensichtlich «sehr scheussliches Verbrechen» begangen.

Medienberichten zufolge könnte Grossbritannien ab Montag Sanktionen gegen Russland verkünden. Die «Times» berichtete, die britischen Behörden berieten bereits mit den Verbündeten in den USA und Europa über eine abgestimmte Reaktion, welche «diplomatische, wirtschaftliche und militärische Massnahmen» beinhalten könne. Wallace verwies in diesem Zusammenhang auf die «mächtigen Verbündeten» und «die mächtige Armee» seines Landes.

(mch/roy/afp)

Erstellt: 11.03.2018, 05:14 Uhr

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