Religion

Päpste geraten in schlechte Gesellschaft

Franziskus spricht am Sonntag zwei seiner Vorgänger, Johannes Paul II. und Johannes XXIII., heilig. Damit stellt er sie in eine Linie mit Inquisitoren, Judenfeinden und Verächtern der Moderne.

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Im Prinzip führt Papst Franziskus die Tradition der alten römischen Kaiser weiter, die ihre Vorgänger zu vergött­lichen pflegten. Am Sonntag wird er gleich zwei seiner Vorgänger heiligsprechen, Johannes Paul II. (1978–2005) und Johannes XXIII. (1958–1963). Letzterer, «Papa buono» genannt, wollte mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils die Kirche mit der Moderne aussöhnen. Johannes Paul II. jedoch bremste die Reformen des Konzils nach Kräften. Gleichwohl kommen die Pilger am Sonntag, die Rede ist von einer bis sieben Millionen, vor allem seinetwegen nach Rom: Die Polen wollen ihrem Nationalhelden die Ehre erweisen. Die Erinnerung an ihn ist noch frisch: Schliesslich ist er erst vor neun Jahren verstorben. Um der «Santo subito»-Forderung des Kirchenvolks nachzukommen, wurde das Kirchenrecht kurzerhand ausser Kraft gesetzt.

Historisch gesehen ist die Heiligsprechung von Päpsten etwas sehr Seltenes. Päpste, die zu Lebzeiten mit «Sua santità» angeredet werden, sind ja schon kraft ihres Amtes heilig. Es war vor allem die frühe Kirche bis zum 6. Jahrhundert, welche Päpste zu Heiligen machte, die als Märtyrer gestorben waren. Mit der Verabsolutierung der päpstlichen Zentralgewalt und ihrer unfehlbaren Lehr­autorität im 19. Jahrhundert wurden dann wieder mehr Päpste kanonisiert: die eine heilige Kirche, geleitet von lauter seligen und heiligen Päpsten.

Der Antimodernisten-Papst

Dank Franziskus wird nun jeder zweite Papst des 20. Jahrhunderts als Heiliger verehrt. Eine aussergewöhnliche Dichte, denn in den letzten 900 Jahren sind nur drei Päpste in den Kanon der Heiligen aufgenommen worden. Ein Blick auf diese drei Heiligen zeigt, dass Johannes Paul II. und Johannes XXIII. in schlechte Gesellschaft geraten.

Der bisher letzte heilige Papst war Pius X., der von 1903 bis 1914 regierte. Persönlich ein frommer Mann und unablässiger Beter, ging er als Antimodernisten-Papst in die Geschichte ein. Er tat alles, um die Kirche unbefleckt zu halten von jeder Berührung mit der Moderne. Gewissens-, Rede-, Kultus- und Pressefreiheit, überhaupt die Demokratie, bekämpfte er als Zeitirrtümer. Unter ihm entstand im Vatikan eine Art Geheimpolizei, eine «Kurial-Gestapo», wie sie Papst-Historiker Hans Kühner nannte, zwecks Bespitzelung und Denunzierung von Bischöfen, Theologen und Politikern. Die von Umberto Benigni, einem späteren Mussolini-Agenten, dirigierte Geheimorganisation mit Namen Sodalitium Pianum durchschnüffelte ganz ­Katholisch-Europa: Säuberungsaktionen und Hetzjagden auf Reformtheologen waren an der Tagesordnung. Nur folgerichtig führte Pius X. für alle Kleriker den Antimodernisteneid ein, mit dem sie etwa der modernen Bibelkritik abschwören mussten. Mit seinem reaktionär-inquisitorischen Kurs zementierte Pius X. für Jahrzehnte die Kluft zwischen katholischer Lehre und moderner Wissenschaft.

Pius war auch der Name des heiligen Papstes zur Zeit der Gegenreformation. Pius V. (1566–1572) war ein grosser Beter vor dem Herrn, ein Eiferer für die Sache der Kirche. Der Dominikanermönch setzte die Reformen des Konzils von Trient um, insbesondere die Tridentinische Liturgie. Als Sieger der Seeschlacht von Lepanto über die Türken genoss er den Ruf eines Retters der Christenheit. Bevor er 1566 Papst wurde, brachte er als Grossinquisitor der römischen Kirche unzählige Häretiker in den Kerker und auf den Scheiterhaufen. Kaum im Amt, entliess der Asket den päpstlichen Hofnarren und setzte in ganz Rom eine grosse Sittenreform durch: Prostituierte wurden vertrieben, Ehebrecherinnen öffentlich ausgepeitscht, Homosexuelle verbrannt.

Sein Pontifikat blieb geprägt von seiner Verfolgungswut gegen alles Nicht­katholische, von Hinrichtungswellen gegen Gotteslästerer, Protestanten, Juden und Sodomiten. Die päpstliche Hilfsarmee in Frankreich wies er an, «keine Hugenotten gefangen zu nehmen, sondern jeden, der in unsere Hände fällt, sofort zu töten». Unter ihm kam es zur pianischen Judenverfolgung». Seine Judenbulle von 1568 war eine Anleitung zum praktischen Antisemitismus. Die Juden liess er wieder ins Ghetto einmauern und verbot ihnen jeden Immobilienbesitz. Um sie vollends zu ruinieren, liess er ausserdem den römischen Wochenmarkt vom Mittwoch auf den Sabbat verlegen.

Tugend wichtiger als Bedeutung

Auch das 13. Jahrhundert brachte einen heiligen Papst hervor, Coelestin V. Er, der fromme Asket und Eremit, sollte den Traum eines Engelspapstes verwirklichen. Doch der Einsiedler war seiner Aufgabe nicht gewachsen und scheiterte kläglich. 1294 dankte er nach nur fünfmonatiger Amtszeit ab. Dante verbannte ihn als Feigling in die Vorhölle. Für Benedikt XVI. indessen, der als erst zweiter Papst der Geschichte freiwillig aus dem Amt schied, wurde Coelestin zum Vorbild.

Gemeinsam ist allen drei heiligen Päpsten der letzten 900 Jahre, dass sie ihr Leben in Askese und mönchischer Tugend zubrachten. Massgebend für die Heiligsprechung ist denn auch der heroische Tugendgrad und nicht die kirchenpolitische Bedeutung. Allerdings dürfte Letzterer bei der Heiligsprechung von Konzilpapst Johannes XXIII. und dem Antikommunisten Johannes Paul. II die entscheidende Rolle gespielt haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2014, 02:18 Uhr

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