Kommentar

Prophet des Untergangs, Priester des Bankrotts

Thomas Pikettys nüchterne Abrechnung mit dem Kapitalismus. Hat er Recht? Ein Kommentar zum Buch «Le capital au XXIe siècle» des französischen Wirtschaftswissenschaftlers.

Der Pariser Ökonomie-Professor Thomas Piketty glaubt, der Kapitalismus zerstöre sich selbst.

Der Pariser Ökonomie-Professor Thomas Piketty glaubt, der Kapitalismus zerstöre sich selbst. Bild: Keystone

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Ist die Ungleichheit die Geissel der Menschheit im 21. Jahrhundert? Werden wir daran zugrunde gehen? Wenn man Thomas Pikettys Buch über die Zukunft des Kapitalismus liest und seinen Thesen folgt, gibt es darüber keinen Zweifel. Der Franzose, besser: der Pariser Wirtschaftswissenschaftler schildert in seinem Werk: «Le capital au XXIe siècle», das nicht nur in Frankreich, sondern selbst in Amerika zu einem erstaunlichen Bestseller geworden ist, unser Wirtschaftssystem in den dunkelsten Farben, die man sich ausmalen kann. Seit dem grossen und schlimmen Karl Marx hat vielleicht kein Wissenschaftler mehr sich getraut, eine Art vorgezogenen Nachruf auf den Kapitalismus zu schreiben, dessen Untergang für Piketty so unausweichlich scheint wie das Amen in der Kirche. Ein Prophet der Katastrophe, ein Priester des Bankrotts.

Piketty ist ein Phänomen. Gescheit, glänzend ausgebildet, ein Ökonom, der einen mit Zahlen und Grafiken bewirft, bombardiert, einkesselt, also einschüchtert oder überzeugt; ein Franzose überdies, der wie fast alle französischen Intellektuellen die moderne Wirtschaftswelt und besonders deren Akteure, also die Manager und Chefs, die Bankiers und Privatiers hasst, als hätten sie ihn persönlich bestohlen: Wenn ich ihn beobachte, wie er an einer Veranstaltung etwa an der City University of New York den Amerikanern erklärt, warum ihre Be sitzenden inzwischen so ungeheuerlich viel reicher sind als ihre übrigen Bürger – also Zustände herrschen wie damals zu Zeiten der Robber Barons Ende des 19. Jahrhunderts – und wenn ich sehe, mit welcher Energie und welchem Charme (weisses Hemd, drei Knöpfe offen), mit welchem unwiderstehlichen Akzent er seine Zuhörer berauscht, dann wird nachvollziehbar, warum sein Buch und seine Person derzeit für so viel Begeisterung oder auch Abscheu sorgen.

Obamas Orakel

Dieser Mann aus Paris spricht aus, was in Amerika spätestens seit der Wahl von Barack Obama wohl zum wichtigsten Thema der öffent lichen Debatte aufgestiegen ist. Sind wir eine Gesellschaft der Ungerechten geworden? Werden die Reichen unablässig reicher, während die Armen zu Sklaven und Bettlern absteigen – und hängt das eine mit dem andern zusammen?

Was Piketty auszeichnet, sind die unermesslich vielen Daten, über die er verfügt und die er souverän in seinem gegen 700 Seiten starken Buch ausbreitet. Ländervergleiche, erhellt mit historischen Datenreihen, beleuchten aus allen Perspektiven die Entfaltung der sozialen Ungleichheit im Westen in den vergangenen 200 Jahren. Der Befund lautet immer gleich: Die Menschen leben oben und unten – und der Abstand zwischen ihnen reisst meistens weiter und weiter auseinander.

Die gute Zeit, was die Einkommensverteilung anbelangt, war keine gute gemessen an allen andern Kriterien: Mit Beginn des Ersten Weltkriegs, mit Beginn der Selbstzerstörung Europas nämlich nimmt die Ungleichheit gemäss Piketty ab. Es setzt ein Prozess der relativen Verarmung der Reichen ein, der während der Zwanzigerjahre und der Weltwirtschaftskrise anhält. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg werden sich die besitzenden Klassen erholen, wenn auch zunächst sehr moderat, um dann im Laufe der Achtzigerjahre ihren Reichtum scheinbar besinnungslos zu vermehren. Der Unterschied zwischen den Reichsten und den Ärmsten nimmt laufend zu.

Herrschaft der Experten

Wie immer, wenn es sich darum handelt, soziale Ungleichheit zu messen, sind sich die Experten am Ende nicht einig. Es ist ein Streit, der nicht bloss wissenschaftlich geprägt ist, sondern politisch. Während sozialdemokratisch orientierte Ökonomen wie Paul Krugman (Princeton), die seit Langem für mehr Umverteilung plädieren, den Zahlen Pikettys und deren Interpretation zustimmen, weisen konservativere Ökonomen wie etwa Martin Feldstein (Harvard) sie zurück. Für Krugman hat Piketty unser Denken verändert. 
Für Feldstein geht der Franzose von falschen Daten aus: Was Piketty als wachsende Ungleichheit erkennen will, beruht gemäss Feldstein auf einem Missverständnis.

Es führte hier zu weit, in alle Details vorzudringen. Doch ein Einwand von Feldstein ist interessant. Um die Entwicklung der Einkommens verteilung in den USA zu beschreiben, stützt sich Piketty auf die Steuererklärungen, worin die Bürger ihr steuerbares Einkommen angeben. Zu Recht weist Feldstein darauf hin, dass steuerbares Einkommen keineswegs den realen Wohlstand einer Person widerspiegelt. Je nach Steuergesetz und Steuersätzen weichen die Bürger, besonders die Begüterten, dem Fiskus aus und verwandeln ihren Reichtum in Dinge oder Vehikel, die weniger besteuert werden: Sie verschulden sich oder ­achten etwa darauf, dass sie weniger Dividenden erhalten, falls diese versteuert werden müssen.

Verzerrte Wahrnehmung

Wie wir das in der Schweiz auch kennen, ist auch in Amerika eine Geheimwissenschaft der Steueroptimierung entstanden, die niemand mehr durchschaut, deren Wirkungen aber enorm sind. Diese Ausweichmanöver beeinflussen die Daten, die Piketty verwendet. So soll sich gemäss seinen Analysen seit Beginn der Achtzigerjahre die Ungleichheit in den USA sprunghaft vertieft haben.

Feldstein hält dies für eine Fata Morgana: Denn genau in diesen Jahren begann Präsident Ronald Reagan, ein Republikaner, die Steuersätze zu senken, was seine Nachfolger, selbst der Demokrat Bill Clinton fortsetzten. Das hatte zur Folge, dass wohlhabende Amerikaner in ihren Steuererklärungen auf einmal wieder mehr steuerbares Einkommen vorwiesen, weil dieses weniger hoch belastet wurde. Was sie vorhin versteckt oder völlig legal in weniger hoch besteuerte Formen überführt hatten, gaben sie nun wieder als Einkommen an. Mit anderen Worten, so Feldstein, die Reichen waren so reich wie vorher – aber man sah es nun deutlicher in den Steuererklärungen. Ist unsere Gesellschaft wirklich ungleicher geworden? 
Nach der Lektüre von Feldsteins Essay ist man wieder so klug wie zuvor.

Tollkühne Prognostiker

Selbstverständlich könnte ich nun ohne Weiteres einen anderen, genauso renommierten Ökonomen anführen, der alles, was Feldstein vorträgt, widerlegt – wo zwei Ökonomen auftreten, erzählen sie drei sich widersprechende Theorien, heisst ein Bonmot, sofern ich mich korrekt entsinne. Ich verzichte darauf, weil es von den attraktiveren Seiten der Theorie des Franzosen ablenken würde. Was nämlich Piketty so unzeitgemäss modern macht und ihn deshalb wohl zum linken Star hat aufsteigen lassen, ist sein pechschwarzer Pessimismus. Er ist ein wiedergeborener Marx.

Ging Marx davon aus, dass im Kapitalismus die Löhne nur sinken konnten und somit das Proletariat langsam, aber unaufhaltsam im Elend ertrinken würde, glaubt Piketty, dass sich die Ungleichheit zusehends verschlimmert. Am Ende stehen sich Plutokraten und ein armes Volk gegenüber. Es drohen soziale Unruhen, Mord und Totschlag, warum nicht eine Revolution? Nur eine globale Steuer, die diese Wohlstandsunterschiede abträgt, so verlangt Piketty, könne Abhilfe schaffen – und der Leser mag nun erkennen, warum so viele Sozialdemokraten Piketty als neuen Meisterdenker verehren.

Gott würfelt

Marx wurde durch die Geschichte widerlegt. Noch zu seinen Lebzeiten wartete er vergeblich und immer ungeduldiger auf die Verelendung der Massen. Er hatte sich geirrt: Entgegen seinen Prognosen stiegen die Löhne auf fast unvorstellbare Art und Weise seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Marx seine Theorie entworfen hatte. Ob Piketty die empirische Zukunft überlebt? Wohl kaum. Denn wie viele Sozialwissenschaftler krankt er an einer gut gemeinten Hybris: In menschlichen Gesellschaften herrschen keine Naturgesetze. Wenn einer glaubt, die Zukunft auf Jahrzehnte hinaus vorausberechnen zu können, dann beeindruckt er zwar oft das Publikum, selten aber bekommt er recht.

Seit er geboren ist, lebt Thomas Piketty, der heute 43 Jahre zählt, in Paris. Seit er 25 ist, ohne Unterbruch; er kam nie mehr weg. Mag sein, dass dieser Umstand seinen Blick trübt. Frankreich ist ein Land, das kaum mehr wächst, was Ungleichheit, wie sie wohl auf immer bestehen wird, für viele Franzosen schwer erträglich macht. Würde das Land blühen, würde es den Armen jedes Jahr etwas besser gehen, wie das nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war, als auch die Franzosen ein, wenn auch kleines Wirtschaftswunder erlebten: Ungleichheit wäre kein Thema. Was störten sich die Menschen daran, dass es den Reichen noch besser geht als ihnen, solange es ihnen gut geht? Die Zahlen des ersten Quartals 2014 wurden eben bekannt. Frankreichs Wirtschaftswachstum betrug 0,0 Prozent. Ein Debakel. Ein Verbrechen. Es gehört zu den Tragödien dieses wunder schönen Landes, dass es eine intellektuelle Elite besitzt, die nichts davon versteht, wie man mehr Wohlstand schafft. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.05.2014, 10:27 Uhr

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BaZ-Chefredaktor Markus Somm.

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