Putin, Stalin und der liebe Gott

Der Kommunismus als Ideologie ist in Russland tot. Aber die Mentalität der Sowjetmenschen scheint unausrottbar.

Getreue vor dem Lenin-Mausoleum: Der Staat will den 100. Jahrestag der russischen Revolution nicht feiern. Es bleibt bei spontanen Aktionen.

Getreue vor dem Lenin-Mausoleum: Der Staat will den 100. Jahrestag der russischen Revolution nicht feiern. Es bleibt bei spontanen Aktionen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Staatsführung plant keinerlei Massnahmen zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution. «Was gibt es denn da zu feiern?», will Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wissen. Es gibt eine Parade auf dem Roten Platz – aber zum 76. Jahrestag der Parade während der Schlacht um Moskau 1941. Die Kommunistische Partei Russlands (KPRF) plant eine Kundgebung. Aber von der erwartet niemand Revolutionäres.

Am 7. November 1917 ergriffen in Russland die Bolschewisten die Macht und errichteten die Sowjetunion, ein Zukunftsexperiment, das die ganze Welt in ein kommunistisches Paradies verwandeln sollte, nach verschiedenen Schätzungen aber 12 bis 60 Millionen Menschen das Leben kostete. 1991 zerfiel die Union, eines ihrer wenigen organisatorischen Überbleibsel ist die KPRF. Aber die Kommunisten riskieren heute keine politische Randale, die Masse ihrer Landsleute auch nicht. Die Sowjetunion ist untergegangen, aber ihre Mentalität scheint unausrottbar. Auch deshalb, weil Russland nie ernsthaft Anstalten unternommen hat, die Vergangenheit zu begraben – einschliesslich Wladimir Lenins, des Chefrevolutionärs von 1917 in seinem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau.

Eine irdische Heilsidee

Die KPRF ist nur noch eine der linientreuen Spoilerparteien in Wladimir Putins politischem System. Sie gibt sich oppositionell, hält sich aber an die Spielregeln des Kremls, ihre Funktionäre meiden Demos der demokratischen Opposition. Bei den Duma-Wahlen holt die KPRF noch immer zweistellige Ergebnisse, 2016 stimmten über sieben Millionen Russen (13,3 Prozent) der Wähler kommunistisch. «Es ist vor allem die Partei der Rentner, denen sie als Ideologie mythologisierte Sowjetvergangenheit anbietet», sagt der Politologe Juri Korgonjuk. Parteichef Gennadi Sjuganow steht bei offiziellen Anlässen wie alle Duma-Fraktionsvorsitzenden vor Putin stramm. Aber gerade wurde er doch laut – weil wieder jemand vorgeschlagen hatte, Lenin aus dem Mausoleum zu schaffen und zu beerdigen.

Lenin liege in seiner Gruft zwei Meter unter der Erde, das entspreche auch den Regeln der Russisch-orthodoxen Kirche, so Sjuganow.

Der Kommunismus als irdische Heilsidee ist praktisch tot, 84 Prozent der Russen glauben jetzt an Gott, nur sieben Prozent betrachten sich als Atheisten. Und Wladimir Putin verurteilte kürzlich die Repressalien der Sowjetzeit. «Für diese Verbrechen gibt es keine Entschuldigung.» Aber das sei kein Grund, jetzt zur Abrechnung aufzurufen. «Man darf die Gesellschaft nicht wieder an die gefährliche Grenze zur Konfrontation drängen.»

Die meisten Hinterbliebenen kennen die Namen der Sicherheitsmänner nicht, die ihre Eltern oder Grosseltern liquidiert haben. Und viele wollen sie auch nicht kennen.

Unverwechselbar geblieben

Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat der KGB als FSB weitergemacht, wurde nie entmachtet. «Dazu kommt das Staatsfernsehen, das die Repressalien und ihre Opfer systematisch klein-redet», sagt der Menschenrechtler Lew Ponomarjow. «Und nach dem wirtschaftlichen Schock der Neunzigerjahre flüchten sich die Menschen in die Erinnerung an die Stabilität der Sowjetzeit. Unsere Gesellschaft ist traumatisiert.» Wie Putin, der sein KPdSU-Parteibuch bis heute aufbewahrt und sowjetische Fibeln für Jungkommunisten mit der Bibel vergleicht, orientiert sich die Masse der Russen moralisch Richtung Vergangenheit.

«Heute leben wir in verschiedenen Staaten, sprechen verschiedene Sprachen, aber wir sind unverwechselbar. Man erkennt uns auf Anhieb», schreibt die weissrussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch über die Sowjetmenschen und ihre nicht tot zu kriegende Mentalität. «Wir alle, die Menschen aus dem Sozialismus ähneln einander und sind anders als andere Menschen.» Eigene Vorstellungen von Gut und Böse, von Helden und Märtyrern, ein besonderes Verhältnis zum Tod ...

Man klammert sich an sowjetische Kinderbücher, Filmkomödien und Schlager, dreht reihenweise neue Filme über den «grossen, vaterländischen» Sieg im Zweiten Weltkrieg.

Alljährlich feiert sich Russland als Alleinretter der Welt vor Hitler. Eine Geschichtsdebatte, die Stalins Terrorherrschaft in die Nähe des Naziregimes stellen könnte, vermeidet man schon deshalb mit allen Kräften. Gesellschaftliche Harmonie ist wie in der UdSSR wichtiger als Wissen.

Der bedeutende Putin

Konsumfreiheit und Privateigentum gelten in Russland inzwischen als Selbstverständlichkeit. Auf Reklameplakaten für das schon in der UdSSR populäre «Schigulowskoje»-Bier sieht man volle Tische, üppige Strandschönheiten, aber sowjetische Kleinwagenmodelle aus den Sechzigerjahren. Aber noch immer arbeiten 40 Prozent der russischen Arbeitnehmer als Staatsangestellte, Gehorsam gegenüber der Obrigkeit gilt weiter als Selbstverständlichkeit. 34 Prozent der Russen halten Wladimir Putin für den bedeutendsten Mann der Weltgeschichte, 38 Prozent aber Josef Stalin.

Der Inlandsgeheimdienst FSB erklärte nach den Festnahmen am Wochenende, im Gebiet Moskau hätten Extremisten geplant, Verwaltungsgebäude in Brand zu stecken und Polizisten anzugreifen. Wie das NKWD unter Stalin haben die Sicherheitsorgane wieder begonnen, wirklichen oder potenziellen Oppositionellen als blutrünstigen Verschwörern den Prozess zu machen. «Wie damals werden Menschen ohne Beweise verhaftet», sagt der Oppositionspolitiker und Historiker Wladimir Ryschkow. Aber es sei tröstlich, dass die Opfer heute nicht mehr erschossen würden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.11.2017, 07:25 Uhr

Artikel zum Thema

Seltsamer russischer Vorwahlkampf

Russlands Präsident Wladimir Putin übt seine Rhetorik an Kindern. Kontrahent Nawalny diskutiert mit Militär Strelkow. Mehr...

Die vage Hoffnung auf eine neue Freundschaft

Moskau erwartet die erste Begegnung zwischen Wladimir Putin und Donald Trump mit sehr gemischten Gefühlen. Mehr...

Der Wohltäter der Nation

Wladimir Putin gibt sich in der letzten TV-Audienz vor den Wahlen sehr unpolitisch. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...