Schlacht um moralische Vorherrschaft

Der gefeuerte FBI-Direktor James Comey schiesst aus allen Rohren gegen US-Präsident Donald Trump.

«Mit dem Elan einer Kardashian». James Comey im Interview mit ABC-Moderator George Stephanopoulos (l.).

«Mit dem Elan einer Kardashian». James Comey im Interview mit ABC-Moderator George Stephanopoulos (l.). Bild: Keystone

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Auf historisch beispiellose Weise hat der ehemalige FBI-Direktor James Comey den Kampf mit dem amtierenden US-Präsidenten aufgenommen. Ebenso ungehemmt schlägt Donald Trump zurück, denn es geht ums Ganze – darum, wer moralisch-politisch die Oberhand behält.

Comey wurde von Trump vergangenen Mai abrupt – und gegen die Empfehlung seines damaligen Beraters Steve Bannon – aus dem Amt entfernt. Heute veröffentlicht er seine Memoiren mit dem Titel «A Higher Loyalty» (eine höhere Verpflichtung). Darin erhebt er sich zu Amerikas moralischem Gewissen und ruft sein Land auf, der Wahrheit über Trump ins Auge zu blicken.

«Sticheln und verärgern»

Im ersten TV-Interview seiner Buchtournee verglich Comey am Sonntagabend Trump mit einem Mafia-Boss und nannte ihn einen seriellen Lügner. Wer im Weissen Haus amtiere, müsse an den für das Land zentralen Werten festhalten, sagte Comey auf ABC. Trump sei «moralisch unfähig, Präsident zu sein». Mit dem Fernsehauftritt vor fast zehn Millionen Zuschauern begann, was Axios als «Comey Show» bezeichnet. Der Ex-FBI-Chef werde nun fünf Wochen lang quer durch Amerika reisen und die seit vielen Monaten dominante «Trump Show» konkurrenzieren. Comeys Auftritte «inmitten weltweiter, rechtlicher und politischer Krisen werden den Präsidenten sticheln und verärgern».

Trump, der keinen Angriff unerwidert lässt, schlägt schon seit Tagen zurück. Am Wochenende nannte er den 57-jährigen New Yorker in einem Twitter-Sturm einen «Schleimbeutel» und den «SCHLECHTESTEN FBI-Direktor der Geschichte». Trump bezichtigte Comey der wiederholten Lüge; er deutete an, eigentlich gebühre ihm eine Freiheitsstrafe.

Glaubwürdigkeit unterhöhlen

Die Gegenkampagne des Präsidenten wird von seiner Partei mitgetragen. Die Republikaner haben die Website lyincomey.com (lügender Comey) eingerichtet, wo sie die Faktenlage aus ihrer Sicht darstellen. Genüsslich wird dort die Anhängerschaft von Hillary Clinton zitiert. Die demokratische Kandidatin von 2016 glaubt, dass Comey im Oktober ihren Sieg vereitelte, indem er die im Sommer abgeschlossene Strafuntersuchung wegen ihres privaten E-Mail-Servers kurz wiedereröffnete.

Das Trump-Lager will Comeys Glaubwürdigkeit unterhöhlen, indem es ihn als vergraulten Mitarbeiter darstellt und ihm überhebliche Selbstgerechtigkeit vorwirft. «Er findet geschickt Wege, damit sich alles um ihn dreht», höhnte Trumps Beraterin Kellyanne Conway gestern. In der Darstellung der republikanischen Parteivorsitzenden Ronna McDaniel hat Comey «seine privaten Unterhaltungen mit dem Präsidenten dazu verwendet, Geld zu machen».

Was die Fakten angeht, liefern Comeys Buch und seine Interviews wenig Neues. Der gefeuerte höchste Bundespolizist hat vor dem Kongress bereits über seine wenigen Interaktionen mit Trump berichtet. So habe er den gewählten Präsidenten vor dessen Amtsantritt über das schlüpfrige «Dossier» mit russischen Geheimdienstbehauptungen unterrichtet. An einem privaten Dinner soll Trump von Comey persönliche Loyalität verlangt haben. Später habe Trump den Wunsch ausgedrückt, dass Comey die Strafuntersuchung gegen den damaligen Sicherheitsberater Michael Flynn einstelle.

«Ich bin bakteriophob»

Das Buch fügt diesen bekannten Geschichten Farbe hinzu. Comey schreibt – und erzählt bereitwillig vor Mikrofon und Kamera –, dass Trumps Hände kleiner als seine eigenen gewesen seien. Der orange Teint mit weissen Augenringen habe Solariumbesuche verraten. Besonders stark habe Trump auf die im «Dossier» behauptete «Golden Shower»-Episode mit urinierenden Prostituierten in einem Moskauer Hotel reagiert. «Ich bin bakteriophob», habe er abgewehrt und gefragt: «Sehe ich aus wie einer, der Nutten braucht?» Indem er solche Details ausbreite, zerstöre Comey seine Glaubwürdigkeit, urteilt Rechtsprofessor Jonathan Turley. «Comey verkauft sich mit dem Elan einer Kardashian und der Bösartigkeit eines Trump», schreibt er. Frühere FBI-Direktoren oder Hauptfiguren politischer Skandale hätten jeweils Strafuntersuchungen abgewartet, bevor sie an die Öffentlichkeit getreten seien. «Nicht Comey. Timing ist alles bei einem ‹Tell all›-Buch, und seine Story wird ihn jetzt zu einem extrem reichen Mann machen.»

Ob Comeys Kampagne Trumps politische Stellung schädigen wird, muss sich erst weisen. Sein Buch hätte aus der Sicht des Weissen Hauses schlimmer sein können, sagt die Reporterin Maggie Haberman von der New York Times. Trump steht jedoch unter erheblichem Druck durch die Russen-Untersuchungen von Sonderermittler Robert Mueller und die drohende Anklage seines Anwalts Michael Cohen. Helfen wird ihm Comeys Moralkeule sicher nicht. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.04.2018, 09:26 Uhr

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