«Schottland müsste sich neu um eine EU-Mitgliedschaft bewerben»

Die Schotten stimmen bald darüber ab, ob sie sich von Grossbritannien abspalten wollen. Unser Korrespondent Peter Nonnenmacher sagt, was am heissesten diskutiert wird.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Abstimmung über eine Unabhängigkeit Schottlands rückt näher. Wie ist die Stimmung vor Ort?
Die Abstimmung ist am 18. September. Es sind also bis dahin keine hundert Tage mehr. Aber überall in Schottland wird die Frage seit Wochen schon leidenschaftlich debattiert. Überall wird über Vor- oder Nachteile staatlicher Unabhängigkeit gestritten. Für den 18. September darf man darum auch eine hohe Wahlbeteiligung erwarten. Den Urhebern des Referendums ist es gelungen, eine Menge Interesse für diese – historische – Entscheidung in der Bevölkerung zu wecken. Schon jetzt hat die Debatte zum Beispiel im kommunalen Bereich vielerorts den Wunsch nach mehr Selbstbestimmung gestärkt. Alle drei grossen britischen Parteien (Labour, Liberaldemokraten und Konservative) lehnen zwar Schottlands Trennung von England ab, haben aber den Schotten mehr Autonomie als bisher versprochen, solange sie nur Nein zum Alleingang sagen.

Laut letzten Umfragen ist der Ausgang der Abstimmung ungewiss. Kann die Scottish National Party (SNP) überhaupt gewinnen?
Die meisten Umfragen gehen ja davon aus, dass rund 45 Prozent der Schotten für Unabhängigkeit sind und 55 Prozent dagegen – wenn man die Unentschiedenen weglässt. In der allerletzten Umfrage, durch den «Herald» in Glasgow, ist die Differenz sogar noch weiter geschrumpft: 48 Prozent dafür, 52 Prozent dagegen. Das heisst, die SNP, die die Regierung stellt in Schottland, sieht sich ihrem Ziel näher denn je. Ein Ja für Unabhängigkeit wäre am Ende natürlich eine Sensation. Das hätte einen ganz gehörigen Knalleffekt. Die meisten Beobachter, auch in Schottland, glauben aber, dass am Abstimmungstag die Mehrheit der Schotten doch Angst hat, sich nach über 300 Jahren aus dem Vereinigten Königreich auszukoppeln. Vor allem weiss kein Mensch, was das wirtschaftlich für Schottland bedeuten würde. Aber auszuschliessen ist nicht, dass es zu einem Ja kommt. Die SNP unter Alex Salmond versucht sich so respektabel wie nur möglich zu geben. Sie will zum Beispiel die Königin als Staatsoberhaupt und das Pfund als Landeswährung behalten.

Welche Kreise sind eher für, welche gegen eine Unabhängigkeit?
Soweit sich das ausmachen lässt, gibt es Befürworter der Unabhängigkeit in allen sozialen Schichten. Selbst die Geschäftswelt ist gespalten. Interessant ist aber auch, dass die jüngeren Schotten offenbar nicht viel anders denken als die älteren. Die SNP-Regierung hat ja das Wahlalter fürs Referendum auf 16 gesenkt – wohl in der Hoffnung auf ein paar Extrastimmen. Und natürlich identifizieren sich auch viele Erstwähler mit Schottland und würden es gern auf eigene Faust versuchen. Aber mindestens ebenso viele sehen, wenn man mit ihnen spricht, ihre Zukunft in einem grösseren, gemeinsamen Britannien. Sie wollen die Risiken einer Grenzziehung nicht eingehen. Selbst wenn es eine offene Grenze wäre.

Ein wichtiger Punkt ist die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit eines neuen Staates. Dabei spielt das Öl eine grosse Rolle.
Das Öl spielt eine kolossale Rolle. Wenn es zur Unabhängigkeit käme, bliebe England nichts anderes übrig, als das meiste Nordsee-Öl abzuschreiben. Dann könnte Schottland 90 bis 95 Prozent der Öl- und 60 Prozent der Gasgewinnung in der Nordsee für sich beanspruchen. Der Hauptstreit zurzeit dreht sich darum, wie viel an Reserve überhaupt noch vorhanden ist. In London wird das restliche Ölvorkommen heruntergespielt. Salmonds SNP beharrt dagegen darauf, dass es noch riesige unerforschte Lager unter dem Meeresboden gibt – dass aber auch zum Beispiel Windkraft stärker ausgebaut werden sollte. An Wind herrscht ja kein Mangel, da droben in Schottland.

Welche Konsequenzen haben die übrigen Briten den Schotten im Fall einer Abspaltung angedroht?
Vor allem will London den Schotten eine Währungsunion verweigern. Schottland könnte das Pfund zwar weiter benutzen, hätte aber keinen Einfluss auf Londons Geldpolitik – wenn man sich in London nicht noch auf einen Kompromiss einliesse. Früher einmal hatte die SNP ja auf eine Übernahme des Euro gehofft. Aber die Eurokrise hat das zu einem Projekt für die fernere Zukunft gemacht. Die Alternative wäre natürlich eine eigene schottische Währung. Aber das wäre aufwendig und ein teurer Spass.

Die EU-Mitgliedschaft ist auch zu einem Problem für Schottland geworden?
Ja, ein unabhängiges Schottland könnte nicht automatisch in der EU bleiben. Es müsste sich neu um eine EU-Mitgliedschaft bewerben. Das war von der SNP so nicht vorgesehen. Es schafft Unsicherheit. Wie viel an Verhandlungen wird hier nötig? Unklar sind auch Fragen wie die, ob Schottland weiter Anteil etwa an der BBC hätte. Nicht mal in London ist man sich darüber hundertprozentig einig. Der Nato gefällt ausserdem nicht, dass Schottland den traditionellen Hafen für Britanniens mit Atombomben bewaffnete U-Boote in Faslane schliessen möchte. Atomwaffen will die SNP in Schottland nicht haben. Die U-Boote müssten dann irgendwie nach England verlegt werden. Die Gegner schottischer Unabhängigkeit suchen darum auch gezielt, Angst vor künftiger Isolation in Schottland zu schüren.

Was sagen die Briten über einen möglichen Verlust Schottlands?
Bei den Schotten, wie gesagt, ist die Meinung zweigeteilt. Die meisten Engländer, Waliser und Nordiren würden gern die Einheit wahren. Im Grunde ist, glaube ich, den meisten Leuten in England noch gar nicht recht bewusst, was ein Abdriften Schottlands für sie bedeuten würde. Die Schotten machen zwar nicht mal ein Zehntel der jetzigen britischen Bevölkerung aus. Aber dass Grossbritannien geografisch derart schrumpfen würde, eine Grenze mitten durch die Insel liefe und im Parlament von Westminster keine Schotten mehr sässen, würde ein komplettes Umdenken in England erfordern. So recht können sich das nur die wenigsten vorstellen.

Könnte eine schottische Unabhängigkeit nicht auch grosse Signalwirkung auf andere Regionen in Grossbritannien – und in Europa – haben?
In Grossbritannien mit Sicherheit. Dass Wales sich auch abkoppeln würde, ist zwar nicht sehr wahrscheinlich. Dort ist das Nationalgefühl nicht so ausgeprägt wie in Schottland. Wales ist auch mit England stärker verzahnt. Aber in vielen britischen Regionen regt sich jetzt offenbar schon die Forderung nach weniger Zentralismus und mehr Selbstverwaltung – in Cornwall, in Yorkshire, überhaupt im englischen Norden wollen die Menschen mehr Selbstbestimmung haben. Nordirland ist ein Fall für sich. Die Frage der irischen Wiedervereinigung ist noch lange nicht gegessen. Und international gesehen? Die Wirkung auf Spanien ist sicher die interessanteste – schon wegen der Katalanen. Es soll auch Madrid sein, das die meisten Probleme mit einer erneuten EU-Mitgliedschaft Schottlands hat. Sagt man wenigstens in London.

Lesen Sie am Samstag Peter Nonnenmachers Reportage zum Unabhängigkeitsreferendum in Schottland. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.06.2014, 16:39 Uhr

Peter Nonnenmacher ist Grossbritannien-Korrespondent von baz.ch/Newsnet. Er lebt in London.

Artikel zum Thema

Schotten empört über Londons Legofiguren

Möchten Sie als Legofigur dargestellt warden? Die Schotten auf jeden Fall nicht. Genau das aber tat die britische Regierung – mit politischer Absicht. Der Schuss ging nach hinten los. Mehr...

Cameron wirft sich ins Ölzeug

Der britische Premier tagte ausgerechnet in Aberdeen, im Reich des Schotten Alex Salmond. Beide Regierungen beanspruchen das Erdölvorkommen vor den britischen Küsten für sich. Mehr...

Schotten können über Unabhängigkeit abstimmen

Schottland steht eine historische Abstimmung bevor: Die britische Regierung lässt die Schottinnen und Schotten über den Verbleib in Grossbritannien abstimmen. Mehr...

Blogs

History Reloaded Die Schweiz, ein Land der Streiks

Beruf + Berufung Die Angst des Rebellen

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...