Schulz! Oder Schulz?

Selten ist ein Politiker so gescheitert wie der Kanzlerkandidat der SPD. Ein Journalist hat untersucht, warum.

«Unsere Forschung legt nahe»: Wenn sich ein Politiker nicht einmal gegen die eigenen Berater durchsetzen kann, wie soll er dann ein ganzes Land regieren?

«Unsere Forschung legt nahe»: Wenn sich ein Politiker nicht einmal gegen die eigenen Berater durchsetzen kann, wie soll er dann ein ganzes Land regieren? Bild: Keystone

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Sechs Monate lang hat ein Reporter des Spiegel Martin Schulz, den Kanzlerkandidaten der SPD, auf seinem Gang durch das Tal der Tränen begleitet; er sass dabei in den vielen Sitzungen während des Wahlkampfes, sah, wie Schulz für das einzige Fernsehduell gegen Angela Merkel, die noch amtierende Kanzlerin, übte, der Journalist erlebte, wie Schulz zerfiel. Wie frei er darüber berichten durfte, was er beobachtete, bleibt offen, wie sehr er sich selbst zensierte, weil ihm Schulz wohl leidtat, ebenso.

Immerhin erhält man nicht den Eindruck, dass Schulz allzu viel eingriff, noch scheint klar, ob er die vielen Zitate, die von ihm vorkommen, auch absegnete: «Erst mal in Ruhe ’nen Kaffee und dann noch pinkeln gehen» – ein solches Zitat klingt nicht nach einem künftigen Kanzler, Schulz hätte solches unterbinden sollen. Vielleicht ist es aber auch bezeichnend. Denn dieser Mann, ganz gleich, was er anfangs glaubte, war von Beginn weg verloren.

Zu diesem Befund kommt nicht der Journalist des deutschen Nachrichtenmagazins, Markus Feldenkirchen, – er hält sich mit Urteilen zurück, – sondern diese Einschätzung drängt sich auf, wenn man den ausführlichen, aber aufschlussreichen Text liest über Aufstieg und Fall des Martin Schulz. Am 24. September 2017 verlor er die deutschen Bundestagswahlen gegen Merkel und erzielte für seine Partei, die SPD, das schlechteste Wahlergebnis seit langer, langer Zeit. 20,5 Prozent. Er erreichte ein Desaster.

Die Lektüre des Spiegel–Berichts ist schmerzhaft. Selten hat man aus dieser Nähe einen Politiker dabei betrachten können, wie er sich zerlegt, weil er auf alle hört – ausser auf sich selbst. Man fühlt sich zuweilen wie ein Voyeur in einer Trauerfamilie, als ungebetener Gast bei einer Beerdigung. Berater sagen Schulz, wie er sein soll, und wenn er es tut, werfen sie ihm hinterher vor, es nicht anders getan zu haben. Umfragen führen ihn in die Irre – und er muss das spüren – und dennoch nimmt er sie so ernst, dass er auf eine Art und Weise darunter leidet, dass selbst mich, der ihn bisher eher als kalten EU–Apparatschik empfunden hat, Mitleid ergreift. Das hat er nicht verdient. Der arme Mensch.

«Alle eure Meinungsforscher haben gesagt», hält er eines Tages seinen Beratern vor, «Herr Schulz, werden Sie nicht konkret! Bleiben Sie im Ungefähren, solange es geht! Jetzt verlieren wir eine Wahl nach der anderen, und immer muss ich mir anhören: ‹Das verlieren Sie, weil Sie nicht konkret werden.›» Das ist das Tragische an Schulz, dass er es selber sogar merkt, dass ihn seine Berater zu einer Person machen, die er nicht ist. Dass er aber nichts daran ändert, dass er weiter sich nach ihnen richtet und tapfer an der Grube gräbt, in der am Ende verschwindet.

Unverständliche Beisshemmung

Er dürfe Angela Merkel nicht angreifen, das komme nicht gut an, sagen die Berater, und Schulz unterdrückt den Ärger, den er zu Recht verspürt über eine Politikerin, die das halbe Parteiprogramm der SPD für ihre CDU übernommen hat. «Abgeschrieben» habe sie alles, möchte er ihr entgegenschleudern, doch die Berater raten ab. Als er in kleiner Runde sich dann doch einmal darüber aufregt, hat er vielleicht einen seiner besseren Momente, selbst die Berater bemerken das: «In seinem Stuhl sitzend, entwickelt Schulz nun einen zornigen Generalangriff gegen Merkel und die CDU», schreibt Feldenkirchen, «er redet sich in einen Rausch, seine Wangen beben, beide Zeigefinger trommeln im Takt der Worte und Sätze auf die Tischkante. Redenschreiber Hirschnitz lässt sein Aufnahmegerät mitlaufen. Als Schulz fertig ist, sagt er: ‹Wenn du das so machst, dann steht der Saal›.»

Also verlangt Schulz von ihm eine Rede, die genau diese Inhalte ausdrückt. Kurze Zeit später hält er diese Rede in der Hand und wundert sich: «Fast alles Scharfe, Mutige, auch Riskante, das er drei Tage zuvor angeregt hatte, ist raus», hält der Spiegel fest. Und fast schon verzweifelt fragt Schulz seine Berater: «Wo ist der Satz: Jeder glaubt, Merkel zu kennen, aber keiner weiss, wofür sie steht?»

«Unsere Forschung legt deutlich nahe, auf direkte Angriffe auf Angela Merkel zu verzichten», sagt einer seiner Berater. Selbst Schulz zentrales Anliegen: die EU, also das, wofür er sein Leben lang geglüht hat, möchten die Berater löschen: Während Schulz gerne die «Vereinigten Staaten von Europa» gefordert hätte, empfehlen die Berater eine etwas unverbindlichere Version, von den «Vereinigten Demokratien von Europa» solle er reden, das sei besser. «In der Bevölkerung gebe es da eine Ambivalenz.» Also tut Schulz, wie ihm geheissen.

Die Marketing-Politiker

Inzwischen dürfte klar geworden sein, warum Schulz wohl nie ein guter Kanzler geworden wäre. Wenn ein Politiker sich nicht einmal gegen die eigenen Berater durchsetzen kann, wie soll er dann ein Land regieren? Doch Schulz ist nicht bloss Schulz, sondern steht für eine ganze Generation von Politikern, die meinen, in der Politik gehe es nicht um inhaltliche Anliegen, sondern vor allem darum, ein Produkt zu verkaufen, das mit dem richtigen Marketing, mit der geeigneten Rhetorik, mit den passenden Bildern an die Leute gebracht werden kann.

Was Schulz an Merkel zu Recht kritisierte, dass niemand wüsste, wofür sie stehe, das gilt auch für Schulz, oder besser: für den Schulz der Berater. Wenn er, der Nicht–Akademiker, ein Mann, der aus einfachen Verhältnissen stammt, so geblieben wäre, wie er sich zu Anfang präsentierte – vielleicht hätte er eine Chance gehabt.

Als seine Partei ihn zum Kandidaten machte, und die Umfragen den Sozialdemokraten sogleich mehr Beliebtheit in Aussicht stellten, dann lag das daran, dass Schulz so wirkte, als ob er kein normaler Politiker wäre, als ob er als ein Aussenseiter anträte – was natürlich eine groteske Fehleinschätzung des Publikums war. Schulz ist seit Urzeiten ein Berufspolitiker, und dennoch, das stimmt, klang er nicht wie einer, weil er zu Anfang wohl viel mehr seinem Instinkt vertraute.

Warum sollte er nicht Merkel frontal angreifen, wenn ihm danach war? Natürlich wäre das richtig gewesen, denn worum geht es in einem Wahlkampf sonst? Wenn er, von dem jedermann wusste, dass er sein Leben der EU gewidmet hatte, nicht mehr von dieser EU schwärmen durfte, wer dann? Die Wähler, auch wenn sie bei dieser Frage «ambivalent» waren, hätten ihn wohl dafür viel weniger bestraft, als die Berater befürchteten.

Umso mehr bestraften sie ihn, weil sie spürten, dass dieser Mann sich so leicht verbiegen liess. Insofern – und das ist der Charme der Demokratie – haben die Deutschen die Schwächen von Martin Schulz richtig erkannt. Genauso wie sie die miserable Politik von Angela Merkel richtig beurteilt haben. Denn was man bei der Lektüre dieser Schulz’schen Tragödie leicht vergisst: Merkel hat sehr viel mehr Wähler verloren als Martin Schulz, obschon dieser den schlechtesten Wahlkampf aller Zeiten geführt hatte.

Warum? Weil Merkel die falsche Politik betrieben hat, eine Politik, die manchen Deutschen aus inhaltlichen Gründen nicht gepasst hat. Hätte Schulz darüber gesprochen und sie hier angegriffen, hätte er mehr daran gedacht, wofür er selber stand: Sie wäre in noch grössere Schwierigkeiten geraten.

Ein letztes Bild: Wenige Tage vor der Wahl, als die Umfragen katastrophal und die Stimmung im Keller waren, fragten sich Schulz und seine Berater, was man denn noch unternehmen könnte, um der unausweichlichen Niederlage zu entgehen. «Ich fliege morgen nach Washington», schlug Schulz plötzlich vor, «und treffe Trump.» Niemand wusste, ob er einen Witz gemacht hatte oder nicht. Und vielleicht wäre die Idee gar nicht so abwegig gewesen, weil sie immerhin vom Mut zum Tabubruch gezeugt hätte. Von jenem Mut, den gerade Donald Trump dutzendfach bewiesen hatte und weswegen er völlig überraschend zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden war. Von ihm hätte Schulz womöglich etwas lernen können. War es ein Scherz, war es ihm ernst? Wir werden es nie erfahren.

Jedenfalls flog Schulz am nächsten Morgen nicht zu Trump, sondern nach Stuttgart. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.10.2017, 08:18 Uhr

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