Seltsamer russischer Vorwahlkampf

Russlands Präsident Wladimir Putin übt seine Rhetorik an Kindern. Kontrahent Nawalny diskutiert mit Militär Strelkow.

Wladimir Putin antwortete im Jugendzentrum Sirius in Sotschi auf Fragen von Kindern und Jugendlichen.

Wladimir Putin antwortete im Jugendzentrum Sirius in Sotschi auf Fragen von Kindern und Jugendlichen.

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Einer der Höhepunkte der Debatte gehörte Igor Strelkow. «Sie waren nie ein Nationalist, und Sie sind ein zweifelhafter Patriot», verkündete er. «Ich bin ein Patriot, Sie aber ein Heuchler,» erwiderte Aleksei Nawalny. Strelkow konterte aufgebracht, er sei 1995, als Nawalny sein Studium beendete, freiwillig in den Tschetschenienkrieg gezogen, schon 1992 mit seiner alten Drillingsflinte nach Transnistrien gefahren. «Ich habe dort nicht in den Zähnen gepuhlt», rief er mit blitzenden Augen, «sondern für Russland gekämpft.» Nawalny wirkte etwas sprachlos.

In Russland hat ein seltsamer Vorwahlkampf begonnen. Gestern antwortete Wladimir Putin im Jugendzentrum Sirius in Sotschi auf Fragen von Kindern und Jugendlichen. Der Staatssender NTV sendete die erste Live-Kinderstunde des Präsidenten. Am Vortag lieferte sich Aleksei Nawalny, der Putin bei den Präsidentschaftswahlen im März herausfordern möchte, ein Rededuell mit Igor Strelkow, dem ehemaligen Kommandeur der prorussischen Rebellen im Donbass. Auch das eine Premiere, eine Internet-Debatte, die Nawalnys Portal sowie mehrere Netzsender live ausstrahlten. Etwa 100'000 Nutzer verfolgten den Disput online. Putin tat so, als gäbe es Nawalny nicht, Nawalny aber verkündete, der Nationalist Strelkow verlautbare Putins Argumente. Ohne das weiter zu vertiefen. In Wirklichkeit redeten alle aneinander vorbei.

Nawalny betonte mehrfach, er sei Präsidentschaftskandidat, Strelkow positionierte sich schnell als Anhänger einer «autokratischen Monarchie». Sie stritten über die Bekämpfung der Korruption, Nawalny zitierte aus seinem Wahlprogramm, verlangte für alle offene Wahlen, unabhängige Gerichte sowie Pressefreiheit, ausserdem ein Gesetz über illegale Bereicherung. Strelkow entgegnete, das nutze nichts, solange die Oligarchen, die im Land ein vom Westen gesteuertes Kolonialregime installiert hätten, nicht verschwänden.

«Es fehlt nur noch der Wodka»

Strelkow, der 2014, zu Beginn des Donbass-Krieges, die prorussischen Rebellen kommandiert hatte, forderte die Rückgewinnung aller seit 1917 verlorenen russischen Gebiete, Nawalny monierte im Gegenzug die wirtschaftliche Misere im Land, 20'000 Menschen unter der Armutsgrenze und Krankenhäuser, in denen die Wänden zusammenfielen. Strelkow verkündete, der Westen sei immer Russlands Feind gewesen und bleibe es, beschimpfte alle, die das Friedensabkommen Minsk II zur Lösung des Donbass-Konfliktes unterschrieben hatten, als Verräter. Nawalny versicherte, Russland könne sich wirtschaftlich keinen Krieg erlauben. Ein schlechter Frieden sei besser als ein guter Krieg.

«Keiner hat etwas Unerwartetes gesagt, es gab keine Überraschungen», kommentierte der Politologe Michail Winogradow. «Wie zwei Männer in der Küche, es fehlt nur die Wodkaflasche», postete ein Zuschauer. Tatsächlich sass hier ein betont liberaler gesonnener Anwalt einem typischen Militärpensionär gegenüber, beide schienen sich für die Argumente und Werte der Gegenseite nicht wirklich zu interessieren.

Immerhin verzichtete Nawalny, der noch vor einigen Jahren in einem Blogg zum Schusswaffengebrauch gegen kriminelle Kaukasier aufgerufen hatte, auf jede Anbiederung mit dem rechtsextremen Strelkow. «Nawalny hat das gesagt, was jeder demokratische Intelligenzler in Russland gesagt hätte», resümiert der Politologe Dmitri Trawin. Aber Nawalny versprühte dabei kaum Biss. Strelkow bürstete mehrere unangenehme Fragen ab, er sei Offizier, er müsse schweigen, um seine Offiziersehre nicht zu beflecken. Nawalny liess ihn damit davonkommen.

Putin dagegen plauderte. Er antwortete auf Teenager-Fragen, die zum grossen Teil sehr handzahm waren: Ob er gerne einmal einen Tag lang kein Präsident wäre, bei der schweren Last, die er trage? Ob er kürzlich bei einer Gedenkfeier zum Krieg aus Respekt vor den Gefallenen ohne Schirm im Regen gestanden habe? Was er in seiner Freizeit mache? Ob er das Internet nutze, soziale Netze und Instagram? Der Präsident grinste: «Mein Arbeitstag endet so spät, danach ist mir nicht mehr nach Instagram.» Aber natürlich arbeiteten seine Mitarbeiter sehr aktiv im Netz.

Kritische Nachfrage? Fehlanzeige

Auch diese Antworten waren nicht neu. Eine Schülerin aus Kemerowo klagte über den Physikunterricht, bei der wegen des russischen Einheitsabiturs nur Formeln gepaukt würden. Putin antwortete sehr ausführlich zu Vor- und Nachteilen des Einheitsabiturs. Und natürlich müsse man die Methodik verändern. Wie konkret, liess er offen. Kritische Nachfragen gab es auch hier nicht.

«Nawalny betreibt Sparring mit Strelkow, Putin übt seine Rhetorik an Kindern», urteilt Politologe Winogradow. Aber sein Kollege Trawin schliesst aus, dass Putin und Nawalny sich zu einer Vorwahldebatte an einen Tisch setzen könnten. «Putin nimmt Nawalnys Namen nicht einmal in den Mund, würde ihm nie Zugang zum Staatsfernsehen gewähren». Tatsächlich käme ein Rededuell zwischen Putin und Nawalny einer Revolution des politischen Systems Russland gleich. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.07.2017, 08:31 Uhr

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