Serbische Radikale lassen ihren Chef fallen

Serbiens Nationalistenführer Tomislav Nikolic wollte seine Partei auf einen proeuropäischen Kurs einschwören - und scheiterte. Nun tritt er zurück.

Ein Bruderkuss für Serbien: Nikolic bei einer Wahlparty diesen Frühling in Belgrad.

Ein Bruderkuss für Serbien: Nikolic bei einer Wahlparty diesen Frühling in Belgrad. Bild: Keystone

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Gut möglich, dass Ultranationalist Tomislav Nikolic die Ergebnisse der jüngsten Umfrage über die EU-Integration Serbiens gelesen hat. Darin ist zu erfahren, dass eine Mehrheit der Bevölkerung (61 Prozent) sofort für einen EU-Beitritt stimmen würde. Die grössten Sorgen der Serben bleiben die Arbeitslosigkeit und der niedrige Lebensstandard, nicht aber der Verlust Kosovos. Der erste Schritt zur EU-Mitgliedschaft ist ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAA).

Zur Überraschung der Öffentlichkeit erklärte Tomislav Nikolic, seine Radikale Partei (SRS) werde das Abkommen mit der EU unterstützen. Die oppositionelle ultranationalistische SRS ist die grösste politische Kraft in Serbien. Die regierenden proeuropäischen Politiker sprachen von einer historischen Wende, als Nikolic den Widerstand gegen das SAA-Abkommen aufgab. Zur Beruhigung der eigenen Klientel konnte der stellvertretende SRS-Vorsitzende erreichen, dass das Parlament demnächst eine Zusatzerklärung verabschiedet, die den Anspruch Belgrads auf Kosovo bekräftigt.

Kaltblütig entmachtet

Doch am Wochenende wendete sich das Blatt. Der pragmatische Ultranationalist Nikolic wurde von der Parteiführung kaltblütig entmachtet. In der EU seien die «grossen Feinde Serbiens konzentriert», deshalb dürfe die Partei keineswegs einer Annäherung an Brüssel zustimmen, mahnte der Chef der Radikalen, Vojislav Seselj, am Telefon. Der grossserbische Hasardeur sitzt seit fünf Jahren in einer Zelle des Uno-Tribunals in Den Haag, wo ihm der Prozess wegen Kriegsverbrechen an Kroaten und Muslimen gemacht wird. Die mehrheitlich von nationalistischen Falken dominierte Parteiführung der Radikalen folgte dem Ratschlag Seseljs und beschloss, das SAA-Abkommen im Parlament abzulehnen.

Nikolic legte daraufhin seine Ämter als Vizevorsitzender und Fraktionschef nieder. Das Abkommen mit der EU ist dennoch nicht gefährdet, weil die prowestlichen Parteien in der serbischen Volksvertretung eine knappe Mehrheit haben. In Belgrad wurde mit Spannung erwartet, ob Nikolic versuchen wird, die radikalen Parlamentarier zu spalten.

Der Machtkampf zwischen Seselj und Nikolic hatte seit Monaten getobt. Serbischen Medien zufolge lehnte Seselj den gemässigten Kurs seines Statthalters in Serbien ab; in einem politischen Testament hatte er die Radikalen sogar aufgefordert, niemals von der Idee eines grossserbischen Staates abzurücken. Nikolic wiederholte eher widerwillig solche Parolen, liess aber verlauten, dass neue Kriege auf dem Balkan ausgeschlossen seien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2008, 23:38 Uhr

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