Sesselrücken im Bundestag

Einige Vertreter des deutschen Bundestages führen sich auf wie beleidigte Pennäler, die glauben, das Leben sei zu Ende, wenn sie nicht auf dem richtigen Stuhl sitzen.

In der Politik ist es auch nicht gross anders ist als in der Schule: Jeder will einen bestimmten Platz im Bundestag und einen andern auf gar keinen Fall.

In der Politik ist es auch nicht gross anders ist als in der Schule: Jeder will einen bestimmten Platz im Bundestag und einen andern auf gar keinen Fall. Bild: Keystone

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Man hat schon seit geraumer Zeit den Eindruck, dass viele Mitglieder des Bundestages, die MdBler, immer billiger werden, aber das stimmt nur im Hinblick auf Sprache, Inhalte und Visionen. Jenseits davon werden sie immer teurer. Finanziell gesehen ist der Bundestag ein Organismus, der ohne Obergrenze auskommt: Ein Abgeordneter wird den Steuerzahler all inclusive eine sehr, sehr gute Million Euro im Jahr kosten, und 709 MdBs sind es neu. Nur noch Chinas Volkskongress übrigens hat mehr Abgeordnete. Deutschland, so scheint es, ist zu einem Land geworden, in dem Quantität begonnen hat vor Qualität zu gehen. Das war ja auch das Merkmal dieser deutschen Affekthandlung namens «Willkommenskultur».

Am 24. Oktober werden alle Parlamentarier das erste Mal im Reichstag zusammensitzen. Die Frage ist nur wo. Weil das in der Politik auch nicht gross anders ist als in der Schule; jeder will einen bestimmten Platz und einen andern auf gar keinen Fall. Es gibt nun so etwas wie eine provisorische Sitzordnung, und es gibt Geschrei und Gezeter deswegen, und einige Vertreter des noch nicht konstituierten Parlaments führen sich auf wie beleidigte Pennäler, die glauben, dass das Leben zu Ende sei, wenn sie nicht auf dem richtigen Stuhl sitzen.

Neben der AfD soll die FDP Platz nehmen, aber die hat keine Lust auf diesen Sitznachbarn und würde lieber in der Mitte sitzen.

Und wie stets und wie vieles in diesen politischen Tagen Deutschlands, hat auch die Sitzproblematik mit der AfD zu tun. Die AfD soll aus der Optik des mittigen Rednerpultes ganz rechts aussen sitzen, was ja Sinn macht. Neben der AfD soll die FDP Platz nehmen, aber die hat keine Lust auf diesen Sitznachbarn und würde lieber in der Mitte sitzen. Links von der FDP soll traditionellerweise die Union sitzen, dann die Grünen, die SPD und ganz links die Linken. Für einmal sind weniger die deutschen Linksparteien das Problem; Linke und SPD tun so, als ob sie ihren Platz gefunden hätten. Die Grünen, zwischen SPD und Union sind ungefähr dort, wo sie politisch gerade herumlavieren, und zufrieden, und die Union sitzt in der Mitte in gradlinigem Blick zur Kanzlerin.

Die Union könnte nun den Platz in der Mitte für die FDP freimachen und neben die AfD sitzen, aber das will die Union nicht wirklich, aber schlechte Stimmung auf dem Pausenhof und später auf der gemeinsamen Jamaika-Klassenfahrt will sie natürlich auch nicht. Die beiden wollen verhandeln, aber die pragmatischste Lösung in dieser Quadratur der Sitze scheint zu sein, dass sie «Reise nach Jerusalem» spielen, und wer dann auf dem letzten Stuhl sitzt, darf wählen.

Die Grünen beharren auf ihren Fraktionssaal in einem Reichtagsturm, weil man von dort wohl einen tollen Blick auf die Bäume hat.

Das ist noch nicht alles an Meldungen aus dem politischen Herzen Deutschlands. Es gibt ebenfalls Gerangel darum, welche Fraktion in welchem Raum im Reichstag tagen darf – also welche Klasse in welchem Klassenzimmer –, und diesbezüglich beharren die Grünen auf ihren Fraktionssaal in einem Reichtagsturm, weil man von dort wohl einen tollen Blick auf die Bäume hat, weit weg ist von Verbrennungsmotoren und sich das Gefühl einreden kann, oben angekommen zu sein.

Es gibt noch ein weiteres Problem in diesen Tagen, die keine sind für die wirklichen Probleme. Die Stuhlreihen der AfD ganz aussen rechts befinden sich unmittelbar vor der Regierungsbank und bei TV-Übertragungen gibt es eine fix positionierte Kamera, die häufig die bekannten Gesichter der Regierung ins Bild bringt und offenbar dann auch jene Hinterbänkler, die bei der AfD in der ersten Reihe sitzen. Das heisst, die AfD hat dann ebenso viel Bildpräsenz wie die Bundesregierung und mehr als alle andern Parteien. Irgendwie sitzt Deutschland dieser Tage nicht gerade fest im Sattel. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.10.2017, 10:49 Uhr

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